Gender-Horrorstory: Wenn «Mann» das falsche Geschlecht ist

Gender-Horrorstory: Wenn «Mann» das falsche Geschlecht ist

Politik und Wirtschaft setzen immer mehr auf Frauenquoten. Diese haben auch Schattenseiten. Drei Männer erzählen, wie sie den Kürzeren gezogen haben, weil sie das falsche Geschlecht haben.

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von Nicole Ruggle am 9.12.2021, 05:00 Uhr
Bild: Clemens Ottawa
Bild: Clemens Ottawa
Nicht alles, was gut gemeint ist, endet auch gut. Wenn Geschlecht vor Eignung und Erfahrung kommt, wird nicht nur das Leistungsprinzip verletzt. Ein solches Kriterium hinterlässt auch bei den Verlierern Verbitterung. Drei Männer erzählen, wie sie Opfer der Genderfrage wurden.

Daniel: Banker

Daniel ist frustriert. Seit mehr als einem Jahrzehnt rackere er sich nun für seinen Arbeitgeber, eine Schweizer Grossbank, ab. Dennoch sei er mehrere Male bei der Beförderung übergangen worden. Er spricht von «institutionalisiertem Sexismus»; Frauen würden bevorzugt.
«Das erste Mal wurde die Stelle, die eine logische Weiterentwicklung meiner bisherigen Tätigkeit gewesen wäre, an eine Frau ohne entsprechende Erfahrung vergeben», sagt Daniel. «Ich hatte in diesem Bereich viel Arbeitserfahrung vorzuweisen. Ein halbes Jahrzehnt lang habe ich auf diese Beförderung hingearbeitet.»
Später hat Daniel erfahren, dass eine frisch eingestellte, euphorische Botschafterin für Inklusion und Diversität die Stelle kurzerhand per Telefonanruf an seine Konkurrentin delegiert hatte. «Es ist offensichtlich, dass es hier nicht um Kompetenzen oder Loyalität ging, sondern um die immer wieder gepredigte Frauenförderung», erklärt Daniel.
Zumindest Daniels Qualifikationen sprechen für sich. Die Arbeitszeugnisse, die dem «Nebelspalter» vorliegen, lassen auf eine einwandfreie Arbeitsweise schliessen. Seine Vorgesetzten loben ihn in den höchsten Tönen, die Qualifikationen sind exzellent.

«Wenn du heutzutage im Beruf weiterkommen willst, dann förderst du entweder eine Frau – oder du bist am besten eine»

Daniel, Banker

Daniel, der sich nun seit zehn Jahren in einem 100-Prozent-Pensum für seinen Arbeitgeber einsetzt, unterliegt bei der nächsten Beförderung wieder einer Frau. Diese stamme nicht nur aus einem fachfremden Bereich, sondern arbeite auch noch Teilzeit. Auch bei der dritten Hoffnung auf ein Weiterkommen im Beruf muss er zugunsten einer weiblichen Konkurrentin zurückstecken. Wieder für eine, die im entsprechenden Bereich weniger erfahren sei.
Auffällig sei, dass alle drei Frauen vom selben Vorgesetzten befördert worden seien. Für Daniel ist das kein Zufall: «Auf die Zeit der schönen Worte und Versprechungen folgte die Implementierung der entsprechenden Vorgaben. Banker reagieren auf Boni. Ich bin mir sicher, die erreichte Frauenquote wird inzwischen an die Höhe des ausbezahlten Bonus gekoppelt. Die meisten Mentoring-Programme der Bank sind heutzutage für Frauen reserviert.» Daniels Fazit: «Wenn du heutzutage im Beruf weiterkommen willst, dann förderst du entweder eine Frau – oder du bist am besten eine.»

Christian: Politiker

Auch Christian kann von solchen Spielchen ein Lied singen. Der ehemalige Mandatspolitiker kann auf jahrelange politische Erfahrung zurückgreifen, auch milizpolitisch. Vor einiger Zeit sollte es dann für einen Exekutivsitz reichen – Christian stellt sich zur Wahl, wird von der Partei nominiert. Doch es folgt die grosse Ernüchterung: Er soll einer Frau weichen. Die Genderfrage wird in seiner Partei hochgehalten.
«Ich wollte die Partei nicht so kurz vor der Wahl spalten – das wäre einer Zerreissprobe gleichgekommen», erklärt Christian. Er verzichtet auf eine Kampfwahl innerhalb der Partei, zieht seine Kandidatur zurück. Seine Parteikollegin wird gewählt. Die Medien schreiben später von Intrigen, Überforderung, Inkompetenz; sie schien den Anforderungen nicht gewachsen zu sein.

«Rückblickend bereue ich meine Entscheidung»

Christian, Politiker

«Rückblickend bereue ich meine Entscheidung», erklärt Christian. «Heute würde ich es klar anders machen. Denn meine Parteikollegin konnte die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen.» Es gehe ihm dabei nicht um die Geschlechterfrage. Er sei selbst Vater zweier Töchter, halte viel von gemischten Teams. «Frauen zu fördern und damit Chancengleichheit zu gewährleisten, finde ich sehr wichtig und muss eine Selbstverständlichkeit sein. Aber man muss sich auch fragen, ob eine Person in diesem Fall überhaupt für ein Amt geeignet ist – unabhängig von ihrem Geschlecht», sagt Christian.
Doch damit ist die Gender-Geschichte noch nicht vom Tisch. Ein paar Jahre später versucht Christian den Sprung in die Grosse Kammer. Dieses Mal wird er kurzerhand von seiner Spitzenlistenposition verdrängt. Wieder von einer Frau. «Sie entschloss sich spontan zu einer Kandidatur, durchlief kein ordentliches Auswahlverfahren und stellte sich als Sprengkandidatin auf», sagt Christian. «Eigentlich geht das nicht. Aber die Solidarität unter den Frauen in der Partei war gross, und die Medien haben sie bejubelt.»
Christian rät anderen Männern, sich nicht von der Genderfrage leiten zu lassen. Man dürfe sich den Entscheid nicht abnehmen lassen und müsse der eigenen Überzeugung folgen: «Gleichberechtigung erreichen wir nur, wenn wir sie auch gegenseitig leben. Das Streben nach Gleichheit bedeutet nicht, dass wir nun alte Fehler mit einer anderen Ausrichtung wiederholen. Gleichheit bedeutet für mich auch, die Unterschiedlichkeiten als eine unendliche Ressource zu erkennen und für alle zu nutzen.»

Marcel: Geschäftsführer

«Ich hatte schlaflose Nächte nach dieser Geschichte, das alles hat mich stark mitgenommen», erzählt Marcel. Über ein Jahrzehnt lang war er Geschäftsführer einer nationalen Niederlassung einer internationalen Firma. Vor ein paar Monaten war Schluss. «Ich habe gekündigt. Nach dem, was passiert ist, habe ich jede Handhabe als Geschäftsführer verloren. Meine Untergebenen liessen nun jeden Respekt vermissen.» Aber was genau ist passiert?
Eine langjährige Berufskollegin habe ihn angeschwärzt. Während er in den Ferien war. Sie habe dem Top-Management eine mehrseitige Anklageschrift vorgelegt. Die Vorwürfe sind happig: Mobbing, Begünstigung, Inkompetenz, fehlender Respekt gegenüber Untergebenen. Beweisen konnte die Mitarbeiterin nichts. Dem «Nebelspalter» liegt eine Begleitmail zu den Vorwürfen der Frau vor. Die Mitarbeiterin bestätigt darin, dass ihre Vorwürfe auf ihr «persönliches Empfinden» zurückgingen. Das sah auch das Top-Management so: Marcel habe sich korrekt verhalten.

«Ich hatte schlaflose Nächte nach dieser Geschichte, das alles hat mich stark mitgenommen»

Marcel, ehemaliger Geschäftsführer

Marcel habe die Frau mit ihrem Verhalten konfrontiert und sich gezwungen gesehen, sie freizustellen. «Dann ist sie ausgerastet. Sie hat Mobilliar zerstört, angefangen, Beweise zu vernichten. Ich konnte – zusammen mit einer Zeugin – nur danebenstehen. Hätte ich eingegriffen und sie angefasst, dann wäre es das gewesen für mich als Mann.» Marcel habe die Polizei gerufen, diese habe dann die Mitarbeiterin abgeholt.
Dieser Vorfall sei ihm wieder vom Top-Management zur Last gelegt worden. Die Lösung für all den Trubel? Ein runder Tisch: Sämtliche Mitarbeiter sollen sich nun einmal an Marcel abreagieren dürfen. Von nun an sei es für ihn immer schwerer geworden, seine Autorität geltend zu machen. Bis er schliesslich selber die Reissleine zog und die Firma verliess.
Die Mitarbeiterin, die für den ganzen Trubel verantwortlich war, arbeite inzwischen auch nicht mehr in der Firma. «Sie war danach ein Jahr lang in einer geschlossenen Anstalt. Es hätte nie so weit kommen müssen, hätte das Management von Anfang an hinter mir gestanden. Das heisst, sie hätten die Frau für ihre erfundenen Vorwürfe anzeigen sollen», sagt Marcel. Stattdessen habe man gebuckelt.
Marcel erklärt, sein Menschenbild habe sich seither komplett gewandelt. Das mache einen kaputt. Besonders als Mann habe man heute die schlechteren Karten. Er habe die Frauen in seinem Betrieb nie benachteiligt. Alle Mitarbeitenden seien immer nach Leistung und nicht nach Geschlecht bezahlt worden. Die Firma habe er Ende des Geschäftsjahres sauber mit einem guten Abschluss übergeben können. «Meine Karriere bin ich vorübergehend dennoch los», resümiert der ehemalige Geschäftsführer.

Hinweis: Die Namen der Betroffenen wurden zu deren Schutz abgeändert. Sie sind der Redaktion bekannt.

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