Gurke der Woche: Wenn die Corona-Zahlen hoffnungsvoll stimmen, hat man die falschen Zahlen

Gurke der Woche: Wenn die Corona-Zahlen hoffnungsvoll stimmen, hat man die falschen Zahlen

Nun ist sie also doch noch da; die dritte Welle. Oder zumindest liefert der «Tagesanzeiger» Zahlen die zeigen sollen, warum es eigentlich schlimmer wird, selbst wenn es besser wird.

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von Stefan Bill am 7.5.2021, 10:30 Uhr
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Bevor die vom Bundesrat entschiedenen Lockerungen vor knapp drei Wochen in Kraft traten, gab es bereits empörte Stimmen, die eine massive Ausbreitung der Fälle und eine Katastrophe für das Gesundheitswesen herbei schrien und schrieben. Trotzdem war man vorbereitet, falls die Fallzahlen trotz Öffnungsschritten nicht drastisch ansteigen oder - und man stelle sich das einmal vor - sogar noch sinken. Aussagen wie: «Wir verdanken es nur den vorhergehenden Massnahmen, dass die Situation sich beruhigt hat» oder «das ist der Effekt der Impfung», waren absehbar. Doch jetzt überrascht der «Tagesanzeiger» mit einer neuen These: Die dritte Welle wütet eigentlich gerade heftig. Nur erkennt man es diesmal halt nicht an den Zahlen, die man üblicherweise verwendet, um das Infektionsgeschehen zu beobachten. Wenn selbst der Reproduktionswert unter 1 liegt, muss man sich eben neue Zahlen zusammenreimen, um seinen Standpunkt zu untermauern. Und so fahren die Kollegen Marc Brupbacher und Andreas Moor mit verschiedenen Statistiken auf, die belegen sollen, dass die dritte Welle das Land erfasst hat und besonders die Jungen stark gefährdet.
Das erste Argument, das die beiden ins Feld führen, ist, dass man eigentlich die Inzidenzwerte nicht mehr in Bezug zur Gesamtbevölkerung berechnen, sondern davon die bereits Geimpften und die Genesenen abziehen sollte. Denn diese können sich ja nicht mehr anstecken. Dabei haben die beiden Autoren wohl die diversen Tagesanzeiger-Artikel gekonnt vergessen, die uns im vergangenen Jahr Angst und Schrecken brachten, indem sie von Zweitansteckungen und Ansteckungen trotz Impfung handelten.
Beispiele von «Tagesanzeiger»-Artikel
Namentlich ziehen die beiden Autoren bei der neuen Berechnung von der Gesamtbevölkerung 20 Prozent Geimpfte, 5 Prozent Immune durch Erkrankung und schliesslich nochmals angenommene 15 Prozent Genesene ab. Dadurch wäre die Inzidenz nicht mehr bei 300 Fällen pro 100’000 Einwohner, sondern bei 480 und damit sogar über dem Richtwert des Bundesrates für Verschärfungen. Brauchen wir nun schärfere Massnahmen trotz sinkender Fallzahlen?

Spitäler überlastet?

Eigentlich ging es ja seit Beginn der Pandemie nicht in erster Linie darum, wie viele Menschen sich mit Corona anstecken, sondern darum, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Doch auch da haben die Autoren schlechte Nachrichten. Die Belegung der Intensivbetten steige nämlich «nach wie vor». Tatsächlich haben die Coronafälle auf den Intensivstationen in den letzten eineinhalb Monate um rund 80 Fälle zugenommen. Man dürfte allerdings an dieser Stelle auch etwas optimistischer erwähnen, dass die Anzahl Betten auf den Intensivstationen seit mitte November kontinuierlich abnimmt und mittlerweile so tief ist, wie seit 14 Monaten nicht mehr. Das dürfte eher ein Indiz dafür sein, dass eine Überlastung der Intensivstationen nicht zu erwarten ist. Auch die Hospitalisationen nehmen kontinuierlich ab. Trotzdem schafft es der Tagesanzeiger dem Leser das Gefühl zu geben, als hätten sich die Zahlen verdoppelt. Dies weil sie die Spitaleinweisungen gekoppelt an die positiven Tests ausweisen.
Schlussendlich appellieren die beiden Autoren, dem «trügerischen Bild» der optimistischen epidemiologischen Entwicklung «nicht zu trauen». Für diesen Appell und den Aufwand, verschiedene Grafiken zu konstruieren, die ihre These stützen, erhalten die beiden von uns den Titel der Gurke der Woche.
Unter der Rubrik «Die Gurke der Woche» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

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