Somms Memo

Fliegt Berset, der Vielflieger, nun aus dem Bundesrat? Anmerkungen zu einer tödlichen Bagatelle

image 14. Juli 2022, 12:22
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Die Fakten: Bundesrat Alain Berset ist in Frankreich in militärisches Sperrgebiet geflogen und wurde deshalb von der Luftpolizei zur Landung gezwungen.

Warum das wichtig ist: Tritt Berset zurück? Ginge es nach den Schweizer Journalisten, wäre er schon weg. Ein bemerkenswerter, wenn nicht irrationaler Sinneswandel.


Zuerst Boris Johnson, jetzt Alain Berset:
  • Eine Bagatelle auf den ersten Blick – wenn man an die reellen Herausforderungen der Gegenwart denkt – reisst einen einst überaus populären Politiker in den Abgrund
  • Und doch steckt in der Bagatelle Dynamit. Das Dynamit heisst Hochmut.
Der Hochmut des Politikers, der meint, das Naturgesetz der Schwerkraft sei neuerdings für ihn ausser Kraft gesetzt worden.
  • Johnson, der britische Premierminister, brach die Corona-Regeln, die er all seinen Bürgern auferlegt hatte – und feierte an seinem Amtssitz rauschende Feste, als gäbe es kein Morgen mehr
  • Berset (SP) fliegt als Pilot mit einem Privatflugzeug in der Welt herum, als hätte er nie etwas vom Programm seiner Partei gehört, die allen anderen sterblichen Bürgern das Fliegen verleiden, wenn nicht verbieten will. Fünf vor zwölf für das Klima, sagt Simonetta Sommaruga (SP), Ready for take-off, sagt Berset

Zwar besitzt Berset seit 2009 eine Lizenz als Privatpilot. Er erwarb sie also als Ständerat, bevor er 2011 in den Bundesrat gewählt wurde. Was belegt, dass ihn die sozialdemokratischen Auffassungen, was den Gebrauch von Privatflugzeugen betrifft, noch nie sonderlich beschäftigt haben. Trotzdem passt der Vorfall zum Bild, das Berset in der jüngsten Vergangenheit abgibt.
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Alain Berset, Bundesrat oder Doppelgänger?
Der Mann wirkt nicht mehr so, als sei er mit Ernst bei der Sache.
Ist er noch Bundesrat oder spielt er bloss den eigenen Doppelgänger? Wer Alain Berset in den vergangenen Wochen beobachtet hat, dem fiel auf, wie locker gekleidet er sich oft den Fotografen zeigte:
  • Hemd viel zu weit offen, coole Sonnenbrille, coole Schuhe, ein cooler Typ, der jünger aussehen will, als er ist (er ist vor kurzem 50 geworden)
  • Das sticht umso mehr heraus, als Berset stets Wert auf ein geradezu bourgeoises Erscheinungsbild zu legen schien. Eleganter Anzug, teure Schuhe, gepflegte Glatze. Man hätte ihn geradesogut für einen Genfer Privatbankier halten können. Welche Zigarre rauchen Sie?

Objektiv gibt es viele Gründe, warum Alain Berset bald den Bundesrat verlassen könnte:
  • Zwei Corona-Jahre haben ihn, den Gesundheitsminister, der zum Corona-General aufstieg, zerschlissen
  • Politisch hat er in den entscheidenden Dossiers seines Departements sehr wenig erreicht, obwohl er seit zehn Jahren dafür verantwortlich ist: Keine wichtige AHV-Revision, keine nennenswerten Fortschritte bei der Reform des Gesundheitswesens. Der Mann steht auf Baustellen, die jenen des Mittelalters gleichen, wenn man einen Dom errichtete: Es dauert ewig. An der Kathedrale von Fribourg, Saint-Nicolas, hat man von 1283 bis 1490 gebaut – mehr als zweihundert Jahre lang

  • Dass Berset politisch noch etwas bewirken kann: Mag sein. Ob er das auch will: Scheint ihm selbst unklar zu sein
  • Und seine Partei? Der SP macht er den Abschied leichter, wenn er noch allzu häufig mit seinem Flugzeug in die Weltgeschichte herumfliegt. Manchen in der Partei geht er auf die Nerven. Zu viel Eitelkeit, zu viel Skandalöses, zu magere politische Rendite. Kann man so den zweiten Sitz im Bundesrat gegen die Grünen verteidigen?
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Grounding in Fribourg. Wenn man die Kommentare liest, die gestern in den Schweizer Medien erschienen sind, zumal in der deutschen Schweiz, der stellt fest: So viel Kritik an Berset war selten – und sie tat weh wie ein Nachruf, den man vor dem eigenen Tod liest:
  • NZZ-Inlandchefin Christina Neuhaus gab die Sprachregelung vor, wie das die NZZ in ihren besten Zeiten jeweils tat, indem sie Berset geradezu zum Skandalmagistraten stempelte: Time to Say Goodbye. Genug ist genug
  • Und sogar Blick und Tages-Anzeiger, die Berset-Prätorianergarde, die ihn bisher meistens zuverlässig in Schutz genommen hat gegen alle Attentate rechter Journalisten, haben sich vom Freiburger abgewandt
  • Für den Blick stellt er eine «Belastung» dar, und der Tages-Anzeiger empfiehlt ihm gar einen «Jobwechsel» – zu Deutsch: den Rücktritt

Wenn Journalisten einen Politiker so einhellig kritisieren, dann bedeutet das nicht unbedingt, dass er sich schlimmer Verfehlungen schuldig gemacht hätte und deshalb nicht mehr zu halten wäre, sondern es deutet eher darauf hin, dass die Journalisten spüren, dass dieser Politiker sich im Niedergang befindet.
Der Kaiser röchelt auf dem Sterbebett, der Kaiser ist ohne Kleider, plötzlich will ihn niemand mehr verehrt haben.
Dass nun alle den Mut aufbringen, ihn zu verdammen, müsste Berset mehr zu denken geben, als die Tatsache, dass sie so tun, als würden sie seinen Flug nach Frankreich nicht gut finden. Denn eine Bagatelle bleibt es. Alle Bundesräte fliegen öfter herum als die meisten Schweizer Journalisten.
Die Empörung ist nicht rational – sie ist symptomatisch.
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Vincenzo Camuccini: Der Tod des Cäsar (1798).
Wenn die Macht eines Kaisers zerfällt, dann merken es oft jene zuerst, die ihn am Ende von der Macht entfernen. Das wusste auch Cassius, einer der Gegner von Cäsar – oder William Shakespeare, der englische Dichter, der ihm diese Zeilen in seinem Theaterstück «Julius Caesar» in den Mund legte:
«Der Mensch ist manchmal seines Schicksals Meister», sagte Cassius zu Brutus, den er für den Anschlag auf Cäsar gewinnen wollte: «Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus, Durch eigne Schuld nur sind wir Schwächlinge». Wenige Tage später ermordeten die beiden zusammen mit rund 20 weiteren Verschwörern Julius Caesar.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag Markus Somm

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