Gift in Lebensmitteln Teil 2 - So toxisch ist natürliche Nahrung

Gift in Lebensmitteln Teil 2 - So toxisch ist natürliche Nahrung

Vor der Abstimmung über die Agrar-Initiativen diskutiert die ganze Schweiz über die Risiken von Pestizidrückständen in Essen und Trinken. Die Debatte zielt an der Realität vorbei. Natürlich vorkommende Pestizide und Giftstoffe in Nahrungsmitteln sind weitaus bedeutender.

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von Alex Reichmuth am 1.6.2021, 04:00 Uhr
Brokkoli enthält krebserregende Substanzen. Bild: Shutterstock
Brokkoli enthält krebserregende Substanzen. Bild: Shutterstock
Vor der Abstimmung am 13. Juni machen die Initianten der Trinkwasser- und der Pestizidinitiative der Bevölkerung die Hölle heiss. Sie sprechen von gefährlichen Pestizidrückständen im Trinkwasser und schädlichen Spuren von Pflanzenschutzmitteln in der Nahrung. Hört man ihnen zu, muss man unweigerlich zum Schluss kommen, dass man beim Essen und beim Konsum von Leitungswasser dauernd Gefahr läuft, vergiftet zu werden.
Richtig ist hingegen, dass die Rückstände fast immer in äusserst geringen Konzentrationen vorhanden sind, meist im Bereich von Mikrogrammen pro Liter oder Kilogramm. Solche Konzentrationen liegen in der Regel um mehrere Grössenordnungen unterhalb der Schwelle, wo wirklich gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erwarten sind. Bei vielen Pestizidrückständen ist es erst dank der immer feineren Messmethoden möglich geworden, derart geringe Spuren nachzuweisen.

Jedes Kind weiss, dass es in der Natur Pflanzen und Gewächse gibt, die sehr wohl schädlich sein können.


Es sind in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten keine Fälle bekannt geworden, bei denen Menschen wegen Spuren von synthetischen Pestiziden in Lebensmitteln krank geworden oder sogar gestorben wären. Jedes Kind weiss aber, dass es in der Natur Pflanzen und Gewächse gibt, die sehr wohl schädlich sein können. Beeren von gewissen Sträuchern sollte man nicht essen, sonst wird einem schlecht. Und manche Pilze erzeugen nicht nur heftiges Bauchweh, sondern können unter Umständen zum Tod führen.

Pestizide zur Abwehr von Frassfeinden

Viele Pflanzen enthalten natürliche Pestizide und Giftstoffe, die sie selber produzieren, zur Abwehr von Frassfeinden, also zum Selbstschutz. Es sind die Errungenschaften der Pflanzenzucht, dass man aus giftigen Urpflanzen eher ungiftige Kulturpflanzen entwickelt hat, die dem Menschen zumindest nicht übermässig schaden. Manchmal tun sie das aber doch: So kam es 1979 in England zu einer Massenvergiftung von 78 Schülerinnen und Schülern durch natürliches Solanin in Kartoffeln. Solanin ist eine giftige Verbindung, die in Nachtschattengewächsen wie Tomaten oder Kartoffeln vorkommt, und deren Gehalt bei falscher Lagerung zunehmen kann.
Häufig wird der schaurige Begriff «krebserregend» verwendet, um zu suggerieren, von Rückständen synthetischer Pestizide gingen gesundheitliche Gefahren aus. So gilt das Pestizid Chlorothalonil als «möglicherweise krebserregend». Seit 2020 ist das Mittel darum in der Schweiz verboten. Und das beliebte Pflanzenschutzmittel Glyphosat wurde von der Weltgesundheitsorganisation als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft.

Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass sie mit den Lebensmitteln automatisch ganz viele potentiell krebserregende Stoffe zu sich nehmen, die natürlich im Essen und Trinken enthalten sind.


Den meisten Menschen ist aber nicht bewusst, dass sie mit den Lebensmitteln automatisch ganz viele potentiell krebserregende Stoffe zu sich nehmen, die natürlich im Essen und Trinken enthalten sind. Solche Erkenntnisse gehen insbesondere auf die Arbeiten der amerikanischen Biochemiker Bruce Ames und Louis Gold zurück. Sie sind zum Schluss gekommen, dass 99,99 Prozent aller giftigen oder krebserregenden Substanzen in unserer Nahrung von der Natur gemacht sind.

Zwei Muskatnüsse können ein Kind töten

Zu erwähnen sind etwa 49 natürliche Gifte im Kopfsalat; das Nervengift Carotatoxin in Karotten; Kaffeesäure in Äpfeln, Birnen und Pflaumen; Chlorogensäure in Aprikosen und Perchlorethylen in kaltgepresstem Olivenöl. Die in zwei Muskatnüssen enthaltenen Mengen der Gifte Myristicin und Elemicin reichen aus, ein Kind zu töten.
Der dänische Statistiker Björn Lomborg bezieht sich in seinem Buch «Apocalypse No!» ebenfalls auf eine Arbeit von Bruce Ames und schreibt: «Kaffee enthält zum Beispiel rund 1000 chemische Stoffe, von denen bislang nur 30 an Ratten und Mäusen auf Krebsgefährlichkeit getestet wurden. 21 der getesteten chemischen Stoffe sind bei den Nagetieren krebserregend.»

«Würden Himbeeren, statt in der Natur zu wachsen, künstlich hergestellt, müssten sie laut dem Lebensmittelrecht verboten werden.»

Walter Krämer und Gerold Mackenthun

In Himbeeren können Dutzende von toxischen chemischen Substanzen nachgewiesen werden, darunter 34 verschiedene Aldehyde und Ketone, 32 verschiedene Alkohole, 20 verschiedene Ester, 14 verschiedene Säuren, 3 Kohlenwasserstoffe und 7 Verbindungen anderer Stoffklassen, darunter das für die Leber gefährliche Cumarin. «Würden Himbeeren, statt in der Natur zu wachsen, künstlich hergestellt, müssten sie laut dem Lebensmittelrecht verboten werden», schreiben die deutschen Publizisten Walter Krämer und Gerold Mackenthun.

Nur ein Milligramm Brokkoli pro Tag essen

Kohl wiederum enthält gemäss Bruce Ames und Louis Gold 49 giftige Pestizide zur Abwehr von Frassfeinden – darunter Allylisothiocyanat, das bei Ratten Blasenkrebs hervorruft. Brokkoli weist grosse Mengen an Indolcarbinol auf, mit dem man im Tierversuch Krebs auslösen kann. Würde man wegen diesem Stoff einen Grenzwert festlegen, dürfte ein Erwachsener pro Tag nicht mehr als ein Milligramm Brokkoli essen.

Biologische Lebensmittel gelten als besonders gesund. Künstliche Lebensmittelzusätze und Konservierungsmittel hingegen stehen im Verdacht, schädlich zu sein.


Doch in der öffentlichen Wahrnehmung spielen natürliche Gifte kaum eine Rolle. Hier herrscht die Meinung vor, dass das, was die Natur bereithält, sanft und harmlos sein muss. Dagegen betrachtet man alles, was als «künstlich» oder «technisch» gilt, als potentiell gefährlich. Biologische Lebensmittel etwa gelten als besonders gesund. Künstliche Lebensmittelzusätze und Konservierungsmittel hingegen stehen im Verdacht, schädlich zu sein. Gentechnisch veränderte Organismen sind sowieso des Teufels. Dass die Natur selber die grösste Giftmischerin ist, wird grosszügig übersehen.

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