Globi und Pippi auf dem Weg zum Scheiterhaufen

Globi und Pippi auf dem Weg zum Scheiterhaufen

Das selbsternannte politisch korrekte Wahrheitsministerium macht auch vor unseren alten Kinderbüchern nicht halt.

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von Martin A. Senn am 17.5.2021, 19:09 Uhr
Neuerdings hochexplosive Fundstücke aus dem Kinderzimmer: Globi, Pippi und ihre Freunde.
Neuerdings hochexplosive Fundstücke aus dem Kinderzimmer: Globi, Pippi und ihre Freunde.
Im Büchergestell in einem alten, ehemaligen Kinderzimmer habe ich sie noch gefunden: Die stillen Zeugen, die uns und unsere Eltern zu so schlimmen Rassisten gemacht haben sollen. «Mit Globi und Käpten Pum um die Welt» etwa. Die Zeichnungen der vielen Schlachten und Versöhnungen des legendären schweizerischen Papageienmenschen mit den Eingeborenen wurden von einer krakeligen Kinderhand mit Farbstift ausgemalt. Ein Gotti Anni hat das Buch 1944 einem der Buben im Haus geschenkt, wie der Widmung auf der ersten Seite zu entnehmen ist.
Einige Buchrücken weiter stehen, völlig zerlesen und mit zerfleddertem Schutzumschlag, die Abenteuer von «Tom Sawyer und Huckleberry Finn» und natürlich dem Sklaven Jim, der, wie alle wussten, ein «Neger» war, und laut Mark Twain, seinem Erfinder, fast ebenso oft ein «Ni…» - aber lassen wir das.
Die «zehn kleinen Negerlein» sind ebenfalls da, in einer beinahe kunstvollen, mehr als 70-jährigen Kartonausgabe, wie sie heute im Internet für hundert Franken und mehr gehandelt wird. Und in einem kleinen bunten Bändchen schliesslich, an das wir uns noch gut erinnern, wandelt Pippi Langstrumpf mit uns durchs «Taka-Tuka-Land».
Ginge es nach der neuen Zensur-Community, eine Art selbsternanntes Orwellsches Wahrheitsministerium, hätten wir uns längst des illegalen Besitzes verbotener literarischer Substanzen schuldig gemacht. Pippi Langstrumpf ist das letzte Opfer dieser Säuberungsfanatiker. Zwar ist der «Negerkönig» in Astrid Lindgrens weltberühmtem Kinderbuch von politisch korrekten Verlagen inzwischen zum «Südseekönig» umbenannt worden. Doch ihre alte Rolle als Vorbild für emanzipiertes Jungmädchenverhalten erhält Pippi wohl nicht mehr zurück. Im Gegenteil. Als letzte Woche an der Frankfurter Buchmesse eine Diskussionsrunde das Kinderbuch nicht einhellig auf den Index der geächteten Literatur setzte, gab es auf Twitter einen Entrüstungssturm über die «unwoke» Zusammensetzung des Panels.

Globi wird «demaskiert»

In der Schweiz haben wir uns den guten alten «Globi» von den sogenannten Sozialwissenschaften längst schon «demaskieren» lassen. Der Schweizerische Nationalfonds gab 2012 ein Forschungsprojekt in Auftrag, um die seit 1932 bestehende Kinderbuchfigur auf rassistische und kolonialistische Muster zu durchleuchten. Die Studie brachte ohne Wenn und Aber das beabsichtigte Resultat: Wissenschaftlich konstatiert wurde Globis «klar kolonialistisches Gebaren» und seine Respektlosigkeit gegen die meist halbnackten afrikanischen Eingeborenen. Die neueren Globi-Bücher seien zwar auf den «ersten Blick weniger rassistisch», aber die Handlungen wiesen immer noch «koloniale Kontinuitäten» auf, befand die Studienautorin Patricia Putschert.
Heute ist Putschert «Professorin für Geschlechterforschung» und Co-Leiterin des interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung der Universität Bern. Sie lehrt und forscht laut ihrem akademischen Steckbrief «zu feministischen Theorien, Intersektionalität und Postkolonialismus». Studiert hat sie zeitweilig auch bei Judith Butler in Berkley, einer Pionierin der heute an den Universitäten dominanten Diversity-Theorien, die Geschlecht, sexuelle Orientierung und Rasse ausschliesslich als soziale Konstruktionen und als Ergebnis von Machtstrukturen erklären.
Wer die Diversity-Theoretikerinnen kritisiert, beweist in deren Logik lediglich, dass er tatsächlich ein Rassist ist. «Es gibt in der Schweiz einen breit verankerten und stark tabuisierten Alltagsrassismus», sagt Putschert. Logisch: Wenn unsere Wahrnehmung nur die Konstruktion einer westlichen weissen Machtstruktur ist, wie die «woke» Denkschule behauptet, dann sind wir als weisse Europäer selbstverständlich alle Rassisten, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Nachzulesen sind solche apodiktischen Banalitäten, verpackt in klug tönende Sätze, immer wieder auch in der von der eidgenössischen Kommission gegen Rassismus herausgegebenen Zeitschrift Tangram. Auf Kosten der Steuerzahler, wohlverstanden.

Kritiker sind nicht besser

Wo aber liegt eigentlich der Unterschied zwischen Globi und den Diversity-Theoretikerinnen, die keinen guten Faden an ihm lassen?
Globi, so viel der Kritik haben wir verstanden, fuhr nach Afrika und betrachtete Land und Leute, ihre Traditionen und Geschichte einzig und allein aus seiner schweizerischen Optik. Und wenn er mit den Eingeborenen Freundschaft schloss, was er stets tat, dann war das, wie es heisst, kulturelle Aneignung und postkolonialer Paternalismus.
Doch genau das machen auch die Diversity-Aktivistinnen. Sie kommen anscheinend von einem entfernten, moralisch weit überlegenen Planeten auf die Erde und in unsere Zeit geflogen. Hier betrachten sie Land und Leute einzig und allein aus ihrer hohen ethischen Warte, unfähig sich in die Unzulänglichkeit der Erdenbewohner zu versetzen und ihre Traditionen und Schriften vor dem Hintergrund ihrer noch viel unzulänglicheren Geschichte zu verstehen. Für sie gibt es nur zwei Welten und Zeiten: ihre eigene abgehoben planetare als die uneingeschränkt gute, und die der Erdbewohner, die verdammenswert böse. Dazwischen gibt es nichts. Es sei denn, es gehe gerade mal darum, eine Stelle an einer Universität oder einer anderen steuerfinanzierten Institution zu ergattern.

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