Fritz Hauser, ein grosser Bildungspolitiker: Konsequent für die Kinder der unterprivilegierten Schichten

Fritz Hauser, ein grosser Bildungspolitiker: Konsequent für die Kinder der unterprivilegierten Schichten

Der überzeugte Sozialist, selber aus der Unterschicht stammend, war zuerst Lehrer, später Regierungsrat und Nationalrat. Für die Schule war er stilprägend. Nun ist eine Monografie über ihn erschienen, brillant geschrieben von Historiker Charles Stirnimann. Eine Rezension.

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von Alain Pichard am 2.11.2021, 11:00 Uhr
Fritz Hauser (links) an einem Anlass. Foto: zvg
Fritz Hauser (links) an einem Anlass. Foto: zvg
Es gibt in der Schweiz nicht allzu viele markante politische Persönlichkeiten, über die in späteren Jahren von Historikern Bücher geschrieben werden können.
Zu reden gibt derzeit das Buch «Baumeister des Roten Basel – Fritz Hauser (1984 bis 1941) in seiner Zeit» von Charles Stirnimann. Stirnimann studierte Geschichte und Romanistik und promovierte zur Geschichte des Roten Basel. Nach jahrelanger Recherche legt er nun mit einer Monografie über den Baumeister dieser fast vergessenen, aber prägenden Zeit der Stadt am Rheinknie nach.
Natürlich ist der Begriff «Rotes Basel» auch heute wieder aktuell, wenn von der links-grünen Mehrheit gesprochen wird, welche die Entwicklung der Stadt der Reichen und der chemischen Industrie politisch stark bestimmt. Und schon deshalb ist es für politisch und geschichtlich interessierte Menschen ausserordentlich reizvoll, sich mit den sozialen Zuständen und den Lebensbedingungen des Roten Basel (1935 bis 1950) von damals zu beschäftigen. Und vermutlich dürfte diese Monografie bei bildungsinteressierten Leserinnen und Lesern auf Interesse stossen.

«Hoffentlich kommt bald die Zeit, wo uns Turnstunden das Recht und die Pflicht dazu geben.»

Fritz Hauser

Denn der überzeugte Sozialist Fritz Hauser, selber aus der Unterschicht stammend, war zuerst Lehrer. 1906 debütierte er als 22-Jähriger in einer Knabenprimarklasse im damaligen Bläsi-Schulhaus. Vor ihm sassen 50 Schüler (davon 26 Ausländer, vorwiegend Deutsche und Elsässer), und dem vom Arbeiterkind zum Lehrer «aufgestiegenen Pädagogen» fielen Mangelernährung und die vielen Absenzen in seiner Klasse auf, die er in einem längeren Bericht zuhanden der Schulbehörden festhielt.
«Die relativ hohe Zahl von Absenzen in der ersten Klasse ist nach meiner Ansicht zu einem grossen Teil auf eine gewisse Überanstrengung, auf das ungewohnte stundenlange Sitzen zurückzuführen.» (Seite 47)
Bei guter Witterung ging er mit seinen Schülern oft in den Wald hinaus. Seine prophetische Mahnung hierzu:
«Hoffentlich kommt bald die Zeit, wo uns Turnstunden das Recht und die Pflicht dazu geben.» (Seite 47)
Akribisch und ohne Pathos beschreibt Charles Stirnimann den kometenhaften, aber schwer erkämpften Aufstieg des Genossen Hauser in höchste Ämter der Schweiz. 1911 wurde er in den Basler Grossen Rat gewählt, 1918 trat er in die Basler Regierung ein, und 1919 folgte kurz nach dem Generalstreik die Wahl in den Nationalrat, wo er bis zu seinem frühen Tod 1941 wirkte. 1935 erlebte er den Triumph seiner sozialdemokratischen Partei und den Beginn des «Roten Basel».

Aufbrausendes Naturell

Dabei versteht es der Autor glänzend, die persönliche Geschichte dieses Mannes in die damaligen historischen Ereignisse einzubetten. Das ist nicht nur für Basler interessant. Der Aufstieg der Stadt Basel zu einer Industriestadt, die prekären sozialen Verhältnisse in der Arbeiterschaft während der Zeit des 1. Weltkriegs, natürlich der Generalstreik, die Militäreinsätze gegen die Arbeiterschaft, die polarisierten Zwischenkriegsjahre, der Bruderzwist zwischen Sozialdemokraten und den Kommunisten, die reelle Bedrohungslage durch das faschistische Deutschland… das und vieles mehr erzählt dieses Buch.
Mittendrin ein Mann von aufbrausendem Naturell, Gewerkschafter vom Scheitel bis zur Sohle, ein Gestalter, der antizyklisch dachte und handelte, der unverhohlen Macht anstrebte, dabei aber immer einen weitsichtigen Pragmatismus bewahrte.
Nach der Verabschiedung des epochalen Schulgesetzes im Jahre 1929 schrieb Fritz Hauser, mittlerweile zum Erziehungsdirektor ernannt:
«Es ist nicht in allen Teilen so herausgekommen, wie wir es gewünscht hätten. (…) Wir haben 25 Jahre gebraucht. Wir haben nicht geruht und nicht gerastet, und es gibt keinen so kräftigen Menschen, der das zweimal aushalten könnte.» (Seite 117)
Eigentlich wollte Hauser die achtjährige Gymnasialzeit auf sechs Jahre verkürzen – und die Selektion nach fünf Primarschuljahren schon damals aufschieben. Das scheiterte am energischen Widerstand der Universität, der Gymnasien und der Liberalen.

Wichtiger Reformator

Insgesamt setzte Fritz Hauser in der Basler Bildungspolitik aber zahlreiche Reformen durch, die weit über diese Stadt hinausstrahlten: Senkung der Schülerzahlen pro Klasse, Gründung des Mädchengymnasiums, Gründung der Volkshochschule, Einführung des Turnunterrichts, Einrichtung der Schulzahnklinik, Sonderturnen für haltungsgeschädigte Kinder. Und immer wieder neue Schulhausbauten mit einer teilweise modernen Architektur, welche die Bedürfnisse des Unterrichts berücksichtigten (Beispiel: Der Pavillonbau auf dem Bruderholz).
Vieles mag aus heutiger Sicht wie selbstverständlich oder gar etwas skurril erscheinen, in einer Zeit, in der die Schulzahnkliniken überall geschlossen werden. Aber es handelte sich damals um wirkungskräftige Reformen zugunsten der Arbeiterkinder.
Fritz Hauser kannte die Nöte der sozial Schwachen, und sein Einsatz als kantonaler Erziehungsdirektor hatte immer das Gedeihen und das Wohl der unterprivilegierten Schichten im Blickwinkel. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, sich auch für die Entwicklung der Universität einzusetzen. Das Titelbild des Buches zeigt Fritz Hauser bei der Übergabe der Schlüssel zur Einweihung des neuen Kollegienhauses der Universität im Jahre 1939. Was dem Betrachter des Bildes vielleicht nicht sofort ins Auge springt: Hauser übergibt die Schlüssel mit der linken Hand und hält seine rechte demonstrativ in der Hosentasche. Ein neckischer Hinweis darauf, wem die ehrwürdigen Professoren dieses Gebäude zu verdanken haben.

Die Tragik des Todes

Charles Stirnimann vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass vor der Ära Hauser auch schon die FDP massgeblich den Ausbau der staatlichen Schule vorangetrieben haben und auch während der Regierungszeit in wichtigen Fragen Fritz Hauser unterstützte.
Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, wenn man alle Ereignisse dieser Zeit und vor allem das gesamte Wirken von Fritz Hauser hier darlegen würde, war doch dieser Politiker nicht nur in der Bildung tätig. Er setzte auch in der Kulturpolitik mit dem Bau des Kunstmuseums und für das öffentliche Freizeitleben mit dem Bau der Badeanstalten markante Zeichen. Kulturpolitik war für ihn Bildungspolitik. Und er hielt seine sozialdemokratische Partei auch im Bruderzwist mit den Kommunisten auf Kurs.

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Fritz Hauser

So wehrte er sich entschieden gegen einen Beitritt zur kommunistischen Dritten Internationale (Komintern). Ebenso entschieden aber trat er der nationalsozialistischen Bedrohung aus dem nördlichen Nachbarland entgegen. In den dramatischen Zeiten der deutschen Siegeszüge 1940 hielten er und die Basler Regierung am Sitz in Basel fest, während sich in der Stadt selber Panik breitmachte und eine regelrechte Auszugswelle einsetzte.
Hauser litt an Diabetes, musste sich gar einen Fuss amputieren lassen. 1941 starb dieser unermüdliche Schaffer mitten in einer Nationalratssession. Die Tragik dieses Todes lag auch in der Tatsache begründet, dass er die Wende des Krieges nicht mehr miterleben konnte. Mit welchen Gefühlen ist dieser Staatsmann wohl von uns gegangen? Zwei Jahre später wurde Ernst Nobs der erste sozialdemokratische Bundesrat.

Keine plumpe Heldenverehrung

Unaufgeregtheit, Sachlichkeit und akribisches Quellenstudium prägen dieses Buch. Die schlüssige Erzählung deklariert auch Widersprüche im Leben Hausers. Streng genommen kann uns eine Quelle nie sagen, was wir sagen sollen. Wohl aber hindert sie uns, Aussagen zu machen, die wir aufgrund der Quellen nicht machen dürfen. Dies berücksichtigt Charles Stirnimann, in jungen Jahren selber Kommunist und später Sozialdemokrat, meisterhaft. Eine plumpe Heldenverehrung ist sein Ding nicht. Er weist auch darauf hin, dass es sich bei seinem Werk um eine Monografie und nicht um eine Biografie handle. Für eine umfassende Biografie sei die Quellenlage einfach zu dünn gewesen, meinte Charles Stirnimann auf der Vernissage.
Das Buch ist im Übrigen brillant geschrieben. Es liest sich trotz oder gerade wegen seiner präzisen Sprache flüssig und ist auch für Nichthistoriker leicht zugänglich. Sicher haben auch das Lektorat und die Assistenz von Monika Schib, der Frau von Charles Stirnimann, dazu beigetragen. Eine Entdeckung sind auch die vielen Bilder, die den Inhalt des Buches perfekt ergänzen.
Den Leser oder die Leserin erwartet ein eminent wichtiges Stück Sozial- und Bildungsgeschichte, das vor allem auch unsere sozialdemokratischen Genossen an eine Zeit erinnert, in der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sich konsequent und vorbehaltlos für das Wesentliche einsetzten: für die Interessen der sozial schwächeren Kinder und eine gute Bildung für alle.
Charles Stirnimann. Baumeister des Roten Basel – Fritz Hauser (1884–1941) in seiner Zeit. Christoph-Merian-Verlag. 328 Seiten. 34 Franken.
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