Frankreichs Mathematik-Desaster. Grande Nation? Völlig abgehängt. Schuld sind Erziehungsexperten.

Frankreichs Mathematik-Desaster. Grande Nation? Völlig abgehängt. Schuld sind Erziehungsexperten.

Der Niedergang des stolzen Landes ist selbstverschuldet. Nun versuchen renommierte Mathematiker, den beispiellosen Abstieg zu stoppen. Ihre Ansätze geben Anlass zur Hoffnung.

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von Alain Pichard am 5.10.2021, 16:00 Uhr
Teile der Schüler sind nicht mal mehr unterrichtbar. Foto: Shutterstock
Teile der Schüler sind nicht mal mehr unterrichtbar. Foto: Shutterstock
Als 1995 die erste internationale Schüler-Olympiade «Trends in International Mathematics and Science Study» (TIMSS) abgehalten wurde, war Frankreich mit seinen Achtklässlern ohne Zögern und mit grosser Zuversicht dabei. Die Nation von Descartes und Marie Curie landete schliesslich auf: Platz 13. Das wurde als Schock empfunden.
Frankreich reagierte wie die Basler Bildungsdirektion nach ihrem PISA-Debakel im Jahr 2000. Um eine weitere Blamage zu vermeiden, nahm man sich eine Auszeit. In der Zwischenzeit investierte der französische Staat Milliarden von Euros in Kinderkrippen und Frühförderung. Zudem wurde der Mathematikunterricht reformiert. Mit der Kompetenzorientierung führte man (wie in Deutschland und mit Einschränkung auch in der Schweiz) durch die Hintertür eine neue Lehrmethodik ein.
Die kompetenzorientierten Mathematik-Lehrbücher waren fortan deutlich anders strukturiert als herkömmliche, die dem logischen Aufbau der Mathematik folgten: Mathematische Wissensbestände wurden darin nicht mehr konsequent aufgebaut und eingeübt. Konstruktivismus und textlastige, weil problemorientierte Aufgaben dominierten die Unterrichtszeit. Das schriftliche Dividieren wurde abgeschafft, das Üben zugunsten eines entdeckenden Lernens zurückgefahren.

Niederschmetternd!

2015 trat das Land wieder an. Die neue Mathematikgeneration hatte von Geburt an all die kostspieligen Reformen für ein optimales Entwicklungsumfeld nutzen können. So wollte Frankreich in die industrielle Elite zurückkehren. Und wiederum war Zuversicht gross, weil man ja die Ratschläge der Erziehungsexperten konsequent umgesetzt hatte.
Das Ergebnis war: niederschmetternd!
Frankreich landete auf dem 35. Platz. Verzeichnen die ostasiatischen Sieger unter 1000 Kindern 320 (Japan) bis 500 (Singapur) Mathe-Asse, sind es in Frankreich nur 25. Selbst beim ebenfalls wankenden deutschen Nachbarn sind es 53. Deutschland war – dies als Zwischenbemerkung – zwischen 2007 und 2015 vom 12. auf den 24. Platz gefallen. Nur, muss man hier wohl anfügen.
Drei Jahre später bestätigt die OECD das kognitive Fiasko Frankreichs. Bei den Einwanderern mit der allerniedrigsten Qualifikation liegt es im Klub der 36 hochentwickelten Nationen auf dem letzten Platz. 21 Prozent der Zuwanderer sind nahezu unbeschulbar.
Und jetzt droht weiteres Ungemach. 2017 schaffte Frankreich 8000 Patentanmeldungen. Das ist nur die Hälfte der dynamischen Südkoreaner, die es auf über 16’000 Eingaben brachten, obwohl ihr Land deutlich weniger Einwohner als Frankreich zählt.

Viel zu wenig Innovation

Bis anhin haben die industrialisierten westlichen Staaten hinnehmen können, dass die Billigproduktion ins Ausland, sprich in den asiatischen Raum verlagert wurde. Das grosse Geld wurde ja weiterhin mit Innovationen, sprich: mit Patenten, verdient. Sollte nun die asiatischen Länder uns dank ihren wesentlich besseren Mathematikleistungen in der Patentzahl überflügeln, geht es ans «Eingemachte».
Das war auch der französischen Regierung klar. Der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer beauftragte deshalb Ende 2017 die Mathematiker Cedric Villani und Charles Torossian, die Probleme des Mathematikunterrichts an französischen Schulen zu analysieren und Vorschläge zur Verbesserung auszuarbeiten.
Villani und Torossian sind renommierte Wissenschaftler. Binnen 4 Monaten lieferten die beiden Leuchttürme der französischen Mathematikergilde zusammen mit 20 weiteren Experten einen 100-seitigen Bericht ab, der insgesamt 21 Vorschläge enthält, wie man aus der Mathematikmisere herauskommen könnte.

«Leiden der Schüler»

Beim Lesen des Berichts fällt auf, dass sich die beiden Wissenschaftler klar von jeglicher utilitaristischen Sicht der Mathematik distanzieren. Natürlich würden in Zukunft mehr Informatiker und Naturwissenschaftler (also gute Mathematiker) gebraucht, trotzdem sei es ihnen aber vor allem um Mathematik als ein Fach «für aufgeklärte Bürger», um die Reduktion des «Leidens der Schüler» und um die Querbezüge zu anderen Fächern gegangen, erklärten die Verfasser des Berichts. Entsprechend gelte es, wieder mehr Interesse und Spass an dem Fach an sich zu wecken.
Und erstaunlich ist auch, dass die beiden nicht – wie viele Bildungsexperten und -politikerinnen – einfach mehr Geld fordern. Ihre verblüffende Forderung: Es müsse einfach anders unterrichtet werden.
Neben einer drastischen Reform der Ausbildung der Lehrkräfte (auf die wir hier nicht eingehen) lassen die Änderungsvorschläge für den Unterricht aufhorchen: Villani und Torossian verlangen das Zurückfahren des entdeckenden Lernens zugunsten strukturierter, aufbauender Lerneinheiten. Mehr Zeit in der Grundschule für Ausprobieren, Üben, das absolut sichere Erlernen des Zahlenraums zwischen 70 und 99.

Umschwung dringend nötig

Die Lernenden sollen ab der 1. Klasse an die vier Grundrechenarten herangeführt werden. Grössenordnungen und Masse sollen dabei besonders hervorgehoben werden. Rechenfertigkeiten sollen durch häufiges Üben gefestigt werden (Kopfrechnen, Überschlagsrechnungen usw.), um später auch anspruchsvolle und motivierende Aufgaben bearbeiten zu können. Dabei müsse man auf Verständlichkeit achten und stupides Anwenden von «Kochrezepten» vermeiden.
Neben der Einführung von Standards verlangt die Expertengruppe, wieder auf einen klar geführten lehrerzentrierten Unterricht umzuschwenken. Tossiani sagte in einem Interview: «Wir sehen zu viele Unterrichtsstunden, die der Aktivierung der Schüler dienen sollen, in denen sie aber nichts Strukturiertes lernen, das sich in einen grösseren Kontext einfügt, oder sogar überhaupt nichts lernen.» Die Schüler verliessen den Klassenraum, und wenn man sie frage, was sie gemacht hätten, erhalte man ausweichende Antworten der Bauart: «Wir haben versucht, die Länge eines Gartenzauns zu berechnen!»

Von den Asiaten lernen...

Ebenfalls spannend ist der Verweis auf die Singapur-Methode. Gemeint ist ein idealtypischer Mathematikunterricht, wie er unter anderem in Singapur extrem konsequent (und unter optimalen, allerdings nur bedingt übertragbaren Bedingungen – etwa: homogene Schülerschaft, anderer kultureller und gesellschaftlicher Stellenwert der Bildung) seit einigen Jahrzehnten sehr erfolgreich umgesetzt wird.
Zum ersten Mal wird hier anerkannt, dass der ostasiatische Mathematikunterricht nicht einfach nur auf sinnlosem Pauken und Auswendiglernen beruht (wobei dies freilich immer noch in hohem Masse gilt), sondern konsequent ein logisch aufgebautes Mathematikkonzept verfolgt.
Spannend wird sein: Wie wird sich der Mathematikunterricht in unserem westlichen Nachbarland entwickeln, und wie erfolgreich werden die von den beiden Mathematikern Villani und Torossian geforderten Massnahmen umgesetzt? Stand heute: Eine Affaire à suivre!

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