Gesinnungspolizei fürs Schulzimmer

Gesinnungspolizei fürs Schulzimmer

Die Schule soll vom angeblich grassierenden Rassismus befreit werden, findet eine Mehrheit des Basler Grossen Rats. Dabei beruft man sich auf eine ebenso dilettantische wie ideologische Analyse zweier Menschenrechtsaktivistinnen.

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von Claudia Wirz am 26.5.2021, 11:50 Uhr
In der Volksschule sei Rassismus allgegenwärtig - auch wegen den Lehrern, finden zwei Menschenrechtsaktivistinnen.
In der Volksschule sei Rassismus allgegenwärtig - auch wegen den Lehrern, finden zwei Menschenrechtsaktivistinnen.
Die Basler Regierung hat im April eine delikate Aufgabe gefasst. Sie muss sich mit der Forderung nach einer «diskriminierungsfreien Schule» auseinandersetzen. Die Mehrheit des Kantonsparlaments hat eine entsprechende Petition überwiesen. Konkret geht es um die Schaffung einer neuen Fachstelle. Diese soll rassistisches Geschehen an Schulen beobachten und sich einmischen, wenn es um Massnahmen, die Erstellung von Lehrmitteln oder die Schulung des Lehrpersonals zur Bekämpfung von Rassismus geht.
Im Umkehrschluss unterstellt die Petition dem Schweizer Schulsystem eine rassistische Grunddisposition. Es handelt sich deshalb keineswegs nur um eine Basler Angelegenheit. Die Volksschule steht schon seit Längerem unter Beobachtung links-identitärer Gruppen, die überall – ausser im eigenen Milieu – «strukturellen» Rassismus wittern und die Schule nach ihrem ideologischen Weltbild umbauen wollen.

Ein Hort des Bösen

Der Handlungsbedarf in dieser Hinsicht sei an den Schulen «riesig», zitiert die Sendung «Echo der Zeit» von Schweizer Radio- und Fernsehen SRF pflichtschuldig und unreflektiert eine nicht namentlich genannte Vertreterin der Basler Primarschule. Ist die Schule mit all ihren Lehrerinnen und Lehrern also ein Hort des Bösen?
Selbst für SRF gäbe es Gründe, diese Prämisse zu hinterfragen. Als «Beweis» für die Vorwürfe an die Volkschule dient den Urhebern der Basler Petition unter anderem ein politisch gefärbtes Exposé aus dem Jahr 2020, welches die beiden Sozialarbeiterinnen und Aktivistinnen Mandy Abou Shoak und Rahel El-Maawi über ein paar selbst ausgewählte Schulbücher verfasst haben.
Diese Untersuchung hält sich weder in methodischer Hinsicht noch in Bezug auf die Objektivität der Autorinnen an wissenschaftliche Kriterien. Vielmehr verfolgt sie eine klare politische Agenda. Gleichwohl ist die Publikation der Schrift mit dem Titel «Einblick: Rassismus in Lehrmitteln» mit Steuergeldern aus Bundesbern und der Stadt Zürich unterstützt worden.
Laut den Autorinnen strotzen die von ihnen begutachteten Schulbücher nur so von weissen, christlichen und männlichen Rassismen und Stereotypen. Auch das Lehrpersonal versagt ihrer Meinung nach, weil es Rassismus nicht erkenne und deshalb nicht eingreife. Und so würden weisse Kinder in der Schule systematisch bevorteilt, während «Kinder of Color» konstante «Abwertung und Destabilisierung ihres Selbst erfahren.»
Während man sich als Laie wundert, warum trotz dieser rassistischen Eiseskälte die Schweiz für viele Zuwanderer immer noch ein attraktives Terrain ist, hält die bescheidene Lehrmittel-Analyse der beiden Aktivistinnen einer Prüfung durch Kenner der Materie freilich nicht stand.

Grobe Manipulation

Als «grobe Manipulation» bezeichnet der Migrations- und Integrationsfachmann Thomas Kessler die Kampfschrift und enttarnt auf dem Bildungsblog «Condorcet» alle Irrtümer und Fehldeutungen der Autorinnen, was den ideologischen Charakter ihrer Schrift unterstreicht. Dazu passt auch, dass Rassismus für die Autorinnen ausschliesslich weiss ist. Die Erwähnung arabischer Sklavenhändler in einem der beanstandeten Schulbücher ist für sie entsprechend nichts als «antimuslimischer Rassismus».
Auch Leute aus der Schulpraxis haben wenig schmeichelhafte Worte für die Erkenntnisse der beiden Menschenrechtsaktivistinnen. Von Thomas Kessler mit der Schrift konfrontiert, reichten die Urteile von «sektenhaft», «voller Stereotypen» und «Parodie» über «groteske Arroganz mit billigem Moralismus» bis hin zu «Satire» und «ideologisches Pamphlet».
Anders tönt es hingegen einmal mehr beim Schweizer Radio- und Fernsehen SRF. Hier gibt man sich willfährig und betroffen. Etwa dann, wenn Moderatorin Bigna Silberschmidt im Studio mit Co-Autorin Rahel El-Maawi darüber spricht, ob man bei einer Zufallsbekanntschaft fragen dürfe, woher das Gegenüber kommt. Sie mache das schon manchmal, gesteht die Moderatorin. Nein, das dürfe man nicht fragen, antwortet Rahel El-Maawi, die – was allerdings unerwähnt bleibt – 2019 auf der Alternativen Liste in Zürich für den Nationalrat kandidiert hatte. Diese Frage verletze die Gefühle des Gegenübers. Die Moderatorin nimmt es nachdenklich zur Kenntnis. Ob sie gemerkt hat, dass sie sich soeben des Rassismus schuldig gemacht haben könnte?
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