Fukushima: Die Mär vom gefährlich verseuchten Kühlwasser

Fukushima: Die Mär vom gefährlich verseuchten Kühlwasser

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von Alex Reichmuth am 15.4.2021, 04:00 Uhr
Gut sichtbar auf dem Gelände des AKW Fukushima:  die vielen Wassertanks. Bild: Google Earth
Gut sichtbar auf dem Gelände des AKW Fukushima: die vielen Wassertanks. Bild: Google Earth
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Japan hat beschlossen, das in Tanks gelagerte kontaminierte Wasser ins Meer abzulassen. Umweltschützer protestieren. Doch für Mensch und Umwelt bestehen keinerlei Gefahren. Das zeigen auch Zahlen aus der Schweiz.

Jetzt ist klar, was mit den 1,37 Millionen Tonnen Wasser geschehen soll, das rund um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima in rund tausend Tanks gelagert ist. Das Wasser, das mit dem radioaktiven Wasserstoff-Isotop Tritium kontaminiert ist, wird über Jahrzehnte hinweg allmählich in den Pazifik geleitet, an dessen Küste das AKW liegt. So hat es am Dienstag der japanische Regierungschef Yoshihide Suga bekannt gegeben. Das Vorgehen ist mit der Internationalen Atomenergie-Agentur abgesprochen.
Die tausend Tanks verstellen mittlerweile fast das ganze Gelände des Atomkraftwerks. Sie enthalten das Wasser, das seit dem Unglück vor zehn Jahren zur Kühlung der Atomanlage verwendet und dabei kontaminiert worden ist. Es würde insgesamt 500 olympische Schwimmbecken füllen. Das Wasser wurde zwar einem umfangreichen Filterungsprozess unterzogen, um radioaktive Substanzen zu entfernen. Doch das Isotop Tritium blieb zurück. Darum haben die Kraftwerksverantwortlichen das Wasser aufbewahrt. Doch nun wird allmählich der Platz auf dem Gelände knapp, wenn noch mehr Tanks aufgestellt werden müssten.
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Slideshow: So wurde das Gelände des AKW Fukushima zwischen 2013 und 2019 immer mehr mit Wassertanks verstellt.
Gegen die Einleitung des kontaminierten Wassers ins Meer hagelte es Proteste. Umweltaktivisten sprachen von einem verantwortungslosen Vorgehen. Lokale Fischer fürchten, dass sie ihre Fänge nicht mehr verkaufen können. Auch aus Japans Nachbarländern Südkorea und China gab es Kritik am Vorgehen.
Doch wie gross ist die Gefahr wirklich? Besteht ein Risiko für Mensch und Umwelt, wenn das Wasser wie beabsichtigt verdünnt in den Pazifik geleitet wird?

Tritium aus Gösgen und Beznau

Das auf dem Gelände des AKW Fukushima gelagerte Wasser enthält Tritium mit einer Gesamt-Radioaktivität von rund 1000 Billionen Becquerel. Das tönt nach viel. Allerdings ist es nur etwa 30 mal mehr als die Aktivität des Tritiums, das die Schweizer Kernkraftwerke in Gösgen und Beznau zusammen pro Jahr in die Aare entlassen - während dem ordentlichen Betrieb.
Im Kühlwasser von Druckwasserreaktoren wie denjenigen in Gösgen und Beznau entsteht nämlich ständig etwas radioaktives Tritium. Denn einerseits wird dem Kühlwasser etwas Bor beigesetzt, um die sogenannte Reaktivität einzustellen. Aus diesem Bor entsteht beim Einfangen von Neutronen zum Teil Tritium. Andererseits diffundieren gewisse Mengen an Tritium aus den Brennelementen ins Kühlwasser. Das Kühlwasser wird laufend analysiert und aufbereitet, dabei entstehen Abwässer mit Tritium. Dieses Tritium lässt sich wie auch in Fukushima praktisch nicht vom Wasser trennen und wird darum in die Aare geleitet.
Schätzen wir zuerst ab, was das für die Schweiz bedeutet. 2020 haben die AKW Beznau I und Beznau II Tritium mit einer Aktivität von 15 Billionen Becquerel in die Aare geleitet. Das AKW Gösgen hat solches mit einer Aktivität von 18 Billionen Becquerel eingeleitet. Alles war genau überwacht und gemeldet. Gesetzlich erlaubt wären je 70 Billionen Becquerel gewesen, also rund viermal mehr. Die Aare führt durchschnittlich 540’000 Liter pro Sekunden, was 17 Billionen Liter pro Jahr macht. Optimal vermischt führte die Tritium-Abgabe in Gösgen und Beznau also zu je 1 Becquerel pro Liter Flusswasser.

Hunderttausendfach kleiner als die natürliche Bestrahlung

Wer seinen gesamten Trinkwasserbedarf (etwa 1000 Liter pro Jahr) direkt aus der Aare deckt, erhält dadurch unterhalb von Gösgen eine zusätzliche Strahlendosis von 0,04 Mikrosievert pro Jahr. Unterhalb von Beznau sind es insgesamt 0,08 Mikrosievert pro Jahr. Allerdings stammt Trinkwasser nicht nur aus Flüssen, sondern auch aus Grundwasser und Quellen. Eine realistische Dosis des «Reaktor-Tritiums» liegt darum wohl deutlich unter 0,01 Mikrosievert pro Jahr, auch weil ein guter Teil des eingenommenen Wassers nicht lokalen Ursprungs ist (Mineralwasser, Nahrungsmittel).
Zum Vergleich: Die durchschnittliche Jahresdosis aus natürlichen Quellen (Boden, Weltall) beträgt in der Schweiz rund 4300 Mikrosievert, also mindestens 430’000 mal mehr als die erwähnte Belastung wegen Tritiums im Flusswasser. Ein einziger Tagesausflug in die Alpen kann ohne Weiteres zu einer Zusatzdosis von 10 Mikrosievert führen - tausend mal mehr als die Jahresbelastung durch AKW-Tritium.
Ein weiterer Vergleich: Mit dem in Beznau und Gösgen während eines Jahres eingeleiteten Tritium könnte man, hochkonzentriert und in Einmaldosen eingenommen, zwar etwa 100 Menschen vergiften. Im Flusswasser der Aare ist aber auch giftiges Arsen aus natürlichen Quellen enthalten, und zwar etwa 17 Tonnen pro Jahr. Würden man dieses Arsen herausfiltern und konzentrieren, könnte man damit rund 100 Millionen Menschen vergiften. Das toxische Potential von Arsen in der Aare ist somit rund eine Million höher als das von Tritium aus den Atomkraftwerken.
Mit anderen Worten: Das von den AKWs in Gösgen und Beznau abgelassene Tritium ist gesundheitlich völlig unbedeutend für die Bevölkerung. Selbst wenn der erwähnte gesetzliche Grenzwert für die Einleitung von Tritium etwas überschritten würde, ergäbe sich eine Strahlendosis, die noch immer um den Faktor Hunderttausend oder mehr unter der natürlichen Dosis läge.

Angst vor der Strahlung ist schlimmer

Was bedeutet das nun für das kontaminierte Wasser in Fukushima? Wie erwähnt, enthält dieses insgesamt etwa 30 mal mehr Tritium als dasjenige, das während eines Jahres in Gösgen und Beznau in die Aare abgegeben wird. Der Pazifik (beziehungsweise dessen Wassermassen, die vor der Küste Fukushimas herumgespült werden) enthält umgekehrt um Grössenordnungen mehr Wasser als die Aare. Das gesamte in Fukushima gelagerte Wasser kann darum völlig bedenkenlos in den Pazifik geleitet werden, zum Beispiel innerhalb weniger Monate.
Die Ängste vor gesundheitlichen Konsequenzen sind unberechtigt. Allerdings sind die Befürchtungen der lokalen Fischer bei einer Einleitung dennoch verständlich. Denn sie müssen befürchten, dass ihre Fische unverkäuflich werden. Die ständige Panikmacherei hat im japanischen Volk Spuren hinterlassen. Die Angst vor der Strahlung ist schlimmer als die Strahlung selber.
Mitarbeit: Walter Rüegg
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