Globale Energieversorgung: Sehenden Auges in die Krise

Globale Energieversorgung: Sehenden Auges in die Krise

Wegen des Klimaschutzes zieht die Finanzindustrie immer mehr Geld aus der Produktion fossiler Brennstoffe ab. Auch Energiekonzerne verlieren nach und nach das Interesse, in Öl, Kohle und Gas zu investieren. Die Welt könnte bald in einen fatalen Energie-Engpass schlittern.

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von Alex Reichmuth am 9.12.2021, 19:00 Uhr
Woher kommt künftig die Energie für die Welt? Ölbohrplattform vor der norwegischen Küste. Bild: Keystone
Woher kommt künftig die Energie für die Welt? Ölbohrplattform vor der norwegischen Küste. Bild: Keystone
Es war ein grosser Coup für die Klimaschützer, als im November an der Klimakonferenz die sogenannte «Glasgow Financial Alliance for Net Zero» an die Öffentlichkeit trat. Der Zusammenschluss aus 450 Banken, Investmentkonzernen und Rentenfonds aus 45 Staaten gab bekannt, die schwindelerregende Summe von 130 Billionen Dollar in den Kampf gegen den Klimawandel zu stecken.
130 Billionen Dollar: Das ist fast anderthalbmal soviel wie das Bruttoinlandsprodukt der ganzen Welt. Das Geld soll von Firmen, die Geschäfte mit Kohle, Öl oder Gas machen, abgezogen werden. Stattdessen soll es in die Förderung erneuerbarer Energie und grüner Technologie fliessen.

Die Klimastreikenden fordern ein Divestment

Die Ankündigung von Glasgow ist ein Triumph für die Divestment-Bewegung. Es geht dieser Bewegung darum, Geld aus der Förderung und Verarbeitung fossiler Energie in klimafreundliche Aktivitäten umzulenken. Generell haben in den letzten Jahren Anlageprodukte, die unter dem Label der Nachhaltigkeit segeln, einen riesigen Boom erlebt. In Öl, Kohle und Gas zu investieren, ist dagegen immer mehr verpönt.

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Klimademonstration 2019 in Basel. Bild: Keystone

Besonders grosser Druck kommt von der Strasse: Die Klimademonstranten fordern einen raschen Abzug von Geld aus der fossilen Energie. Auch in der Schweiz: So hat die Klimastreik-Bewegung im Sommer 2020 die UBS, die Credit Suisse und die Schweizerische Nationalbank (SNB) auf eine schwarze Liste gesetzt, um sie zu einem Divestment zu zwingen. Im letzten August gingen Klimaaktivisten gegen die SNB auf die Barrikaden, weil diese ihrem Versprechen, aus der Finanzierung von Kohle, Öl und Gas auszusteigen, nicht nachgekommen sei.

Kein Geld mehr für fossile Brennstoffe aus Irland

Die Forderungen zeigen Wirkung. Seit einigen Jahren dreht sich das Divestment-Karussell immer schneller. Einige Beispiele: 2017 gab Irland bekannt, dass es für Unternehmen, die sich durch Öl, Gas und Kohle finanzieren, keine staatlichen Investitionen mehr gibt. 2019 beschloss das norwegische Parlament, dass der Staatsfonds mit einem Volumen von 900 Milliarden Euro sein Geld künftig in erneuerbare statt in fossile Energieträger anlegen muss.
Im gleichen Jahr kündigte der schwedische Renten-Investmentanbieter SPP Funds an, seine gesamte Fondspalette frei von fossilen Brennstoffen zu machen. 2020 gab der weltgrösste unabhängige Vermögensverwalter Blackrock bekannt, sich aus dem Geschäft mit allen Unternehmen zurückzuziehen, deren Umsatz zu mindestens 25 Prozent aus der Kohleförderung oder der Kohleverstromung stammt.

Über zwölf Billionen Dollar abgezogen

Die Divestment-Bewegung erfasst auch die offizielle Schweiz. Im Dezember 2020 wurde bekannt, dass der Ausgleichsfonds der AHV nach und nach Aktien und Obligationen von Firmen abstossen will, die Geld mit Kohle verdienen. Der Fonds ist sogar bereit, deswegen eine geringere Rendite in Kauf zu nehmen.

Im letzten September gab die Plattform «Go Fossil Free» bekannt, dass allein in den USA umgerechnet 12,8 Billionen Franken aus CO₂-intensiven Aktivitäten entfernt worden sind.


Im Februar 2020 berichtete die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», weltweit hätten 1’100 Organisationen aus der Finanzwelt bereits 12,1 Billionen Dollar aus potenziell klimaschädlichen Anlagen abgezogen. Und im letzten September gab die Plattform «Go Fossil Free» bekannt, dass allein in den USA umgerechnet 12,8 Billionen Franken aus CO₂-intensiven Aktivitäten entfernt worden sind. Ein grosser Teil davon dürfte die Förderung fossiler Brennstoffe betreffen.

Förderstopp von Frankreich

Während die Geldflüsse im fossilen Bereich allmählich versiegen, verhängen immer mehr Staaten direkte Förderstopps. 2017 hat das französische Parlament das Ende der Förderung fossiler Rohstoffe auf französischem Hoheitsgebiet beschlossen. Im Dezember 2020 gab Dänemark einen Stopp der Erkundung neuer Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee bekannt.

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Joe Biden nach seinem Wahlsieg im November 2020. Bild: Keystone

Im letzten Januar verhängte in Amerika US-Präsident Joe Biden kurz nach seinem Amtsantritt einen Stopp für Öl- und Gasbohrungen auf bundeseigenem Land. Im Juli beschloss Grönland, die Suche nach Erdöl vor seinen Küsten zu stoppen. Die Ölvorkommen Grönlands werden auf beachtliche 54 Milliarden Barrel geschätzt. Und im Oktober haben die britischen Behörden die Ausbeutung des Gasfelds Jackdaw in der Nordsee verboten (siehe hier).

Die IEA empfiehlt einen Förderstopp

Auch Energieunternehmen ziehen sich aus der Förderung fossiler Energie zurück – teils freiwillig, teils gezwungenermassen. Im letzten April stimmten die Aktionäre des Konzerns Shell der Verpflichtung zu, die Ölproduktion schrittweise zu reduzieren. Schon zuvor hatte die Konzernleitung bekannt gegeben, stark in erneuerbare Energie zu investieren. Im Mai wurde Shell zudem von einem niederländischen Gericht verurteilt, seine CO₂-Emissionen bis 2030 um 45 Prozent zu reduzieren. Konkurrent BP flirtet ebenfalls mit dem fossilen Divestment und hat 2020 angekündigt, das Unternehmen «zu einer Kraft des Guten in einer klimaneutralen Welt» zu transformieren.

Heizung, Verkehr, Industrie, Nahrungsmittelproduktion: Fast alles beruht auf der Nutzung von Öl, Gas und Kohle.


Ein Paukenschlag war das Statement der Internationalen Energie-Agentur (IEA) vom letzten Mai: Ab sofort dürften keine Investitionen mehr in neue Erdöl-, Erdgas- und Kohlefelder fliessen. Ansonsten sei die weltweite Klimaneutralität bis 2050 nicht zu erreichen (siehe hier).

Es drohen Versorgungslücken und Hungersnöte

Man reibt sich die Augen: Fossile Brennstoffe sind noch immer für über 80 Prozent der globalen Energieversorgung verantwortlich. Heizung, Verkehr, Industrie, Nahrungsmittelproduktion: Fast alles beruht auf der Nutzung von Öl, Gas und Kohle.
Nüchtern betrachtet ist es praktisch ausgeschlossen, den riesigen Anteil der fossilen Energie bis in wenigen Jahrzehnten aus anderen Quellen zu decken. Der notwendige Aus- und Umbau würde sämtliche Kapazitäten übersteigen.
Die Welt wird darum wohl auch in 20, 30 und 40 Jahren auf die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle angewiesen sein – Klimaschutz hin oder her. Ohne diese Energie drohen Versorgungslücken und wirtschaftliche Zusammenbrüche, im schlimmsten Fall Hungersnöte und Verarmung.

Die Vorlaufzeiten in der fossilen Banche sind lang

Zwar sind viele Energieexperten der Meinung, dass eine Nachfrage nach fossiler Energie immer ein entsprechendes Angebot hervorrufen wird. Sandro Merino etwa, Investmentchef bei der Basler Kantonalbank, glaubt nicht an Engpässe wegen der Divestment-Bewegung. «Dass daraus eine Versorgungskrise für fossile Energien entsteht, ist kaum plausibel», schreibt er auf Anfrage. Merino verweist auf die Förderaktivitäten von Ländern wie Saudi-Arabien, Russland, China und Indien.

Die Opec fördert heute nur etwa 40 Prozent des Erdöls. Die restlichen 60 Prozent könnten von Divestments betroffen sein.


Doch die Vorlaufzeiten in der fossilen Branche sind lang. Ölfelder und Kohlegruben, die in einigen Jahrzehnten ausgebeutet werden können, müssen heute erschlossen werden. Die Investmentstopps der Gegenwart könnten fatale Auswirkungen für künftige Generationen haben.

«Wir laufen in eine globale Versorgungskrise hinein»

Zwar ist anzunehmen, dass sich Länder wie Saudi-Arabien, Venezuela oder die Vereinigten Arabischen Emirate kaum von den Klimaschutz-Rufen in Europa oder den USA beeindrucken lassen. Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec), in der viele solcher Staaten vereinigt sind, fördert heute aber nur etwa 40 Prozent des Erdöls. Die restlichen 60 Prozent könnten von Divestments betroffen sein.

«Wir haben mittlerweile eine Situation, in der kaum noch neue fossile Vorkommen erschlossen werden. All das bedeutet, dass wir in eine richtig schwere globale Versorgungskrise hineinlaufen.»

Fritz Vahrenholt, deutscher Chemiker, zur «Weltwoche»

«Wir haben mittlerweile eine Situation, in der kaum noch neue fossile Vorkommen erschlossen werden», sagte der deutsche Chemiker und Klimaexperte Fritz Vahrenholt zur «Weltwoche». «All das bedeutet, dass wir in eine richtig schwere globale Versorgungskrise hineinlaufen.»

Divestment könnte tiefe Spuren hinterlassen

Wie schnell die Versorgung der Welt aus dem Lot geraten kann, zeigt die gegenwärtige Energiekrise eindrücklich. Weil die Wirtschaft nach dem Ende der Pandemie-Baisse wieder brummt, sind fossile Brennstoffe sofort knapp geworden. Europa hat zu wenig Gas, weil Russland bevorzugt nach Asien liefert. In China und Indien musste der Strom rationiert werden, weil der Nachschub in den Kohlekraftwerken ins Stocken geraten ist. Wenn nun Dutzende von Billionen Dollar aus dem fossilen Bereich abgezogen werden, könnte das tiefe Spuren hinterlassen.

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