Fussball-EM: Fröhlicher Post-Patriotismus ohne politische Tugendwächter

Fussball-EM: Fröhlicher Post-Patriotismus ohne politische Tugendwächter

Schweiz gegen Ungarn, Deutschland gegen Italien: Rundfunkberichte über Länderspiele ähnelten in meiner Jugend oft eher der Kriegs- als der Sportberichterstattung. Das ist vorbei. Eine Spurensuche.

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von Gottlieb F. Höpli am 18.6.2021, 12:10 Uhr
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In den Berichten über die grossen Länderspiel-Affichen der Nachkriegszeit schien es manchmal, als ob er der Zweite Weltkrieg noch nicht beendet wäre. Martialisch tönte es aus den Radiolautsprechern, wenn etwa deutsche Reportergrössen wie Rolf Wernicke oder Herbert Zimmermann die Partien ihrer Nationalelf kommentierten. Kein Wunder: Wernicke war bis 1945 Chefsprecher der «Wochenschau» im Nazi-Reich gewesen. Aber auch ein Jean-Pierre Gerwig liess mit seinen temperamentvollen Live-Kommentaren im Radio manchmal mehr Patriotismus aufkommen als manche 1.-August-Rede.
Wer heute die Übertragungen der Fussball-EM verfolgt, der wird feststellen: Der Fussball-Nationalismus ist fast völlig verschwunden. Leidenschaftliche Identifikation? Wir-Gefühl? Fehlanzeige. Daran ändern auch die Wimpel und Autokorsos nichts, die nach den Spielen spazierengeführt werden. Zum Spass, nicht als Ausdruck einer schicksalhaften Verbundenheit mit einem Staat, einer Nation gar.
Denn seitdem im Fussball das grosse Geld regiert, haben Nationalgefühle kaum mehr Platz in den Herzen der Fussballsöldner und deren Anhängerschaft. Unsere Nationalspieler legen anscheinend auch keinen besonderen Wert mehr auf ein patriotisches Wir-Gefühl – auch wenn es Unterschiede gibt, wie man beim Verhalten der Spieler beim Abspielen der Nationalhymnen sieht. Italiens Fussballstars etwa ziehen aus dem leidenschaftlichen Absingen der Mameli-Hymne immer noch Energie und Gemeinschaftsgeist.
Die Schweizer Nationalspieler hingegen, mit familiären Wurzeln in der weiten Welt eher als in Gümligen oder Arbon, lassen die Nationalhymne stumm und fast peinlich berührt über sich ergehen. Und scheinen auch während des Spiels in Gedanken eher bei ihren ausländischen Clubs zu verweilen, wo sie ihre sechs- bis siebenstelligen Gehälter beziehen. Mit solchen Millionarios, die im Lamborghini vorfahren, den Luxus zelebrieren und lieber mit vollmundigen Statements brillieren als mit engagiertem Fussball, kann ein Wir-Gefühl ja auch kaum entstehen. Da muss sich der Trainer nicht beklagen, wenn etwa der «Blick» als Volkes Stimme auf Distanz geht.
Aber auch deutsche oder italienische Medien berichten heute zwar immer noch leidenschaftlich, aber fast ohne jede nationalistische Aufwallung von den Begegnungen der EM. Die Leistung der Gegner wird fair gewürdigt, oft sogar besser benotet als jene der eigenen Mannschaft. Der Patriotismus manifestiert sich zwar in tausenden von Fahnen, Schals, Hüten und Brillen der Zuschauer. Aber es ist ein patriotischer Karneval geworden, ähnlich den 1.-August-Partys hierzulande. Ein fröhlicher, friedlicher Post-Patriotismus.
Und das Schönste daran: Dieser Wandel von der Pseudo-Kriegsberichterstattung zum fröhlichen Post-Patriotismus ist nicht von oben gelenkt, sondern von unten her einfach entstanden. Keine Unesco-, EU- oder FIFA-Direktiven zur Völkerverständigung haben die Kommunikation friedlicher gemacht, sondern das Bedürfnis der Fussballfreunde ganz allein.
Woraus eine wichtige Lehre über den Fussball hinaus zu ziehen wäre: Um aggressiven Nationalismus zu überwinden, braucht es keinen Superstaat, der seinen Bürgern von oben herab tugendhaftes politisches und moralisches Verhalten verschreibt. Und, logisch, Verstösse dagegen ächtet und sanktioniert. Solche Tugendwächter sind nämlich, wie die Geschichte zeigt, oft die schlimmsten Feinde der Tugend.
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