Warum Gendersprache nötig ist

Warum Gendersprache nötig ist

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von Beni Frenkel am 9.4.2021, 08:06 Uhr
Die korrekte Sprache ist wichtig Bild: Shutterstock
Die korrekte Sprache ist wichtig Bild: Shutterstock
  • Gesellschaft
  • Satire

Ob wir wollen oder nicht: Es führt kein Weg an der geschlechtergerechten Sprache vorbei. Nun ist die Technik gefordert.

Meine Oma, sie ist seit 20 Jahren tot, liest gerne meine Texte. Deswegen schicke ich ihr immer wieder Nachrichten auf tote-oma@gmail.com und lasse sie so an unserem Familienleben aktiv teilhaben. Ihre Sehkraft hat leider stark nachgelassen. Ich schreibe darum so gross wie Word zulässt (Schriftgrad 1638). Ausserdem sende ich ihr immer einen Link für eine kostenlose Sprachausgabe. Oma muss also lediglich meine E-Mail kopieren, auf die Seite gehen und den Lautsprecher auf 100 setzen.
Schriftgrad 1638 erlaubt natürlich keine langen Briefe. Ich beschränke mich auf kurze Sätze: «Kinder alle okay, Frau auch.» oder «Heute wieder einmal nur Spaghetti.» Manchmal fällt mir nichts ein. Dann schreibe ich meiner Oma: «Austernfischer*innen lästern über Austernhändler*innen.»
Es ist Ihnen sicher aufgefallen: Die gendergerechte Sprache ist mir ein wichtiges Anliegen. Wenn im Freundeskreis darüber gelästert wird, schreite ich ein: «Liebe Kollegen (m,w,d), hört bitte auf damit!» Wir leben im 21. Jahrhundert. Ein bisschen Rücksicht und Toleranz schadet niemanden.
Leider sind nicht nur Menschen entsetzlich rückständig, sondern auch die Technik. Die kostenlose Sprachausgabe spricht meinen Oma-Satz so aus: «Austernfischersterninnen lästern über Austernhändlersterninnen.» Das ärgert mich, denn der erste Satz, der muss immer sitzen.
Ich schrieb meiner Oma darum einen anderen Satz, der mir ebenfalls viel bedeutet: «Klippenausternfischer_innen kleistern Bühnenflüster_innen.» In diesem Satz kommen keine Sterne vor, dafür zwei moderne Unterstriche, die der Frauenbewegung entgegen kommen. Was darf man von modernen Sprachausgaben erwarten? «Klippenausternfischerunterstrichinnen kleistern Bühnneflüsterunterstrichinnen.» Der Satz wird total entstellt und gibt meine richtigen Gefühle überhaupt nicht wieder.
«Benutz doch genderneutrale Substantive», sagte meine Frau, die mich leiden sah. Diese Option wollte ich eigentlich immer ausschliessen, da sie der Frauenbewegung nicht genügend Rechnung trägt. Ich mag die direkte Sprache. Roberto Blanco ist schwarz, nicht dunkelhäutig. Ich bin Jude, nicht mosaischen Glaubens.
Aber wenn die Technik uns nachhinkt, dann füge ich mich halt. Ich schrieb der toten Oma: «Jetzt auch andere Grossmutter tot. Erbende streiten.»
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