Gender schlägt Leistung

Gender schlägt Leistung

Freiheit ist alles. Sie ist der grundlegende Wert einer demokratisch-rechtsstaatlich verfassten, marktwirtschaftlich ausgerichteten Staatengemeinschaft. Aber sie ist bedroht.

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von Matthias Mueller am 22.4.2021, 08:00 Uhr
Gleichmacherei bedroht die Freiheit. (Bild: shutterstock)
Gleichmacherei bedroht die Freiheit. (Bild: shutterstock)
Noch zählt sich die Schweiz glücklicherweise zu den fortschrittlichsten und freiheitlichsten Nationen auf dieser Welt. Doch der Einfluss des Staates nimmt seit längerem stetig und mehrdimensional zu. Auch in gesellschaftlichen Kreisen macht sich zusehends ein regulatorischer Eifer breit, der unsere Freiheiten einzuschränken versucht.
Dieser Tage ruft – horribile dictu – vor allem das Geschlecht den Staat und seine glühenden Adlaten auf den Plan. Geärgert habe ich mich neulich über dreierlei: über die neu eingeführte Frauenquote (50%) in den Informationssendungen des Schweizer Fernsehens, über die Frauenquote für Verwaltungsräte (30%) und Geschäftsleitungen (20%) von kotierten Unternehmen, und schliesslich über den Trend, Männer stummzuschalten, die sich hierzu kritisch äussern wollen.

Unwürdige Quoten

Zu den beiden Geschlechter- bzw. Frauenquoten: Sie sind eines freiheitlichen Staates unwürdig. Denn mit Frauenquoten wird das wohl grösste Versprechen des Liberalismus gebrochen: die Verbesserung der eigenen Lage mit eigener Leistung. Die moderne Aufklärung lehrt uns, die Menschen nicht aufgrund ihrer zufälligen biologischen, sozialen oder sonstigen Eigenschaften zu beurteilen, sondern aufgrund ihrer Leistung, die sie in den Augen anderer erbringen.

Richtig ist, dass die Geschlechter in vielen Bereichen nicht gleich vertreten sind. Damit allein ist aber der Nachweis der fehlenden Gleichstellung (noch) nicht erbracht.


Der Zeitgeist aber feiert die Frauenquoten als Aufbruch ins Zeitalter der Gleichberechtigung – stets mit dem Hinweis auf Artikel 8 Absatz 3 der Bundesverfassung. Nach diesen Verfassungsbuchstaben sind Mann und Frau gleichberechtigt. Das Gesetz soll für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung sorgen, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Die Untervertretung von Frauen in Informationssendungen und Führungsetagen hiesiger kotierter Unternehmen belege, dass die Gleichstellung nicht gewährleistet sei, was gestützt auf den oben genannten Verfassungsauftrag einen Eingriff rechtfertige. Als langfristiges Ziel wird denn auch das Erreichen der Parität (50:50) in allen erdenklichen Lebensbereichen genannt.
Richtig ist, dass die Geschlechter in vielen Bereichen nicht gleich vertreten sind. Damit allein ist aber der Nachweis der fehlenden Gleichstellung bzw. einer Diskriminierung (noch) nicht erbracht. Die Apologeten der Frauenquote weichen dieser Lücke in der Beweisführung aus, wenn sie behaupten, Artikel 8 der Bundesverfassung postuliere eine Ergebnisgleichheit. Der Auftrag der fraglichen Verfassungsnorm geht dahin, Chancengleichheit zu schaffen. Den Bürgerinnen und Bürgern soll ermöglicht werden, am gesellschaftlichen Leben, namentlich in Familie, Ausbildung und Arbeit, gleichermassen teilzuhaben. Mitnichten aber soll diese Norm einer Ergebnisgleichheit eine verfassungsmässige Grundlage verschaffen.
Es ist mithin falsch, bestimmte Besetzungsverhältnisse auf regulatorischem Weg mit dem Ziel korrigieren zu wollen, letztlich Gleichstellung im Sinne einer gleichen Vertretung von Mann und Frau zu verwirklichen. Vielmehr ist reale Chancengleichheit, geschaffen durch die intensiven Anstrengungen der vergangenen Jahre, längst ein Faktum. Unsere soziale Marktwirtschaft garantiert hierzulande jeder Frau und jedem Mann, die oder der zusätzlich zum nötigen Quäntchen Glück die entsprechenden Fähigkeiten, das nötige Engagement und den erforderlichen Willen mitbringt, ihren oder seinen Berufswunsch zu leben.

Diversität rechnet sich auch so

Es ist vor diesem Hintergrund grundfalsch, auf das Geschlecht abzustellen. Zuschauer von Informationssendungen wollen doch die Meinung der Besten auf ihrem Gebiet hören – unabhängig vom Geschlecht. Ebenso wollen Aktionäre aus ureigenem Interesse die besten Verwaltungsräte ernennen – ganz gleich, welchem Geschlecht diese angehören. Damit soll nicht gesagt sein, dass Diversität wertlos oder gar schädlich sei. Im Gegenteil: Menschen treffen dann die besten Entscheidungen, wenn im Kreis dieser Menschen möglichst viele unterschiedliche Fähigkeiten und Facetten vertreten sind. Diversität ist in erster Linie nicht eine Wohltat gegenüber Minoritäten, sondern ein Gebot guter Corporate Governance und zuletzt auch ein ökonomischer Erfolgsfaktor.

 

Demokratie lebt davon, dass die mündigen Citoyens – ob Mann oder Frau – gleichermassen am politischen Diskurs teilhaben.


Damit ist aber auch gesagt, dass die Fixierung auf die Geschlechtervertretung einseitig ist, indem eine einzige Eigenschaft hervorgehoben wird. Hier lassen sich die Fürsprecher von Frauenquoten denn auch in die Karten blicken: Es geht ihnen in Tat und Wahrheit gar nicht um gute Corporate Governance, sondern um die Verwirklichung eines ideologischen Programms. Darauf oder auf Ähnliches angesprochen reagieren sie oftmals mit einem peinlichen und vermeintlichen Killerargument, wie jüngst Laura Zimmermann in einem NZZ-Interview: «Ach, was weisst Du schon? Du bist keine Frau.» Damit hat sich die Anführerin der angeblich liberalen Operation Libero gleich selbst disqualifiziert und ins illiberale Abseits gestellt. Demokratie lebt davon, dass die mündigen Citoyens – ob Mann oder Frau – gleichermassen am politischen Diskurs teilhaben und ihre Meinung kundtun dürfen. Das Geschlecht darf hierbei keine Rolle spielen. Wer von diesem Postulat des Liberalismus Abstand nimmt, begibt sich in die Sackgasse des Biologismus.
Zum Schluss: Die genannten Beispiele mögen für sich allein betrachtet nur kleine, unbedeutende Mosaiksteinchen sein. Doch die ihnen zugrundeliegenden Entwicklungen sind zu einer ernsten Bedrohung des Wettbewerbs und des Leistungsprinzips geworden. Wir Liberale dürfen nicht zulassen, dass die Freiheit als wichtiges Prinzip und als Kehrseite der Eigenverantwortung in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zulasten (für die Leistungsbeurteilung) völlig belangloser Merkmale wie das Geschlecht weiter an Wert und an Strahlkraft verliert. Vergessen wir nicht: Freiheit und Leistung sind und bleiben das Schmieröl im Motor des Fortschritts – und Bürokratie und Regulierung der Sand im Getriebe.
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