Für den Experten ist klar: «Bettler sind Teil eines Clans»

Für den Experten ist klar: «Bettler sind Teil eines Clans»

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von Sebastian Briellmann am 1.4.2021, 06:07 Uhr
Sind die Bettler auf den Strassen die Opfer von Clans? Ja, sagt der Experte.
Sind die Bettler auf den Strassen die Opfer von Clans? Ja, sagt der Experte.
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Alexander Ott, Co-Leiter der Berner Fremdenpolizei, erklärt die Struktur der Bettler-Organisationen – und sagt, wie er in der rot-grünen Stadt Bern das Problem in den Griff bekommen hat.

Herr Ott, wann haben Sie gemerkt, dass es in der Stadt Bern ein Bettlerproblem gibt?
Im Jahr 2008. Der Point of no return war eine junge Frau mit einem Baby. Dieses Kleinkind hat kaum mehr reagiert und lag da wie eine Puppe. Kein Weinen, nichts. Besorgte Passanten haben sich deshalb bei uns gemeldet. Im Kinderspital wurde dann festgestellt, dass das Baby mit Schlafmittel ruhig gestellt wurde.
Bitte was?
Das ist noch nicht alles. Die Bettlerin war eine 18-jährige Frau. Ihre Aussage schockierte: Sie sei gar nicht die Mutter, sondern habe das Kleinkind aus einem Roma-Camp in Vorarlberg «gemietet». Für 250 Euro pro Tag.

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Alexander Ott

Was hat die Stadt Bern gemacht?
Wer Missbräuche aufdecken will, braucht aktive Behörden. Wir beobachteten die Bettelszene und stellten einen klaren Modus Operandi fest. Es gab diejenigen, die tatsächlich am Boden bettelten. Dann «Läufer», die das Geld jeweils abschöpften – und dann noch die «Chefs», die die Szene beobachteten und ihr eigenes Personal kontrollierten.
Es gibt Stimmen in der Presse, aber auch eine Studie eines Soziologen aus Lausanne, die behaupten: Organisiertes Betteln gibt es nicht. Es handle sich um Familiennetzwerke.

«Die rumänischen Clans werden straff und hierarchisch geführt.»


Mit diesem Studienverfasser habe ich bereits diskutiert. Für mich zeigt seine Studie nicht das ganze Phänomen auf. Aus dieser Studie abzuleiten, dass es organisiertes Betteln nicht gibt, scheint mir sehr gewagt.
Sie sagen: Die Bettler sind Teil eines Clans.
Ja, Bettler sind Teil eines Clans. Wir haben etliche Aussagen und Hinweise von Personen, die erzählen, wie sie in die Schweiz gebracht wurden. Zum Beispiel aus den Roma-Camps in Mülhausen, Mailand oder Vorarlberg. Auch aufgrund verschiedener Verfahren aus Frankreich wissen wir, dass die Menschen Teil von organisierten Clans sind, die gezielt rekrutiert, ausgebildet und in die Schweiz transportiert werden.
Ein mafiöses System?
Die rumänischen Clans werden straff und hierarchisch geführt. Es gibt das Familienoberhaupt und seine Familie. Dann kommen weitere Familienangehörige, die einer unteren Hierarchiestufe agieren. Diese wiederum erweitern das Netzwerk und kontrollieren damit weitere Personen.
Wie läuft das mit dem Geld-Transfer? Nehmen wir zum Beispiel einen Bettler aus Basel.
Die Basler Behörden haben festgestellt, dass die Läufer das Geld in Rollen verpackt und via Western Union direkt nach Rumänien überwiesen haben. (Alexander Ott nimmt sein Handy vom Tisch und zeigt ein Bild einer Krücke, die man von einem Läufer beschlagnahmt hat. Die Geldscheine sind im Griff versteckt.) Die Person hier, die sich zuerst auf Krücken gestützt hat, konnte extrem schnell rennen, nachdem wir uns als Fremdenpolizisten zu erkennen gaben.

Lesen Sie hier die Geschichte über das Bettler-Paradies in Basel:
«In den Camps wird Werbung gemacht, dass Basel gut zum Betteln ist.»

Nun kommt aber der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und sagt: Betteln ist ein Menschenrecht. Was halten Sie davon?
Dieses Urteil unterstützt unsere interdisziplinäre Vorgehensweise in Bern.
Wie meinen Sie das?
Wir haben uns in Bern nie für ein Bettelverbot entschieden, weil es in der Ursachenbekämpfung nichts nützt. Wir haben sowohl von der Regierung sowie vom Parlament den Auftrag bekommen, das Problem ganzheitlich zu lösen. Das haben wir getan.

«Wenn man die organisierte Bettelei untersucht, stellt man fest, dass es sich um ein strategisches Kalkül handelt. Zudem gibt es klare Indikatoren für Menschenhandel und für die Ausbeutung der Arbeitskraft.»


Selbst der Grosse Rat im linken Basel hat sich knapp für eine Wiedereinführung des Bettelverbots eingesetzt.
Damit bestraft man die Ärmsten und nimmt diesen noch das letzte Geld weg. Wir sehen es so: Diese Menschen sind EU/EFTA-Bürger, die in die Schweiz einreisen und aufgrund ihres Verhaltens keinen Aufenthalt erhalten. Wir klären jeden Fall und klären bei fehlenden Ausweispapieren die Identität auf der rumänischen Botschaft ab.
Und dann?
Die Personen sind weder Touristen noch Selbständigerwerbende und auch nicht Nicht-Erwerbstätige, da sie nicht über ausreichende Mittel und über eine Krankenversicherung verfügen. Somit haben bettelnde Personen keinen Aufenthaltsanspruch, der sich aus dem Freizügigkeitsabkommen ableiten liesse.
Die Bettler dürfen also nicht in der Schweiz bleiben?
Die Voraussetzungen für einen Aufenthalt sind nicht erfüllt. Wir weisen die Personen sodann an, die Schweiz zu verlassen. Halten sie sich nicht daran, werden weitergehende ausländerrechtliche Massnahmen eingeleitet. Oftmals werden sie mit einem Einreiseverbot belegt.
Politisch scheitert man in Basel allerdings schon bei der Frage: Sind es Banden – oder nicht?
Das finde ich erstaunlich. Wenn man die organisierte Bettelei untersucht, stellt man fest, dass es sich um ein strategisches Kalkül handelt. Die Bettelnden bilden ein Netzwerk mit rigiden Hierarchien und einer informellen Ökonomie. Zudem gibt es klare Indikatoren für Menschenhandel und für die Ausbeutung der Arbeitskraft.
Aber selbst in Bern, wo strikt gehandelt wird, sind die Bettler nicht komplett verschwunden. Lohnt sich das unter diesen Bedingungen überhaupt?
Diese Menschen leben meist in sehr armen Verhältnissen, sind arbeits- und völlig perspektivlos. In osteuropäischen Länder lebt im Durchschnitt ein Drittel aller Kinder in Armut. Trotz einer Reihe von Initiativen auf europäischer und nationaler Ebene, gelingt es nicht, diese Armut und diese Perspektivlosigkeit in den Griff zu bekommen. Die fehlende Bildung ist das zentrale Thema.
Würden die Roma in Rumänien überhaupt von den Unterstützung profitieren?
Es braucht weiter entsprechende und konkrete Umsetzungsmassnahmen bezüglich der Schaffung von Arbeitsplätzen und Integrationsstrategien in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden vor Ort. Die Wirkung dieser Projekte müssen entsprechend kontrolliert werden.
Nochmals: Haben die Bettler überhaupt noch etwas, was man Heimat nennen kann?
Es gibt beides. Gewisse kehren nach Rumänien zurück. Andere reisen in ein anderes Land – und kommen danach oft wieder in die Schweiz.

«Wir akzeptieren in der Stadt Bern keine Menschen, die bei Minustemperaturen am Boden um Almosen betteln.»


Es gibt auch Beispiele, die zeigen, dass die Roma gar nicht anders leben wollen, Zugang zu Wohnraum, zu Bildung gar nicht annehmen wollen.
Das stellen wir auch fest. Oftmals lassen sich diese Personen nicht in eine andere Gesellschaftsordnung einfügen. Ich will damit nicht eine Gesellschaftsordnung gegen die andere ausspielen. Doch akzeptieren wir hier in der Stadt Bern keine Menschen, die bei Minustemperaturen am Boden um Almosen betteln.
Aber die Bettler nehmen das alles in Kauf?
Ja. Es geht um das ökonomische Überleben. Zudem werden sie in ihren Heimatländern oft an den Rand gedrängt. Viele gingen keinen Tag in die Schule und sprechen eine Sprache, die unsere Übersetzer kaum verstehen. Diese Lebensweise prallt auf unsere bürokratischen Abläufen diametral entgegen. Des Öfteren verfügen diese Personen nicht einmal über Identitätspapiere.
Sind wir also machtlos gegen die Bettelei?
Solange es immer grössere Unterschiede zwischen arm und reich gibt, bleibt das Vorgehen gegen die organisierte Bettelei eine Art Sisyphusarbeit. Jeder Mensch, der aus dieser Spirale ausbrechen kann, macht einen ersten Schritt in eine bessere Zukunft.
Ist das Betteln eigentlich nur der Anfang?
Auch der Kriminaltourismus ist ein zunehmender Bestandteil von osteuropäischen Clangruppen Wir kennen auch Beispiele von Prostitution. Darum legen die zuständigen Behörden ein entsprechendes Augenmass auf das Sexmilieu. Drogenhandel ist bei Rumänen dagegen kaum verbreitet.
Mitarbeit: Serkan Abrecht
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