Grosse Geschlechterunterschiede bei Urteilen gegen Jugendliche

Grosse Geschlechterunterschiede bei Urteilen gegen Jugendliche

Im letzten Jahr wurden 10 Prozent mehr Urteile gegen Jugendliche wegen einer Straftat des Strafgesetzbuches als im 2019 ausgesprochen. Dabei wurden deutlich mehr Männer verurteilt. Ausländer landeten öfters im Gefängnis.

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von Stefan Bill am 5.7.2021, 13:36 Uhr
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Nachdem wir bereits im März über einen Anstieg der begangenen Straftaten von Jugendlichen aufgrund der polizeilichen Kriminalstatistik berichteten, liegen nun auch die Daten über die Verurteilungen von Jugendlichen aus dem letzten Jahr vor. Insgesamt wurden im letzten Jahr in der Schweiz 17’415 Jugendliche verurteilt. Über ein Drittel davon waren unter 15 Jahre alt oder jünger.
Von den 17’415 Verurteilten waren nur 3891 weiblich. 10’966 waren Schweizer. Der mit Abstand höchste Ausländeranteil bei den Verurteilten hat der Kanton Aargau. Dort sind von 1665 verurteilten Jugendlichen gerade einmal 575 Schweizer.

Mehr Urteile wegen Gewaltstraftaten

Schweizweit wurden die meisten Urteile aufgrund einer Straftat des Strafgesetzbuches (StGB) ausgesprochen. 7944 sind es an der Zahl. Das ist eine Zunahme von 10 Prozent gegenüber 2019. Die Urteile verteilen sich auf 7314 Personen. Auch hier ist der Frauenanteil mit 1625 tief.
Besonders gross ist der Geschlechterunterschied bei Übertretungen, Vergehen oder Verbrechen gegen Leib und Leben. Während «nur» 156 junge Frauen verurteilt wurden, waren es bei den Männern 1187. 602 haben keinen Schweizer Pass.
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Die Verurteilungen von Jugendlichen wegen Gewaltstraftaten stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent. Wobei speziell schwere Körperverletzungen, Angriffe, Raub und Raufhandel zugenommen haben. Die Geschlechterunterschiede sind auch hier sehr gross. 62 männliche Jugendliche wurden wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Bei den Frauen waren es nur drei. 32 Mal wurden Schweizer verurteilt, 33 Mal Ausländer.
Von allen verurteilten Gewaltstraftätern waren weniger als ein Achtel Frauen. Bei den Ausländern ist es ein bisschen weniger als die Hälfte. Vergleicht man das mit dem Ausländeranteil der Jugendlichen in der Schweiz– 2019 waren es rund 441’000 Ausländer unter 20 Jahren gegenüber rund 1’276’000 Schweizern – ist das jedoch überdurchschnittlich hoch.
Mit Abstand am meisten Verurteilungen wegen Gewaltstraftaten gab es in den Kantonen Zürich (397) und Bern (243).

Zunahme der Verurteilungen von Jugendlichen nach Strafbestand gegenüber 2019
  • Raufhandel +93%
  • schwere Körperverletzung +35%
  • Angriffe +36%
  • Raub +58%

Betäubungsmittelkonsum

Lediglich die Urteile aufgrund von Betäubungsmittelkonsum gingen um 18 Prozent zurück. Insgesamt wurden noch 4091 Jugendliche verurteilt. Auffallend hierbei ist, dass der Anteil der verurteilten Schweizer mit 2896 zu 1195 Ausländern deutlich höher liegt als bei anderen Delikten.
Auch wenn das Bundesamt für Statistik keine Informationen über die gehandelten oder konsumierten Substanzen hat, liegt die Vermutung nahe, dass die Abnahme mit einem Bundesgerichtsentscheid aus dem Sommer 2019 zusammenhängt. Denn seit diesem ist der Besitz von geringen Mengen Cannabis auch für Jugendliche nicht mehr strafbar. Das heisst, Jugendliche, die nicht direkt beim Konsum erwischt werden und weniger als 10 Gramm der Droge auf sich tragen, kommen straffrei davon.
Cannabis ist die meistkonsumierte illegale Droge in der Schweiz. In einer Umfrage des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums im Jahr 2017 gaben 7,8 Prozent der 15- bis 19-Jährigen an, im letzten Monat Cannabis konsumiert zu haben. 17,6 Prozent der 14 und 15 Jährigen hatten bereits einmal in Ihrem Leben Cannabis probiert. Auch wenn die Zahlen bereits vier Jahre alt sind, sind es die aktuellsten, die das Bundesamt für Gesundheit hat. Es deutet aber nichts darauf hin, dass der Konsum von Cannabis unter Jugendlichen rückläufig wäre. Dass diese Jugendlichen nun aber bei Besitz von unter 10 Gramm nicht mehr angeklagt und somit auch nicht verurteilt werden, könnte den massiven Rückgang von Urteilen aufgrund des Betäubungsmittelgesetzes erklären.

Bestrafungen

Am meisten wurden die Straftaten der Jugendlichen mit Verweisen, persönlichen Leistungen und Bussen bestraft. Darüber, ob letzteres eine wirksame Erziehungsmethode ist oder ob die Bussen einfach von den Eltern bezahlt werden müssen, liegen keine Zahlen vor. Jedoch wurde diese Art der Bestrafung bei den über 15-Jährigen in 36 Prozent der Fälle angewendet.
Ins Gefängnis mussten nur gerade sechs Prozent der verurteilten Jugendlichen. Das sind 840 Personen. Auch hier setzt sich der Trend fort. Nur 51 der Inhaftierten sind weiblich.
Der Unterschied zwischen Schweizern und Ausländern ist hier aber bedeutend grösser als bei den Straftaten. Lediglich 334 von den 840 hatten den Schweizer Pass. Bei der unbedingten Freiheitsstrafe ist der Unterschied noch grösser. Während 58 Schweizer diese Strafe erhielten sind es bei Jugendlichen ohne Schweizer Pass 173. Auch der Anteil von Schweizern in Untersuchungshaft ist mit 140 zu 239 relativ gering. Dafür wurden mit 3891 zu 2094 deutlich mehr Schweizer mit einer persönlichen Leistung bestraft. Ob die Unterschiede in der Härte der Bestrafungen daran liegt, dass die Vergehen von Ausländer vor Gericht härter geahndet werden oder ob sie schwerer waren, kann nicht direkt aus den Zahlen abgeleitet werden. Die gesamte Statistik für Verurteilungen für eine Übertretung, ein Vergehen oder ein Verbrechen nach Artikeln des Strafgesetzbuches finden Sie hier:
  • Verurteilungen und verurteilte Personen aufgrund von Gewaltstraftaten .xlsx

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