Flüchtlingsproblem: Afghanistans Nachbarländer stehen in der Pflicht

Flüchtlingsproblem: Afghanistans Nachbarländer stehen in der Pflicht

Soll die Schweiz Flüchtlinge aus Afghanistan aufnehmen? Und falls ja, welche? Kenner des Asylwesens warnen wegen Integrationsproblemen davor, grosse Kontingente einzufliegen. Das Problem müssten vor allem die umliegenden muslimischen Länder lösen.

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von Alex Reichmuth am 18.8.2021, 04:00 Uhr
Flüchtlinge am Flughafen in Kabul hoffen auf eine Möglichkeit zur Ausreise.
Flüchtlinge am Flughafen in Kabul hoffen auf eine Möglichkeit zur Ausreise.
Mitarbeit: Sebastian Briellmann, Dominik Feusi
Möglichst viele! Bloss kein Einziger! Es tun sich in der Frage, ob – und wenn ja: wie viele – Afghanen die Schweiz aufnehmen sollte, die üblichen politischen Gräben auf. Während die SP eine Forderung von 10’000 Menschen öffentlichkeitswirksam platzierte, hält die SVP wie gewohnt dagegen: Hilfe? Ja. Aber nicht hier. Vor Ort.
Diese Spielchen sind bekannt, sie sind berechenbar – und in dieser Engstirnigkeit auch nicht übermässig produktiv.
Es könnte ja durchaus wichtig sein bei dieser Frage, wer überhaupt in die Schweiz kommen soll, wie gross die Integrationschancen, die Erfolgsaussichten sind für diese Menschen?

20’000 Afghanen in der Schweiz

Von den rund 20’000 Afghanen, die bereits hier leben, hört man Unterschiedliches: Letzte Woche sagte Marcel Suter, Präsident der Vereinigung der kantonalen Migrationsbehörden, in der NZZ, dass die «oft jungen Männer meist gut integriert» seien. Fakt ist aber auch: Afghanen begehen überdurchschnittlich viele Straftaten, sechs Prozent der Afghanen in der Schweiz sind kriminell. Bei den Asylsuchenden sind sie vor allem bei den Straftaten gegen Leib und Leben und gegen die sexuelle Integrität übervertreten.
Aber was heisst das konkret? Wie sind afghanische Flüchtlinge in der Schweiz einzuschätzen? Der «Nebelspalter» hat mit einem Insider des Asylwesens gesprochen, der die Verhältnisse aus jahrelanger Erfahrung gut kennt.

Viele afghanische Flüchtlinge und Asylbewerber, die heute in der Schweiz sind, haben zuvor mehrere Jahre oder ihr ganzes Leben im Iran verbracht.


Bei vielen afghanischen Flüchtlingen und Asylbewerbern, die heute in der Schweiz sind, handle es sich um solche, die sich zuvor jahrelang oder schon ihr ganzes Leben im Iran aufgehalten haben, sagt der Asylinsider. Viele von ihnen hätten zwar kein Anrecht auf Asyl, könnten aber auch nicht nach Afghanistan geschickt werden, da sie keinerlei Bezug zu ihrem Land hätten.

Nur zum Teil gut integrierbar

Wichtig seien Asylsuchende, die zu den Hazaras gehörten – einer schiitischen Volksgruppe mit ost-asiatischem Einschlag, die in Afghanistan systematisch unterdrückt würden. «Diese Leute nutzen ihre Chance meist und integrieren sich schnell in der Schweiz», sagt der Insider. «Sie blühen bei uns oft richtiggehend auf.»
Viele der übrigen afghanischen Asylbewerber seien dagegen schlecht motiviert und hätten Integrationsschwierigkeiten. «In Einzelfällen vermutete ich sogar, dass sie mit Terrorgruppen verlinkt sind, und machte entsprechend Meldung an den Staatsschutz.»
Grundsätzlich findet es der Kenner des Asylwesens eine gute Idee, Afghanen, die für Schweizer Diplomaten oder Hilfsorganisationen gearbeitet haben, in die Schweiz zu holen, sofern diese in ihrem Land durch die Taliban gefährdet sind. «Diese Leute sind in der Regel gut ausgebildet, kennen die westliche Denk- und Lebensweise und können sich meist schnell bei uns integrieren.»

Flüchtlingskontingente sind extrem teuer

Gar nichts hält er jedoch von der Forderung, die Schweiz solle ein bestimmtes Flüchtlingskontingent aufnehmen. «Die Aufnahme von Kontingentflüchtlingen ist extrem teuer. Für dieses Geld könnte man viel mehr Flüchtlingen in den Nachbarländern Afghanistans Unterstützung bieten.»

«Kontingentsflüchtlinge sind in der Regel Fremdkörper in unserer Gesellschaft und bleiben meist lebenslänglich auf Sozialhilfe angewiesen.»

Asylinsider

Per Kontingent aufgenommene Flüchtlinge zeigten hier oft eine Art Elitedenken, weil sie sich als auserwählt betrachteten. «Sie sind in der Regel Fremdkörper in unserer Gesellschaft und bleiben meist lebenslänglich auf Sozialhilfe angewiesen.» Zudem sei die Auswahl von Kontingentflüchtlingen immer ein Stück weit willkürlich und darum ungerecht.
Der Asylinsider schlägt konkret vor, dass die Schweiz die afghanischen Nachbarländer Tadschikistan und Usbekistan unterstützt, wohin jetzt viele Menschen flüchteten. Dabei sei der Fokus auf Nothilfe zu legen. Grundsätzlich sei die Schweiz aber nicht verpflichtet, aktiv zu werden. «Die Entwicklung in Afghanistan ist nicht unser Problem, und es ist darum der freie Entscheid der Schweiz, zu helfen.» Dringend nötig sei hingegen, dass reiche, muslimische Golfstaaten ihren Beitrag zur Lösung des Flüchtlingsproblems leisteten. «Diese Staaten nahmen schon bei der Syrien-Krise so gut wie keine Geflüchteten auf.»

Frauen, Kinder und Alte holen

Für die Unterbringung wären die Kantone verantwortlich. Nach fünf bis sieben Jahren auch für die Kosten der Integration. Guido Graf, Sozialdirektor im Kanton Luzern, steht der Forderung von Links-grün kritisch gegenüber: «Das Einfliegen von Tausenden von Afghanen ist hochproblematisch. Mit dieser Aktion holen wir sicher die Falschen zu uns in die Schweiz.»

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Guido Graf, Regierungsrat Kanton Luzern

Die Schweiz könne das Problem sowieso nicht lösen, «auch wenn wir 50’000 aufnehmen». Es würden jetzt jene fliehen, die fliehen könnten, und das seien vor allem junge Männer, befürchtet Graf. Schon jetzt seien die überwiegende Mehrheit der Afghanen im Asylprozess junge Männer. Es sei schwierig, diese bei uns zu integrieren – «das ist eine grosse, insbesondere kulturelle Herausforderung».
Graf sagt auch: «Wenn wir symbolisch etwas machen wollen, dann sollten wir benachteiligte Gruppen zu uns holen, also Frauen, Kinder und ältere Leute und nicht junge Männer. Die müssen jetzt vielleicht hinten anstehen und im Land bleiben.» Graf ist ebenfalls der Meinung, dass nun andere Länder helfen sollten: «Vor allem in der Pflicht stehen jetzt die Nachbarländer und die muslimische Welt.»

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