Gendersprache: Pronomen est omen

Gendersprache: Pronomen est omen

«Le Robert», ein französisches Pendant zum deutschen «Duden», hat mit «iel» bzw. «ielle» ein non-binäres Pronomen aufgenommen. Auch im Deutschen gibt es solche Pläne.

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von Claudia Wirz am 14.12.2021, 05:00 Uhr
Muss man, wenn man Deutsch lernt, bald genderneutrale Pronomen büffeln? Bild: Keystone
Muss man, wenn man Deutsch lernt, bald genderneutrale Pronomen büffeln? Bild: Keystone
Selbst die ehrwürdige Sprache Voltaires verbeugt sich vor dem Zeitgeist. Und der Zeitgeist liebt die Diversität und Inklusion aller vorstellbaren und nicht vorstellbaren Geschlechter. Die Pronomen «il» und «elle» samt ihren Pluralformen reichen da nicht mehr aus und könnten all jene Menschen verletzen, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen.
«Le Robert», ein französisches Pendant zum deutschen «Duden», hat deshalb in seiner Online-Version ein neues genderneutrales Pronomen aufgenommen. Es heisst «iel» oder «ielle».

Jubel und Trubel

Während die Transgender-Szene über die Nachricht frohlockte und das Ereignis als «beinahe historisch» taxierte, enervierte sich Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer auf Twitter und unterstützte den Protest, den der konservative Abgeordnete François Jolivet gegen das Wörterbuch lanciert und an die «Académie Française» weitergereicht hatte. Die «Académie» wacht über die Pflege der französischen Sprache.
Die Herausgeber des «Le Robert» sahen sich daraufhin zu einer Stellungnahme genötigt und erklärten, das neue Pronomen sei aufgenommen worden, weil es im Sprachgebrauch immer häufiger vorkomme. Als Zeichen der Zustimmung zu dieser Weltsicht sei der Neuzugang nicht zu verstehen.

Binäre Ordnung

«Iel» und «ielle» setzen sich aus «il» und «elle» zusammen. Böse Zungen könnten nun einwenden, dass diese Konstruktion in der reaktionären binären Ordnung von lediglich zwei Geschlechtern verharre.
Vermutlich würde das Lann (geb. Antje) Hornscheidt so sehen. Hornscheidt hatte einst eine Professur für Genderstudies an der Humboldt-Universität in Berlin, bezeichnet sich selber als «genderfrei» und befasst sich – in deutscher Sprache – seit langem mit geschlechtsneutralen Pronomen. Als Pronomen für sich selber hat Hornscheidt schon vieles ausprobiert und ist aktuell bei «ens» gelandet, also «ens» wie in «Prof.ens» oder «Dr.ens».
Aber auch das X soll der genderneutralen Sprache dienen. Wem das zu abstrakt erscheint, dem möge ein Beispielsatz aus Hornscheidts Leitfaden weiterhelfen. Dort heisst es: «Dex Radfahrex hat exs Rad zur Reparatur gebracht. Ex wollte einex Freundx mit der Möglichkeit einer Radtour überraschen.» Dass viele Leute über solche Sätze stolpern, liege nicht etwa am X, sondern daran, dass die «Gendernormen in unseren Köpfen so starr sind», gab Hornscheidt im Tagesspiegel zu Protokoll.

Elitäre Nabelschau

Im Deutschen gibt es bereits eine bunte Liste von Vorschlägen für «genderneutrale» Pronomen. «Xier», «xie», «en» oder «dey» gehören dazu, sie alle verharren allerdings in der Exklusivität der non-binären Blase. Der «Duden» rät gegenwärtig noch zu Umschreibungen bzw. Umgehungen; ausserdem wird Verbänden und anderen Gruppierungen empfohlen, sich bei Personen nach der bevorzugten Ansprache zu erkundigen.
Noch sind solche Dinge vor allem dort verbreitet, wo die Angehörigen jedweden Geschlechts über ausgiebig Zeit und Ressourcen für exzessive Nabelschau verfügen – namentlich an der vom Steuerzahler finanzierten Universität.
Die Chefredaktorin des «Duden», Kathrin Kunkel-Razum, geht aber davon aus, dass genderneutrale Schreibweisen generell zunehmen werden, vor allem in amtlichen Belangen. Kein Wunder hat die «Duden»-Chefredaktorin auch schon einen Vorschlag für ein neutrales Pronomen parat, wie sie 2017 der «Berliner Morgenpost» verriet: «Sir» könnte es sein, eine Art Mariage von «er» und «sie». Lann Hornscheidt müsste also wieder umdenken, aber immerhin bekäme das französische «iel» ein deutsches Geschwisterchen.

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