Freiheit = rechtsextrem

Freiheit = rechtsextrem

Wer tritt in Corona-Zeiten überhaupt noch für die Freiheitsrechte ein? Kurze Replik auf die sonderbaren Ansichten der «führenden Forscherin» zum Impfwiderstand.

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von Philipp Gut am 11.12.2021, 08:51 Uhr
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Der «Tages-Anzeiger» stellt sie als «führende Forscherin» vor, und zwar auf einem Gebiet, das aktueller nicht sein könnte. Sie selbst nennt es «Vaccine Reluctance». Will heissen: Heidi Larson, Anthropologin und Professorin an der London School of Hygiene and Tropical Medecine, erforscht die Zurückhaltung vieler Menschen gegenüber dem Impfen. Dabei geht es Larson nicht bloss um interesselose Erkenntnis, sondern zugleich um politischen Aktivismus: Mit ihrem «Vaccine Confidence Project» will sie den vielfältigen Widerstand gegen Impfkampagnen überwinden.
Besonders eine Aussage in ihrem Tagi-Interview lässt aufhorchen. Auf die Frage, wo denn der Widerstand gegen die Covid-Impfung am stärksten sei, nennt sie zuerst die republikanischen Bundesstaaten in den USA. Fair enough. Auch in Deutschland sei der Widerstand stark. Schliesslich sagt Larson: «In Europa gibt es vor allem in der Schweiz, in Österreich und im bayerischen Raum Gruppen, die homöopathisch, naturheilkundlich orientiert sind.» Und Achtung, jetzt kommts: «Und dann gibt es die Rechtsextremen, da geht es mehr um Freiheit, Anti-Repression, Anti-Kontrolle.»
Sind Liberale und Linke rechtsextrem?
Hoppla. Was für eine Aussage der «führenden Forscherin»! Da scheint einiges durcheinandergeraten zu sein. Die Frage ist allerdings, ob im Kopf der Professorin oder in den verrückten Zeitläuften – oder bei beiden. Wenn es rechtsextrem ist, für die Freiheit einzustehen und Repression und staatsautoritäre Kontrolle zu bekämpfen, dann muss ab sofort jeder Liberale als rechtsextrem gelten. Und würde nicht auch die klassische Linke für sich beanspruchen, die Menschen zu befreien – mit anderen Worten: zu emanzipieren – und vor Repression und Kontrolle durch die Mächtigen zu schützen?
Die Fragespirale dreht sich unweigerlich weiter: Gibt es denn ausserhalb des Rechtsextremismus niemanden, der sich im Zusammenhang mit den einschneidenden Corona-Massnahmen für Freiheit und Grundrechte stark macht? Was ist mit den zahlreichen Juristen und Staatsrechtlern, die wie Professor Andreas Kley oder Professor Marcel Niggli vor den Auflösungserscheinungen der Rechtsstaatlichkeit warnen? Was ist mit den bunten Bürgerrechtsbewegungen? Sind das alles Rechtsextreme?
Frau Professorin Larson, an Ihrer Stelle würde ich mir ernsthaft überlegen, ob es – zurückhaltend ausgedrückt – nicht erfolgreichere Strategien der Impfüberredung gibt als die differentialdiagnostisch fürchterlich unterbelichtete Rechtsextremistenkeule.

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