Fliegende Bleche, getretene Kübel

Fliegende Bleche, getretene Kübel

«Da fliegt dir doch das Blech weg» sang einst (1982) die deutsche Band Spliff. Es kam nicht wieder zurück. Heute fliegen keine Bleche mehr weg. Dann kam jemand auf die Idee, die Blecheimer-Liste zu erfinden – die «Bucket List».

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von Michael Hug am 20.12.2021, 08:00 Uhr
Karsten Schley
Karsten Schley
Ja, das waren noch Zeiten! 1982 waren wir jung und sangen am Samstagabend gegen Mitternacht im Luftschutzkeller des Pfarreizentrums schwer besäuselt im Chor: «Da fliegt dir doch das Blech weg!» Wir hatten keine Ahnung von dem, was da gemeint war, aber es hat gut getönt. Ausserdem wurden unsere Hormone und überschüssige Energien dabei abgebaut, wir hatten damals von beidem genug, doch nach der Disco waren wir ausgepowert, und wir liessen die Mädchen in Ruhe. Die Jungs vom Nachbardorf übrigens auch.
«Da fliegt dir doch das Blech weg!» Da fliegen auch Aggressionen weg. Zum Nachgang gab's dann: «Carbonara!» Spaghetti waren gemeint, imfall für die, die diese Zeit verpasst haben. «Spliff» hiess die deutsche Band, die von fliegendem Blech und italienischen Teigwaren sang. Kurze Zeit bevor Spliff zu Spliff wurden, waren sie noch die «Nina Hagen Band» und Begleitmusiker der staatlich geprüften, aus der DDR exilierten gleichnamigen Schlagersängerin mit Opernausbildung.

Man sah es kommen

Spliff sah es voraus. Nicht Nina Hagen, die zwar für ihr schnelles Mundwerk, aber nicht für aussergewöhnlich vorausschauendes Denken bekannt ist. Die Jungs sahen es: Gleich wird das Blech wegfliegen. Und dann flog es weg und blieb weg. Vier Jahre später gab es die Band nicht mehr. Das Stück «Telefon-Terror» war das Allerletzte, was man von den vier Berlinern hörte.
Doch der langen Rede kurzer Sinn: Das fliegende Blech ist natürlich eine Metapher. Für was? Weiss wohl niemand so genau. Man könnte aber durchaus den Zirkelschluss zur Löffel-Liste ziehen. Ein Löffel ist auch nur Blech, auch wenn aus Silber. Den Löffel gibt man ab, wenn man geht. Also endgültig. Der fliegende Löffel ist auch nur eine Metapher. Man braucht keinen Löffel mehr, wenn man stirbt, gestorben wird oder gehenkt, darum gibt man ihn ab. Der Löffel fliegt weg.

Kübel unter den Füssen

Bei den Amis ist der Löffel ein Kübel und darum gibt es die «Bucket List». Der Bucket ist das englische Synonym im Allgemeinen für einen Plastikeimer oder Blechkübel, im Besonderen für den Kübel, der einem unter die Füsse gestellt wird, wenn man einen Strick um den Hals gelegt bekommt. Wenn man also im Mittelalter gelebt hat und Schwerverbrecher gewesen ist oder Landesverräter oder Justizopfer und auf dem Kübel steht und um den Hals den festgezurrten Strick spürt, geht der Henker hin und tritt recht kraftvoll gegen den Kübel und aus ist. Der Kübel fliegt dann weg, im besten Fall, oder es braucht einen zweiten Tritt, im schlechteren Fall, oder man selbst ist 150 Kilo schwer im schlechtesten Fall. Dann klemmt der Kübel unter der Last fest.
Um die unangenehmen Folgen solcher Fehltritte zu verhindern, wurden im späteren Mittelalter Falltüren eingeführt, anstelle blecherner Kübel. Denn, es galt die vom Stierkampf übernommene Regel, dass, wenn der Stier, also Mensch, den Tötungsakt überlebt, er für immer frei ist. Was natürlich nicht erwünscht war. Noch später, so um 1800, kamen zu viele Todgeweihte frei. Man wollte deshalb todsicher gehen und verwendete sogenannte «Guillotinen», also Kopfwegfallbeilmaschinen, deren Schlüsselteil ein geschärftes Stahlblech war. Auf Guillotinen gaben die Hersteller sogar Garantie auf die Funktion.

Kübelliste kurz erklärt

Daher flog damals öfters das Blech weg. Oder runter. Doch was ist mit der Kübelliste? Auch das sei kurz erklärt: Man bekam, als zu Henkender, sofern man des Schreibens mächtig war, vor der Henkung die Gelegenheit, eine Liste anzufertigen derjenigen Vorhaben, die man bis zum finalen Kübeltritt noch erledigen wollte oder sollte. Zum Beispiel noch drei Monatszinse bezahlen, Auto verkaufen, Glückspost-Abo künden, sich saumässig betrinken, sich auf 150 Kilo fressen. Allenfalls einen Weltraumflug machen, beten und/oder sich von Freunden, Verwandten, der Liebsten, dem Hund verabschieden. Falls vorhanden konnte man auch seinen Nachlass regeln. Insofern ist das Testament eine frühe Form der Bucket List. Doch man musste bedenken, keine Aktivitäten zu planen, die ein Risiko des vorzeitigen Todes durch Unfall oder Fahrlässigkeit mit sich trugen. Dann hatte der Henker keine Freude. Unbesetzte Blechkübel wegzutreten, ist blamabel. Wie sang einst Freddie Mercury selig: «You big disgrace, kickin’ your can all over the place – Du Schande, trittst deine (leere) Büchse über den ganzen Platz.»
Tipp: Wenn als letzter Punkt auf deiner Bucket List steht: Strick kaufen. Dann nimm nicht jenen, der die besten Bewertungen hat. Sondern den, der gar keine hat. Er ist garantiert der beste.

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