Gift in Lebensmitteln Teil 1 - Verdorbenes Essen tötet Hunderttausende

Gift in Lebensmitteln Teil 1 - Verdorbenes Essen tötet Hunderttausende

Sind synthetische Pestizide in Nahrungsmitteln eine ernst zu nehmende Gefahr für die menschliche Gesundheit? Ach wo! Esswaren, die mit Bakterien, Viren und Schimmel verseucht sind, stellen das weitaus grössere Risiko dar.

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von Alex Reichmuth am 31.5.2021, 04:00 Uhr
Schimmel am Essen ist vor allem in Entwicklungsländern ein Problem. Bild: Shutterstock
Schimmel am Essen ist vor allem in Entwicklungsländern ein Problem. Bild: Shutterstock
Vor exakt zehn Jahren war in Norddeutschland der Teufel los. «Die Krankenhaus-Kapazitäten waren völlig erschöpft», erinnerte sich Reinhard Burger, der damalige Präsident des Robert-Koch-Instituts, gegenüber dem «Norddeutschen Rundfunk». «Alle Betten waren belegt, weil es so schnell ging.» Fast 4000 Menschen erkrankten damals an Keimen namens Enterohämorrhagische Escherichia coli, kurz EHEC. Die Seuche forderte 53 Todesopfer.
Lange war nicht klar, woher die EHEC-Erreger stammten. Erst einige Wochen später fanden die Gesundheitsbehörden heraus, dass Bockshornkleesamen die Träger der Keime waren. Die Samen waren für die Produktion von Sprossen aus Ägypten importiert worden. Die gezüchteten Pflanzen waren als biologisch und damit als angeblich besonders gesund vertrieben worden. Ausgerechnet.

Die EHEC-Erreger auf biologischen Sprossen töteten vor zehn Jahren in Norddeutschland 53 Menschen.


Aktuell debattiert die Schweiz heftig über Gesundheitsgefahren, die von Pestizid-Rückständen in Esswaren und Trinkwasser ausgehen. Grund sind die beiden Agrar-Initiativen, die den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft verhindern und verbieten wollen. Am 13. Juni stimmt das Volk darüber ab. Diskutiert wird, ob Rückstände im Bereich von Millionstel Gramm pro Liter oder Kilogramm, oder noch geringer, der Gesundheit schaden. Laut den Initianten droht den Menschen ein Schaden an Leib und Leben.

400'000 Tote wegen verdorbenen Lebensmitteln

Doch auch wenn da und dort die äusserst scharfen Grenzwerte überschritten werden, etwa im Trinkwasser: Moderne Pestizide stellen kaum eine Gefahr für Menschen dar – zumindest nicht, wenn sie massvoll und vorschriftsgemäss eingesetzt werden. Andere Gefahren in Lebensmitteln sind weitaus bedeutender, wie das Beispiel der EHEC-Seuche in Deutschland zeigt.
Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2019 berichtete, sterben weltweit jährlich über 400’000 Menschen nach dem Verzehr verdorbener Lebensmittel. Bakterien, Viren, Parasiten und Pilze in Lebensmitteln führen dazu, dass gar jede zehnte Person einmal im Jahr erkrankt. Am häufigsten führen laut WHO Durchfallerreger zu Lebensmittelvergiftungen. An erster Stelle stehen dabei Noroviren, gefolgt von Bakteriengattungen wie Campylobacter, Salmonellen und Listerien. Besonders gefährdet sind Kleinkinder, alte Menschen und schwangere Frauen. Schlimme Folgen haben auch Erreger von Hepatitis-A und Typhus sowie Schimmelpilze und Bandwürmer.

Bakterien wie Campylobacter, Salmonellen und Listerien gefährden vor allem Kleinkinder, alte Menschen und schwangere Frauen.


Das Problem verdorbener Nahrungsmitteln ist nicht etwa auf Entwicklungs- und Schwellenländer begrenzt. Gemäss WHO sterben jedes Jahr in Europa 4700 Menschen durch verunreinigtes Essen – und stattliche 23 Millionen werden davon krank.

Jeder tausendste Schweizer erleidet eine Campylobacter-Infektion

In der Schweiz erkranken laut dem Bundesamt für Gesundheit jährlich etwa 400’000 Personen an Brechdurchfall, der von Noroviren verursacht wird. Wie das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen schreibt, sind Campylobacter und Salmonellen hierzulande die häufigsten krankheitserregenden Bakterien in Lebensmitteln. Pro Jahr erleidet jede tausendste Person in der Schweiz eine Campylobacter-Infektion. Eine solche Infektion kann einen Spitalaufenthalt nötig machen und schlimmstenfalls zum Tod führen.
Auch eine Infektion mit Listerien (Listeriose) kann tödlich enden, insbesondere bei immungeschwächten Menschen. So stellte der Bund im Juni 2018 eine Häufung von Listeriose-Fällen fest. Wie erst viel später klar wurde, stammten die Listerien aus einer Käserei im Kanton Schwyz. 34 Personen erkrankten, zehn davon starben.

Wegen verseuchtem Käse aus dem Kanton Schwyz starben 2018 zehn Menschen an Listeriose.


Es ist umgekehrt kein Fall bekannt, bei dem Pestizid-Rückstände in der Schweiz tödliche Folgen gehabt hätten. Oft sind hingegen naturbelassene Lebensmittel Träger von Keimen. Bekannt ist ein Fall von 1980, als an einem Orientierungslauf im Kanton Baselland ein Getränk angeboten wurde, das mit roher Milch zubereitet worden war. Das Produkt enthielt Campylobacter-Bakterien. 500 Teilnehmende erkrankten.

Schimmel erzeugt hochgiftige Aflatoxine

Gefährlich sind insbesondere auch verschimmelte Lebensmittel. Schimmelpilze erzeugen etwa hochgiftige Aflatoxine, die zu den am stärksten krebserregenden Substanzen überhaupt zählen. Eine chronische Aufnahme von Aflatoxinen kann zu Leberkrebs führen, eine einmalig hohe Dosis zu akutem Leberversagen. Schimmel an Lebensmitteln ist vor allem in Entwicklungsländern ein Problem. Dort werden Vorräte oft feucht gelagert. Zudem können es sich arme Menschen oft nicht leisten, Esswaren mit Schimmel wegzuwerfen.
Synthetische Pflanzenschutzmittel hingegen können die Lebensmittelsicherheit sogar erhöhen. Der Einsatz von Fungiziden verhindert unter Umständen, dass Lebensmittel Schimmel ansetzen. Insektizide wiederum können Insekten davon abhalten, giftige Substanzen auf Nutzpflanzen zu hinterlassen, die in die Nahrung gelangen.

Herbizide können verhindern, dass toxische Gewächse, die mitgeerntet werden, Lebensmittel verseuchen.


Auch Herbizide, also Wirkstoffe gegen Unkräuter, haben positive Wirkungen für die Gesundheit. Sie können verhindern, dass toxische Gewächse Lebensmittel verseuchen. So mussten 2019 in Frankreich grosse Mengen an grünen Bohnen zurückgerufen werden, weil gleichzeitig Gemeiner Stechapfel mitgeerntet worden war. Dieses Unkraut führt zu Delirien, Halluzinationen und Herzattacken und ist im schlimmsten Fall tödlich. Mit dem Einsatz eines geeigneten Herbizids wäre es wohl nicht dazu gekommen.

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