Geschlechtergerechte Sprache: Sprachzerfall oder nötige Entwicklung?

Geschlechtergerechte Sprache: Sprachzerfall oder nötige Entwicklung?

Man nennt es Gendern – und fest steht: Was die Menschen am Ende miteinander versöhnen soll, entzweit sie vorerst noch. Auch unsere Redaktion. Weil wir uns nicht einigen konnten, bilden wir ab, was uns gespaltet hat. Auch ohne Nebel.

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von Fabienne Niederer am 13.8.2021, 04:00 Uhr
Spaltet die Gemüter: Die Frage, wie viel eine geschlechterneutrale Sprache tatsächlich bringt, führt oft zu hitzigen Debatten. BILD: Shutterstock
Spaltet die Gemüter: Die Frage, wie viel eine geschlechterneutrale Sprache tatsächlich bringt, führt oft zu hitzigen Debatten. BILD: Shutterstock

Pro:

Es geht um mehr als um ein paar Satzzeichen!

Dieses Zeichen sollte mittlerweile schon jeder Leserin aufgefallen sein, die am Morgen ihre Zeitung aufschlägt oder auf dem Smartphone die Online-News durchstöbert: * Das Gendersternchen. Nicht nur grosse Medien-Unternehmen wie SRF achten mittlerweile darauf, sogar bei internationalen Organisationen wie der UNO oder der Fluggesellschaft Swiss ist man mittlerweile auf eine inklusive Sprache umgestiegen.
Obwohl der Graben zwischen Pro und Contra gerade tiefer denn je zu sein scheint, ist die Grundthematik, die dahinter steckt, alles andere als neu.
Die Forderung nach einer gendergerechten Sprache hat im Rahmen der feministischen Bewegung begonnen: Denn mit dem generischen Maskulin, das auch heute noch vorherrscht, wird die Hälfte der Bevölkerung sprachlich ignoriert. Seien Sie ehrlich: woran denken Sie, wenn sie von einem Forscher, einem Politiker oder einem Arbeiter lesen? Den Kindern geht es da nicht anders, und es ist ein Bild, das sie bis zum Erwachsensein verfolgt.
Dass sich eine Sprache weiterentwickelt und sich den Bedürfnissen der Gesellschaft anpasst, ist notwendig, um sie lebendig zu halten. Immerhin hat vor 20 Jahren auch noch niemand von anklicken oder posten gesprochen, vor 50 Jahren bezeichnete man Frauen immer noch als Fräulein und bis 1971 stand in der Schweizer Bundesverfassung zwar geschrieben «Alle Schweizer sind vor dem Gesetz gleich» aber mitgemeint war die weibliche Bevölkerung da eben keineswegs, als sie von der Urne ferngehalten wurde.
Vor über hundert Jahren war es vielleicht noch ausreichend, generell von Ärzten oder Arbeitgebern zu sprechen, weil es auch tatsächlich keine Frauen in diesen Positionen gab. Heute, im 21. Jahrhundert, ist dieser Ansatz aber schlichtweg veraltet. Sprache ist nicht nur Ausdruck der eigenen Identität, sie spiegelt auch die pluralistische Gesellschaft als Ganzes wieder, in der wir heute leben.
Ob man sich beim Gebrauch des generischen Maskulins persönlich diskriminiert fühlt, muss jeder und jede für sich entscheiden. Fakt ist aber: Die männliche Grundform blendet die weibliche Hälfte der Gesellschaft aus, verkennt erst recht alle sozialen Geschlechter, die zwischen dem binären Mann und Frau noch zu finden sind, wie sie ebenfalls bereits seit Jahrzehnten von der Forschung belegt werden. Dieses Bild, das dadurch in den Köpfen der Menschen entsteht, trägt dazu bei, dass die Geschlechter auch heute noch nicht vollständig gleichgestellt sind.
Übrigens, haben Sie gemerkt, dass ich im Einstieg die weibliche Version verwendet habe? Die männlichen Leser waren selbstverständlich mitgemeint.

Fabienne Niederer

Contra:

Wir wollen kein Moraldeutsch!


«Störend für den Lesefluss, grammatikalisch inkorrekt, Genus und Sexus haben nichts miteinander zu tun.» Es gibt viele Argumente gegen die Gendersprache. Sie würden nicht weniger wahr, wenn ich sie hier noch einmal wiederholen würde. Trotzdem möchte ich lieber auf oft genannte Pro-Argumente eingehen.
«Sprache prägt das Bewusstsein, somit muss sich die Sprache ändern, damit sich das Bewusstsein der Menschen ändert.»
Das ist wohl das am häufigsten zitierte Pro-Argument. Es bedeutet etwa so viel: Wenn man also lange genug von Ärztinnen spricht, glaubt auch ein junges Mädchen, eine solche Ärztin werden zu können, weil ihr die Gesellschaft nicht mehr durch die Verwendung des generischen Maskulinums das Bild eines männlichen Arztes eintrichtert – so die Theorie. Ein schöner Gedanke, eigentlich.
Doch löste das Wort «Mädchen» im vorletzten Satz bei Ihnen ein Bild von einer Sache aus, oder doch eher von einer jungen weiblichen Person? Eben.
Das Argument, dass Sprache ein Bild im Kopf schafft, lasse ich gelten. Dass dadurch eine Realität geschaffen wird, scheint mir allerdings etwas abwegig. Wäre dem so, dürften Gesellschaften mit Sprachen, in denen es keine Geschlechter gibt, wie beispielsweise das Türkische, auch keine Geschlechterunterschiede aufweisen. Das dem so ist, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr prägt die Realität das Bild im Kopf mit und hat daher die Macht, die Sprache zu verändern. Und da sind wir bereits beim nächsten Argument:
«Sprache hat sich schon immer verändert.»
Keine Frage. Doch tat sie das unkontrolliert, durch die Anwendung und stets hin zum Einfacheren. Nie wurde eine Sprache komplizierter, nie wurde sie künstlich verändert.
Das nun geschaffene Moraldeutsch unterstellt sämtlichen Mitglieder unserer Gesellschaft, in ihrem Alltag sexistisch zu sein. Die Vorstellung, nun sämtliche Sprachbenutzer bevormunden zu müssen, damit sie sich in Zukunft fairer gegenüber allen anderen Geschlechtern verhalten, ist Irrsinn. Die sprachliche Formpresse, die wohlbemerkt hauptsächlich aus dem akademischen Milieu stammt, ist somit nicht nur weltfremd, sondern auch arrogant. Wenn diese Verrenkung der Sprache wirklich allen zugute käme, warum stossen sich denn so viele Frauen, vermeintliche Profiteurinnen der Sprach-Neulancierung, ebenfalls daran? Warum wird diese Form der Sprache in Umfragen stets von einem Grossteil abgelehnt?
Geschriebene Sprache sollte in erster Linie eines: lesbar sein! Und mit jeder Hürde, die man einbaut, sinkt die Attraktivität des Lesens und somit auch die Bereitschaft dazu.
Dabei ist Lesen ein essentielles Werkzeug zur Wissensgewinnung und zur persönlichen Meinungsbildung. Ich schätze belesene Menschen eher als fähig ein, die Gleichstellung der Geschlechter im Alltag zu leben und sie im Kontext der heutigen Zeit als selbstverständlich zu erachten. Im Umkehrschluss ist die Verkomplizierung der Sprache – und nichts anderes ist die Gendersprache – gar kontraproduktiv.

Stefan Bill

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