Gesünder leben dank mehr CO2 in der Luft - Teil 2

Gesünder leben dank mehr CO2 in der Luft - Teil 2

Die steigende Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre führt nicht nur zu grösseren Ernten in der Landwirtschaft, sondern wirkt sich auch positiv auf den Nährstoffgehalt von Pflanzen aus.

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von Alex Reichmuth am 27.4.2021, 04:00 Uhr
Erdbeeren haben mehr Nährstoffe, wenn der CO2-Gehalt der Luft höher ist. Bild: Shutterstock
Erdbeeren haben mehr Nährstoffe, wenn der CO2-Gehalt der Luft höher ist. Bild: Shutterstock
CO2 ist ein vielgeschmähtes «Klimagift», doch seine Wirkung auf die Entwicklung von Pflanzen ist enorm positiv. Wie Forscher aufgrund von Satellitendaten herausgefunden haben, ist die Erde zwischen 1982 und 2009 deutlich grüner geworden. Insgesamt ist eine Fläche doppelt so gross wie die USA neu von Vegetation bedeckt. Die Hauptursache für den Vormarsch von Bäumen, Büschen und Gräsern ist der steigende Kohlendioxid-Gehalt in der Atmosphäre.
Der Düngeeffekt von CO2 zeigt sich insbesondere auch in der Landwirtschaft. Unzählige Feld- und Laborversuche mit Nutzpflanzen belegen, dass die Ernten wegen dem zusätzlichen Kohlendioxid immer grösser ausfallen. So schreibt das Center for the Study of Carbon Dioxide and Global Change, eine Forschungsinstitution in den USA, dass eine Erhöhung der CO2-Konzentration um 300 Parts per Million (ppm, Teile pro Million) die Produktivität von Reis um 43 Prozent, von Früchten um 24 Prozent, von Gemüse um 44 Prozent und von Hülsenfrüchten um 37 Prozent erhöht. Zum Vergleich: Der Kohlendioxid-Gehalt der Luft ist seit vorindustriellen Zeiten bereits um etwa 130 ppm auf heute rund 410 ppm gestiegen.
Geschätzt sind die landwirtschaftlichen Ernten damit bisher um 15 Prozent gestiegen. CO2 erweise sich als grosses Glück, um den Hunger in der Welt zu vermeiden, schreiben Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning in ihrem Buch «Unerwünschte Wahrheiten - Was Sie über den Klimawandel wissen sollten». Die höheren Ernten haben für die Zeit von 1961 bis 2011 einen Gegenwert von rund 3,2 Billionen Dollar. Würden gezielt Pflanzensorten angebaut, die besonders stark auf einen erhöhten CO2-Gehalt reagieren, könnten die Ernten wohl noch deutlich stärker gesteigert werden. So haben Forscher aus Sri Lanka beobachtet, dass die Reaktion von 16 verschiedenen Reissorten auf eine um 300 ppm erhöhte CO2-Konzentration stark variiert - zwischen einem Plus von sechs Prozent und einem von erstaunlichen 263 Prozent. (Lesen Sie mehr dazu in Teil 1.)

Mehr Aromastoffe

Man könnte nun vermuten, dass mehr Kohlendioxid in der Luft zwar zu grösseren Blättern, Stängeln und Früchten führt, dass diese Pflanzen mit dem grösseren Volumen aber womöglich an Geschmack und Gehalt verlieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Plus an CO2 in der Atmosphäre erhöht gar noch die Konzentration von Aromastoffen und gesundheitsfördernden Substanzen. Das beweist eine ganze Reihe von Forschungsresultaten.
So haben amerikanische Forscher 2002 in der Fachzeitschrift Agriculture, Ecosystems and Environment ihre Ergebnisse zu Orangen ausgeführt. Eine Erhöhung der CO2-Konzentration um 75 Prozent führte nicht nur zu 74 Prozent mehr Orangen, diese hatten auch noch einen um 5 bis 15 Prozent höheren Gehalt an Vitamin C. Ähnlich waren die Resultate eines Versuchs mit Erdbeeren von australischen Wissenschaftlern, die vor zwei Jahren im Journal of the Science of Food and Agriculture publiziert wurden: Die Erhöhung um 300, 450 und 600 ppm zusammen mit höheren Temperaturen führten zu Ernten, die bis zu dreimal grösser waren. Zudem war die Konzentration an gesundheitsfördernden Stoffen wie Polyphenolen, Flavonoiden, Anthocyanen und Antioxidantien deutlich höher. Auch enthielten die Erdbeeren mehr Phenole, eine Klasse von Geschmacksstoffen. Bereits 1981 kam eine Studie zum Schluss, dass mehr CO2 in der Luft mehr Vitamin A bei Tomaten zur Folge hat.
Auch andere Gemüsesorten profitieren von einer steigenden Kohlendioxid-Konzentration. 2005 legte eine Studie im Journal of Agricultural and Food Chemistry dar, dass der Gehalt von Isoflavonen in Sojabohnen bei einer Erhöhung des CO2 um 300 ppm um 8 bis 186 Prozent zunimmt, abhängig von der Temperatur und der Feuchtigkeit. Isoflavone schützen unter anderem vor Brustkrebs. 2007 kam eine Studie im Journal of Chemical Ecology zum Schluss, dass es auch bei Brokkoli ähnliche Effekte gibt: 65 Prozent mehr Kohlendioxid führte zu 14 Prozent mehr Glucosinulaten - auch das eine Stoffgruppe, die Krebs verhindert.

Gehaltvollere Kräuter

2009 konnte man in der Zeitschrift Annals of Applied Biology lesen, dass Spinat bei einer um 450 ppm höheren CO2-Konzentration mehr löslichen Zucker und mehr lösliche Proteine enthält, zudem auch mehr gesundheitsfördernde Stoffe wie Ascorbate, Glutathione und Flavonoide. Im gleichen Jahr zeigte eine Studie in der Fachzeitschrift der chinesischen Zhejiang University, dass auch die Qualität von Chinakohl profitiert, wenn CO2 zunimmt: Der Gehalt an Glucosinolaten steigt.
Eine Gruppe von saudischen und ägyptischen Forschern zeigte 2018, dass es auch bei Kräutern ähnliche Effekte gibt. Die Gruppe legte in der Fachzeitschrift Food Chemistry dar, dass höhere CO2-Konzentrationen bei Petersilie und Dill zu mehr löslichem Zucker, Stärke, organischen Säuren und essentiellen Aminosäuren führt. Zudem war auch der Gehalt an Phenolen, Flavonoiden sowie an Vitamin A und E erhöht. Auch Tee profitiert von mehr CO2: Eine chinesische Studie wies 2017 nach, dass verschiedene aromatische Substanzen zunehmen.
Das erwähnte Center for the Study of Carbon Dioxide and Global Change wartet mit ganzen Listen von Studien auf, was die positiven Effekte von CO2 auf Pflanzen angeht. Das Center kommt zu einem spektakulären Schluss bezüglich der Wirkung von Kohlendioxid auf gesundheitsfördernde Substanzen: Es sei möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass die weltweit beobachtete Verlängerung der Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten massgeblich auf die gleichzeitig erfolgte Erhöhung der CO2-Konzentration und die damit verbundenen gesünderen Lebensmittel zurückzuführen sei.
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