Gender-Knatsch bei der Swiss: Hunderte Jobs fallen weg – aber für Sprachsensible ist Geld und Zeit vorhanden

Gender-Knatsch bei der Swiss: Hunderte Jobs fallen weg – aber für Sprachsensible ist Geld und Zeit vorhanden

Die Schweizer Fluggesellschaft in deutschem Besitz hat letzte Woche angekündigt, fortan auf gendergerechte Sprache zu setzen. Diese Prioritätensetzung kommt bei den Angestellten schlecht an.

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von Sebastian Briellmann am 10.6.2021, 07:00 Uhr
«Liebe Kund:innen »: So sollen die Flugbegleiter der Swiss künftig mit ihren Gästen sprechen. Bild: Shutterstock
«Liebe Kund:innen »: So sollen die Flugbegleiter der Swiss künftig mit ihren Gästen sprechen. Bild: Shutterstock
Innerhalb der Fluggesellschaft Swiss, das darf man lobend feststellen, herrscht eine ausgeprägt lebhafte Debattenkultur. Wenn die Arbeitgeberin im internen Kommunikationskanal eine Mitteilung verkündet, können die Mitarbeiter mitteilen, ob ihnen die News gefällt oder nicht – zum Beispiel mit einem Kommentar oder einem Like. Und das jeweils mit dem eigenen Namen. Das ist Pflicht.
Letzte Woche jedoch gingen die Wogen hoch. Die Swiss gab bekannt, dass man fortan auf eine «gendergerechte und faire Sprache» in allen Publikationen setzen will. Was das heisst, überrascht nicht. «Liebe Kund:innen» – der Doppelpunkt als neuer treuer Flugbegleiter.
Das sorgte für grossen Widerspruch. In der Kommentarspalte entbrannte eine feurige Diskussion; über Sinn und Unsinn dieses Entscheids wurde debattiert und vor allem über den Zeitpunkt. Laut einer internen Ankündigung müssen bis zu 780 Stellen abgebaut werden. Das passt irgendwie nicht recht zusammen, fanden viele Mitarbeiter.

«Zensur»

Der Swiss ging das jedoch zu weit. Sie schloss die Kommentarfunktion. Auf Anfrage heisst es: «Wir schätzen ehrliches Feedback und die freie Meinungsäusserung, selbst wenn ein Thema einmal kontrovers diskutiert wird.» Mit Bedauern habe man jedoch feststellen müssen, «dass die eigene Meinung zu diesem Thema in einzelnen wenigen Kommentaren nicht mehr sachlich vorgebracht wurde». Was die Swiss bestätigt, fuchst viele Mitarbeiter gewaltig. Die Debatte sei vielleicht emotional, aber jederzeit fair geführt worden. Die wenigen Aussetzer hätte man ja einfach löschen können.
Auch Tage nach der Ankündigung ist der Unmut über den Gender-Knatsch nicht verflogen, im Gegenteil: Mitarbeiter, mit denen der «Nebelspalter» gesprochen hat, sind noch immer verärgert. Luft machen sich gewisse in einem anderen internen Chat mit den Namen «Zensur».

Es riecht gewaltig nach PR

Die Hauptkritik: Es werde gespart, beim Personal, bei der Qualität – aber für eine solche Übung habe man sofort Zeit und Geld. Die Swiss teilt mit, dass «Vielfalt und Gleichberechtigung» im Unternehmen «zentrale Werte» seien. Das müsse man in der «Realität leben», sonst bleibe es bei einer «leeren Worthülse»: Das bedeute, «alle Menschen im Unternehmen sichtbar zu machen, Kundinnen, Mitarbeiterinnen und Menschen des dritten Geschlechts nicht nur mitzumeinen, sondern gezielt anzusprechen.»
Mit diesem sogenannt sensiblen Sprachgebrauch soll dies offenbar erreicht werden. Nun ist es so, dass die Flugbegleiter der Swiss schon jetzt einen sehr guten Ruf geniessen – über Diskriminierung von Kunden ist nichts bekannt. Das Ganze riecht deshalb gewaltig nach einer PR-Aktion. Will man damit eine radikale und laute Mini-Minderheit zufriedenstellen (die sowieso nie zufrieden sein wird)?

Doch nicht so wichtig?

Dass es der Swiss vielleicht doch nicht so ernst und der Verdacht, es handle sich um eine PR-Aktion, nicht so abwegig ist: Das legt die Kostenfrage nahe. Die Swiss schreibt, man könne «das Thema» mit einem «relativ kleinen Aufwand übernehmen», da der Mutterkonzern Lufthansa sowieso auf gendergerechte Sprache umstelle. Wie viel die Umsetzung kostet: Diese Frage wird wenig überraschend nicht beantwortet. Auch einen Widerspruch will die Swiss nicht erkennen: Wenn das Gender-Thema so unerlässlich ist, dürfte es ja auch etwas kosten.
Eingespartes Geld wäre ja da: Der angekündigte umfangreiche Abbau beim Personal – und auch bei der Qualität wird geschmürzelt: In nicht-sicherheitsrelevanten Bereichen werden etwa die Wartungsintervalle vergrössert, zum Beispiel, wenn ein Fernsehgerät kaputt ist. Darunter dürfte das Erscheinungsbild leiden. Die Swiss widerspricht: «Seit Beginn der Corona-Krise im Frühling 2020 haben wir uns dafür entschieden, vorübergehend bei kleineren optischen Beeinträchtigungen unser Vorgehen der aktuellen Situation anzupassen. Das bedeutet, dass wir statt eines sehr kostspieligen Austausches eines Bestandteiles in der Kabine, selber optische Instandhaltungen vornehmen, sofern dies möglich ist.»

Das Erscheinungsbild dürfte leiden

Das ist aber noch nicht alles: Auch andere nicht essenzielle Projekte wurden vorübergehend gestoppt: Einführung einer Premium Economy und einer neue Business Class sowie ein überarbeitetes Meilenprogramm. Das könnten in einer schwierigen Phase für eine Fluggesellschaft vielleicht wichtigere Projekte aus Kundensicht sein.
Die Swiss antwortet, dass diese Projekte nur aufgeschoben seien, teils noch in diesem Jahr eingeführt würden. Und sowieso: «Die Einführung eines neuen Produkts kann nicht mit dem Entscheid über ein gemeinsames kommunikatives Vorgehen in Bezug auf inklusive Sprache gleichgestellt werden.»
Nun ja: Viele Mitarbeiter scheinen das anders zu sehen. Sie befürchten, dass das Erscheinungsbild wegen den Sparmassnahmen sehr wohl leiden dürfte – und das dies weit schlechter bei den Kunden ankommen als die gendergerechte Sprache honoriert werde.

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