Gott will plötzlich auch ein 3G-Zertifikat sehen

Gott will plötzlich auch ein 3G-Zertifikat sehen

Wenn gar nichts mehr möglich ist, bleibt immerhin der Gang zur Kirche: Das war einmal. Immer mehr Gottesdienste sind nur mit einem Covid-Zertifikat zugänglich. Im Gespräch mit Benjamin Kilchör, evangelischer Theologe und Professor für Altes Testament.

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von Stefan Millius am 22.9.2021, 04:00 Uhr
Dr. Benjamin KIlchör.
Dr. Benjamin KIlchör.
Benjamin Kilchör*, bei Gottesdiensten bis zu 50 Personen sind Kirchen von der Zertifikatspflicht befreit. Ketzerisch gefragt: Wird diese Grenze heute überhaupt noch gesprengt aus Ihrer Erfahrung? Oder fallen fast alle Gottesdienste in diese Kategorie unter 50 Personen?
Ja, diese Grenze wird oft gesprengt. Ich bin reformiert, im «frommen» Zürcher Oberland zuhause, und da kenne ich eine ganze Reihe von Kirchen, welche diese Grenze jeden Sonntag sprengen. Ich nehme an, dass es auch viele katholische Kirchen gibt, auf die das zutrifft und Freikirchen sowieso: Freikirchen mit weniger als 50 Gottesdienstbesucher gelten als eher kleine Gemeinden. Mit einer Beschränkung auf 50 Personen dürfen Kirchen also auf die Zertifikatspflicht verzichten. Aktuell liest man aber in Voranzeigen von Gottesdiensten oft: «Nur mit Covid-Zertifikat». Ist Ihnen das auch aufgefallen?
Ja und nein, ich denke, es ist regional sehr verschieden. Es gibt ja derzeit eine Diskussion über den Stadt-Land-Graben und einige dieser Beobachtungen treffen auch auf die kirchliche Situation zu: In ländlichen Gebieten sehe ich es oft, dass man bemüht ist, die Zertifikatspflicht zu umgehen, indem man zum Beispiel zwei Gottesdienste nacheinander anbietet, während städtische Kirchen eine Zertifikatspflicht für Kirchen, inklusive Eingangskontrollen, in der Tendenz offenbar für weniger problematisch halten. Man kann aber auch das Phänomen der Shifting Baselines beobachten.
Was meinen Sie damit konkret?
Der Pfarrer einer der bedeutendsten Kirchen der Schweiz äusserte sich gegenüber ref.ch am 3. September noch folgendermassen: «Ich bin ganz klar gegen eine Zertifikatspflicht. Der Kirchenraum ist für alle Menschen offen. Das ist die Grundhaltung der Kirche.» Heute liest man auf der Startseite derselben Kirche, da man den Schutz der Gottesdienstbesucher ernst nehme, gelte für Gottesdienste ab 50 Personen Zertifikatspflicht. Der Bundesrat erlaubt es offenbar nicht, dass die Kirche ihrer Grundhaltung treu bleiben kann. Die neue Grundhaltung ist dann nicht mehr die Offenheit der Kirche für alle Menschen, sondern Eingangskontrollen zum Schutz der Gottesdienstbesucher.
Und welche Auswirkungen hat das aus Ihrer Sicht?
Die Auswirkungen liegen auf der Hand: Wie die Gesellschaft gespalten wird, so werden auch die Gottesdienstgemeinden gespalten. Eine kirchlich sehr aktive Gottesdienstbesucherin hat mir nach dem letzten Sonntag geschrieben: «Ich habe am Sonntag recht gelitten, weil ich kein G hatte und nicht in die Kirche durfte, nur per Stream. Das hat echt etwas mit mir gemacht, nach all den Jahren plötzlich ausgeschlossen zu werden.» Es gibt Bestrebungen von kirchlichen Organisationen, ganz aus der Zertifikatspflicht entlassen zu werden, gleichzeitig führen einzelne Kirchgemeinden wie erwähnt freiwillig eine solche unabhängig von der Anzahl der Besucher ein. Wie bewerten Sie das, wo liegt aus Ihrer Sicht die Motivation für diese Übererfüllung einer Regel? In ganz Westeuropa ist ein Voranschreiten der Zivilreligion zu beobachten. Zivilreligion meint, kurz gesagt, eine Politisierung der Kirche und eine religiöse Aufladung des Staates und der Politik. Die teilweise zu beobachtende Motivation zur Übererfüllung staatlicher Regeln hängt meiner Meinung nach damit zusammen: Man ist überzeugt, im Dienst des moralisch Guten zu stehen, möchte den Staat, zu dem man ein weitgehend unkritisches Verhältnis pflegt, unterstützen und damit zugleich gegen die vom Staat für «unsolidarisch» erklärten Regierungskritiker ein Zeichen setzen. Der Staat setzt sich für unser Heil ein, verfolgt keine Eigeninteressen, und wir sollten ihn dabei so gut wie möglich unterstützen. Wichtig ist, zu verstehen, dass das nicht böswillig geschieht, sondern im Bemühen um das moralisch Gute. Der vielleicht bekannteste Roman der Weltliteratur, der Zivilreligion mehr oder weniger in Vollendung zeigt, ist «Schöne neue Welt» von Aldous Huxley. Dort wird dieses Phänomen sehr treffend in den Satz gefasst: «Diejenigen, die es gut meinten, benahmen sich nicht anders, als diejenigen, die es böse meinten.» Ein Ehtiker findet in einem Interview, aus theologischer Sicht sei es richtig, Gottesdienste für Menschen ohne Zertifikat zuzulassen, weil niemand ausgeschlossen werden dürfe. Aber die Kirche sei auch eine «zivilgesellschaftliche Akteurin», und dort müsse sie verantwortungsvoll und solidarisch handeln, sprich: Ein Zertifikat verlangen. Wie beurteilen Sie diese Unterscheidung der Rollen von Kirchen? Aus meiner Sicht spielt hier gerade die Logik der Zivilreligion mit hinein. Das Zertifikat wird als Instrument zur Pandemiebekämpfung überhaupt nicht hinterfragt oder problematisiert in seinen gesellschaftlichen, politischen und auch rechtlichen Dimensionen. Es wird einfach vorausgesetzt, dass es als staatliches Instrument Bestandteil eines solidarischen und verantwortungsvollen Umgangs mit der Pandemie ist. Dieser Ethiker sagt sogar, die Nächstenliebe spreche für die Zertifikatspflicht. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Frage, was dieses Zertifikat tatsächlich bringt und was für Schaden es anrichtet, was für Strukturen es auch einführt und zementiert, findet nicht einmal im Ansatz statt. Man könnte argumentieren: Gottesdienste sind eine tendenziell überalterte Veranstaltung, es treffen sich Risikogruppen, diese müssen geschützt werden. Kann man das übergehen mit dem Hinweis auf die Kirche als möglichst offenen Raum? Kirchen sind ja allgemein kein «rechtsfreier Raum». Erfahrungsgemäss würde ich sagen: Je grösser die Gottesdienstgemeinde, desto durchmischter auch das Alter. Die Gottesdienste, die fast ausschliesslich von älteren Personen besucht werden, erlauben in der Regel ohne Probleme die Einhaltung von Abstand. Zudem spielt hier natürlich die Frage der Bevormundung mit hinein: Ist es die Aufgabe der Kirche, die Menschen gesundheitlich zu schützen, oder ist es die Aufgabe, einen Rahmen zu schaffen, in dem sie sich so schützen können, wie sie das für sich möchten? Die meisten älteren Personen sind geimpft, wer ungeimpft als Risikoperson in einen Gottesdienst geht, tut dies bewusst, kann sich einen Platz mit Abstand suchen, eine Maske tragen. In Deutschland gilt beispielsweise die Regel: Zertifikat oder Maske. Das bringt seine eigenen Probleme mit sich, erlaubt es aber immerhin allen, am Gottesdienst teilzunehmen. Einige Gemeinden machen einen Kunstgriff: Die grosse Messe am Sonntag mit Zertifikatspflicht, am Werktag mit Maske, aber ohne Zertifikat. So soll jedem der Kirchenbesuch ermöglicht werden. Ist das ein gangbarer Weg? Das ist eine spezifisch katholische Lösung, weil in den evangelischen Kirchen Gottesdienste unter der Woche nicht üblich sind. Grundsätzlich halte ich das Abhalten von mehreren Gottesdiensten für eine bessere Lösung als die Zertifikatspflicht, aber die Kirchen sollten so oder so darauf hinwirken, dass die Zertifikatspflicht wieder aufgehoben wird. Zertifikate sind Ausdruck einer geschlossenen Gesellschaft und stehen im Gegensatz zu einer offenen Gesellschaft - nicht nur im kirchlichen Raum. Die Kirche als Zuflucht, als sicherer Raum für jeden, unabhängig von Person und Vorgeschichte: Könnte dieses Image leiden unter der Zertifikatspflicht? Aus vielen Beobachtungen, Rückmeldungen und Gesprächen - sowohl solchen, die nach wie vor kirchlich sehr aktiv sind, wie auch solchen, die sich abgewendet haben oder immer kirchenfern waren -, würde ich sagen: Ja, ganz klar. Die Zertifikatspflicht richtet in den Kirchen und auch in der Gesellschaft Schäden an, die nicht so schnell heilen werden, sie zerstören Vertrauen, Beziehungen und auch wichtige Gewohnheiten. Welches Vorgehen empfehlen Sie den einzelnen Kirchgemeinden unter den aktuellen Regeln? Handlungsspielräume ausschöpfen, klar und deutlich Stellung beziehen im Sinne des Evangeliums von Jesus Christus, der im Johannesevangelium sagt: «Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen», Lösungen finden, die auf das Zertifikat konsequent verzichten. Vielleicht können die Kirchgemeinden sich ja für das Referendum, mit dem im November das Zertifikat beendet werden kann, ähnlich laut engagieren wie letztes Jahr für die Konzernverantwortungsinitiative. Schliesslich bin ich der Meinung, dass man sich über die rechtliche Dimension des Zertifikats zumindest Gedanken machen und gegebenenfalls rechtliche Mittel gegen die Zertifikatspflicht ergreifen sollte, denn ob die Zertifikatspflicht überhaupt eine gesetzliche Grundlage hat, ist, wie mir mehrere Rechtsanwälte persönlich bestätigt haben, mehr als fragwürdig. Haben kirchliche Mitarbeiter überhaupt das Recht, Gesundheitsdokumente von Gottesdienstbesuchern zu überprüfen? Es wäre spannend, wenn sich eine Kirchgemeinde dazu durchringen könnte, den Rechtsweg gegen die Zertifikatspflicht zu beschreiten.
* Dr. Benjamin Kilchör (*1984) ist evangelischer Theologe und Professor für Altes Testament an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel.

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