Gefährlicher Modellglaube

Gefährlicher Modellglaube

Modelle, die die Wirklichkeit erklären und damit Massnahmen zu ihrer Beeinflussung empfehlen, haben derzeit Hochkonjunktur. Im Mittelpunkt stehen – wie könnte es auch anders sein - die Themen Corona und Klima. Nur: Höchste Vorsicht ist geboten.

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von Peter Morf am 17.10.2021, 10:00 Uhr
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Wie geht es mit der Corona-Epidemie weiter, wie stark erwärmt sich das Klima in den kommenden Jahren und Jahrzehnten? Ganze Heerscharen von Wissenschaftern wollen sich mit der Beantwortung dieser gewiss relevanten Fragen profilieren. Das Rampenlicht der Öffentlichkeit lockt. Fast alle greifen zur Untermauerung ihrer Aussagen auf komplexe, mathematische Modelle zurück, sie sollen die Realität abbilden und entsprechende Prognosen ermöglichen. Diese dienen dann als Basis für politische Massnahmen.
Nur: Halten die Modelle wirklich, was sie versprechen, treffen sie die Realität und initiieren sie so die richtigen Massnahmen? Zweifel sind nicht nur angebracht, sie lassen sich nicht vermeiden. Der «Leistungsausweis» der Modelle ist äusserst dürftig.

Fragwürdige Task Force

In der Corona-Epidemie hat die wissenschaftliche Task Force von allem Anfang an stets exponentiell wachsende Infektionszahlen prognostiziert. Im Detail erwiesen sich praktisch alle Modellvorhersagen jedoch als falsch. Exemplarisch dafür steht der prognostizierte Verlauf der damals noch als britische Variante bezeichneten Mutante.
Schon im Dezember 2020 warnte Martin Ackermann, Präsident der Task Force, für die kommenden Wochen vor einem exponentiellen Anstieg der Infektionen. Als dieser nicht eintrat, wurde nicht etwa das Modell hinterfragt, sondern der exponentielle Anstieg einfach stets um einige Wochen hinausgeschoben. Die Realität hielt sich allerdings auch im weiteren Verlauf nicht an diese Prognosen.
Nichtsdestotrotz stützte sich der Bundesrat in seinen Massnahmen immer wieder auf die Modelle der Task Force, die ihrerseits stets eindringlich scharfe Massnahmen einforderte. Der Bundesrat griff tatsächlich zu harten Massnahmen oder verlängerte sie. Die damit provozierten Arbeitslosen, Sozialfälle oder Depressionen interessierten kaum. Genau so entstehen soziale Spannungen.
Task Force-Präsident Ackermann fühlte sich selbst bei seinem Rücktritt nicht bemüssigt, sich für seine Fehlprognosen zu entschuldigen. Dasselbe gilt für das Bundesamt für Energie – Wissenschaft(er)?

Düsteres «Klimabild»

Analoges geschah und geschieht im Bereich des Klimas. Der neueste, vom IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, im Volksmund auch Weltklimarat) publizierte Bericht malt die Zukunft der Welt in düsteren Farben, es sei eher schon fünf nach als noch fünf vor zwölf, radikale Massnahmen zur Einschränkung des CO2-Ausstosses seien dringender denn je.
Auch hinter diesen Prognosen stehen mathematische Modelle. Kaum jemand hat jedoch den Mut, sie zu hinterfragen. Dabei gäbe es genügend Anlass, dies zu tun. Die gängigen Modelle sind beispielsweise nicht in der Lage, die mittelalterliche Warmphase zu erklären. Ebensowenig haben sie zum Stillstand der Erderwärmung von ca. 2000 – 2014 zu sagen, die Modelle können ihn nicht nachbilden. Wenn die Modelle diese historisch dokumentierten Phänomene nicht erklären können, wie sollen sie dann auch nur halbwegs zuverlässige Aussagen über die Entwicklung der kommenden Jahrzehnte machen?
Diese Mängel erklären sich auch dadurch, dass wichtige Einflussfaktoren auf das Klima, wie etwa die Aktivität der Sonnenflecken, der Wolkenbildung oder der verschiedenen Meeresströmungen bis heute nicht verstanden werden. Der Einfachheit halber werden diese Faktoren verdrängt und die Modelle konzentrieren sich auf das CO2 – womit der Hauptschuldige an der Klimaerwärmung gefunden ist. Nur: Veränderungen in so komplexen Systemen wie dem Klima sind nie monokausal – eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Bedenkliche Parallelen

In beiden Themen zeigen sich wichtige Analogien: Beide, Corona und Klima, sind hochkomplexe, nicht-lineare Phänomene. Das heisst, dass selbst kleine Veränderungen in einem Einflussfaktor enorme Auswirkungen auf das ganze System haben können. Deswegen lassen sich nicht-lineare Phänomene kaum vernünftig modellieren. Die Anzahl der relevanten Faktoren ist zu hoch, ihr Zusammenspiel zu komplex. Kein Modellierer weist darauf hin.
Falsche Modelle haben eine fatale Eigenschaft – gerade wenn es um derart komplexe Phänomene geht. Politiker sind sehr dankbar, wenn sie klare Aussagen über Ursachen und Wirkungen präsentiert erhalten. Sie erliegen meist der Versuchung, die präsentierten Ergebnisse statt zu hinterfragen, für bare Münze zu nehmen. Falsche Modelle führen damit mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu falschen politischen Entscheiden - mit fatalen Folgen.
Zudem – und das ist besonders problematisch – werden in beiden Themen abweichende Meinungen marginalisiert. Wer es wagt, die gängigen Modelle zu kritisieren, wird als Klima- oder Coronaleugner diffamiert und handelt sich eine Marginalisierung in der Wissenschaft wie auch der veröffentlichten Meinung ein – dafür sorgen die allzu vielen Mainstream-Medien.
Schliesslich sehen sich die Wissenschafter in den besagten Institutionen – Task Force, IPCC – selbst gerne als Vertreter «der» Wissenschaft, sie haben die einzig mögliche Erkenntnis gefunden. Allerdings gibt es «die Wissenschaft» im Sinne einer einzigen und absolut gültigen Erkenntnis nicht. Wer sie für sich in Anspruch nimmt, dokumentiert damit lediglich die eigene Unwissenschaftlichkeit.
So verlockend es für Politiker ist, aus derartigen «wissenschaftlichen» Modellen, konkrete politische Massnahmen abzuleiten, so gefährlich ist es. Auch wenn ein Problem noch so komplex ist, dürfen wissenschaftliche Modelle nie unhinterfragt aufgenommen und als Leitschnur für konkrete politische Massnahmen verwendet werden. Probleme werden dadurch nicht gelöst, sondern im schlimmeren Fall noch akzentuiert.

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