Gottfried Locher vor dem Känguru-Gericht

Gottfried Locher vor dem Känguru-Gericht

Eine Kommission der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz hat ihren ehemaligen Präsidenten verurteilt. Ohne Anklage, ohne Beweise, ohne Zuständigkeit.

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von Markus Somm am 7.8.2021, 03:42 Uhr
Gottfried Locher amtierte von 2011 bis 2020 als Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.
Gottfried Locher amtierte von 2011 bis 2020 als Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.
«Grenzverletzungen» gegenüber einer Frau habe sich Gottfried Locher zuschulden kommen lassen, und das reichte, um ihn als Präsidenten der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) von seinem Amt zu entfernen. Was das im Konkreten bedeutete, ist auch jetzt noch nicht klar, nachdem die Kirche diese Woche ihren «Untersuchungsbericht» veröffentlicht hat, ein Bericht, der als objektiv und unabhängig dargestellt wird. Tatsächlich handelt es sich um ein Parteigutachten, verfasst von einer eigenen Kommission der EKS, die sich weitgehend auf Erkenntnisse stützte, die eine Anwaltskanzlei zusammengetragen hatte, – bezahlt von der reformierten Kirche, also den Steuerzahlern. Gottfried Locher kam im Bericht nicht zu Wort, die mandatierten Anwälte befragten ihn auch nicht, stattdessen wurde ihm so gut wie alle Schuld zugewiesen. Einen «Kangaroo Court», ein Känguru-Gericht nennen die Angelsachsen so ein Gremium. Gottfried Locher, ein charismatischer, streitbarer Präsident, war vor gut einem Jahr unfreiwillig zurückgetreten.
Hat Locher eine Frau sexuell belästigt? Hat er sie vergewaltigt oder handelte es sich bloss um einvernehmlichen Sex, den die Frau im Nachhinein bedauerte, nachdem sie von Locher verlassen worden war? Wir wissen es nicht. Wir wissen gar nichts. Wir wissen nicht, was er getan hat, wir wissen nicht, ob es dafür Beweise gibt, wir wissen nicht, wie er sich verteidigen würde, hätte er je Gelegenheit dazu erhalten. Und wir wissen nicht, ob er sich überhaupt für irgendetwas verteidigen müsste.
Es lohnt sich diesen Bericht im Original zu lesen, um das Ausmass des Skandals zu erfassen. Die Kommission schreibt:
«Bei der Lektüre des gut strukturierten und dokumentierten Anwaltsberichts wird deutlich, dass ein Missbrauch der Beschwerdeführerin durch ihren ehemaligen Vorgesetzten stattgefunden hat, wodurch sie in ihrer sexuellen, psychischen und spirituellen Integrität verletzt wurde, und dass die Institution es versäumt hat, sie gegen diesen Machtmissbrauch zu schützen.»
Leider können wir selber nicht überprüfen, ob das stimmt, insbesondere «wie gut dokumentiert» die Vorwürfe sind. Denn die kirchliche Kommission hat nur Auszüge des Berichts der Anwälte veröffentlicht, mit Aussagen, die ihr, so dürfen wir vermuten, auch passen. Man kennt dieses Verfahren aus lausigen, «wissenschaftlichen» Texten. So bleiben wir im Dunklen, zumal die ganz wenigen Beispiele, die den «Machtmissbrauch» von Locher aufzeigen sollen, geradezu bizarr wirken.
So berichten die Anwälte von einem Interview mit Martin Zwahlen, dem Ombudsmann der reformierten Kirche: «die Beschwerdeführerin habe ihm Probleme mit ihrem Vorgesetzten, dem Präsidenten, geschildert. Er wolle von ihr ständige Verfügbarkeit, z.B. schicke er auch am Wochenende E-Mails. Er (Martin Zwahlen) habe dann gefragt, ob er ein Gespräch leiten solle zwischen ihr und dem Präsidenten. Die Beschwerdeführerin habe dann gesagt, der Präsident sei sicher nicht bereit dazu. Er habe dann über die verschiedenen Möglichkeiten gesprochen, nämlich, dass er ein persönliches Gespräch mit Herrn Locher führe, dass sie sich an die Personalkommission wende oder einen Arzt aufsuche. Das habe am Erstgespräch stattgefunden. Am 21. Dezember 2011 habe sie ihm dann gesagt, dass sie wegen Depressionen krankgeschrieben worden sei und dass ein Qualifikationsgespräch vorgeschlagen worden sei. Sie habe ihn dann gefragt, wie sie reagieren soll und sie habe ihm dann gesagt, sie habe immer noch Hoffnung, dass sich ihr Vorgesetzter ändere. Sie wolle im Moment nichts unternehmen.»
Halten wir fest: Gottfried Locher verlangte von seiner Untergebenen, dass sie am Wochenende Emails empfange. Gewiss, das kann lästig sein, aber ist er deswegen ein Dschings-Khan? Vielleicht verlangte er auch andere Dinge – doch wir wissen es nicht. Im ganzen Bericht der Kommission ist das der einzige konkrete Beleg eines Führungsverhaltens, das laut Kommission die Frau in ihrer «sexuellen, psychischen und spirituellen Integrität verletzt» hat. Give me a break.

In der Bananen-Kirche

Nachdem die Anklägerin von Locher nicht weiterkam – unter anderem auch, weil sie oft selber «nichts unternehmen» wollte, gelangte ihre Beschwerde irgendwann auch zu Sabine Brändlin, die im Rat der EKS für die Prävention sexueller Übergriffe in der Kirche zuständig war. Für geraume Zeit kümmerte sich Brändlin nun mit einer Kollegin um die Beschwerde, man zog Anwälte bei, und stellte eine überaus kostspielige PR-Agentur an (Farner), um die Kommunikation nach aussen sicherzustellen. Auch dieses Verfahren fiel nicht als besonders fair auf, wenn es um die Perspektive von Locher ging. Seine Sicht der Dinge interessierte nicht – oder er weigerte sich, diese zu geben. Im Nachhinein betrachtet aus verständlichen Gründen.
Denn erst nach Monaten wurde bekannt, dass Brändlin in dieser Angelegenheit über eine doch eher spezielle Expertise verfügte: Es kam heraus, dass sie Jahre zuvor eine sexuelle Beziehung zu Locher unterhalten hatte. Einvernehmlich, aber ausserehelich zweifellos. Locher ist verheiratet.
Dass Brändlin monatelang diese Affäre vor der EKS verheimlicht hatte, empfanden zwar auch manche ihrer Kollegen als ungehörig, und bald trat sie zurück. Wobei sie jedoch die Chuzpe aufbrachte zu behaupten, sie gebe ihr Amt nicht deswegen auf, weil sie ihren eigenen Rat hintergangen hatte, sondern, weil Locher immer noch nicht freigestellt worden sei. Wenn schon eine Sünde begehen, dann richtig, muss sich diese möglicherweise gläubige Christin gesagt haben. Jedenfalls zog sich wenig später auch Locher zurück.
Sodom und Gomorrha bei den Reformierten. Mag sein, dass die Beschwerdeführerin unter ihrem Chef gelitten hat, mag sein, dass auch Sabine Brändlin Anlass zu Rachegefühlen hatte: Doch ganz offensichtlich war nichts, was sie Locher vorwarfen, justiziabel, sonst hätten sie längst einen Strafprozess gegen ihn angestrengt. Sie wären zur Polizei gegangen, nicht zu Ombudsmännern und Gremien, die sie selbst besetzten.

Anklägerin, Richterin, Henkerin zugleich

Denn das ist der wahre Skandal. Wenn Gottfried Locher Unrecht getan haben sollte, dann gibt es in der Schweiz nach wie vor ordentliche Gerichte, die das nach gültigen und anerkannten Methoden beurteilen können. Wir brauchen keine Känguru-Gerichte, die die Kirche selbst betreibt wie seinerzeit die Heilige Inquisition. Der Vergleich ist keinesfalls an den Haaren herbeigezogen: Die reformierte Kirche hat sich im Fall Locher zur Klägerin, Richterin und Henkerin zugleich aufgeschwungen – während man nie eine Verteidigerin auftreten liess und der «Angeklagte» schon im Kerker sass, bevor man ihn überhaupt verhört hatte, geschweige denn irgendeiner Untat überführt hätte. Locher war schuldig, weil er schuldig war.
«Grenzverletzungen»? Wenn etwas beweist, dass die Sache zum Himmel stinkt, dann dieser unbestimmte Vorwurf aus dem Reich der Vulgärpsychologie. «Grenzverletzung» steht in keinem Strafgesetzbuch als Delikt.
Es gibt offensichtlich keinen Fall Locher. Es liess sich nichts wirklich Schlimmes finden, was man ihm vorhalten konnte, das einer gerichtlichen Überprüfung standgehalten hätte. Wenn es einen Fall gibt, dann ist das der Fall einer Kirche, die ihre eigene Vergangenheit verrät. Die «Kirche der Ketzer», wie sie die Katholiken während der Reformation beschimpften, verbrennt nun selbst angebliche Ketzer.
Was Locher angetan wurde von einer christlichen Kirche, die sich eigentlich noch zutrauen sollte, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ist unerträglich. Die immer weniger werdenden Mitglieder einer der früher einmal wichtigsten und beeindruckendsten Kirchen unseres Landes sollten sich das nicht gefallen lassen.

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