Fernseh-Gott mit Schalk

Fernseh-Gott mit Schalk

Thomas Gottschalk hat die Zeitkapsel erfunden. Er katapultiert uns mit dreieinhalb Stunden «Wetten, dass..?» in die Vergangenheit. Erstaunlicherweise hat das viel mit der Gegenwart zu tun.

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von Dominik Feusi am 7.11.2021, 06:06 Uhr
Alles wird gut: Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk auf dem Sofa von «Wetten, dass..?» (Bild: Keystone)
Alles wird gut: Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk auf dem Sofa von «Wetten, dass..?» (Bild: Keystone)
Er hat es natürlich nicht nötig, aber er kann es noch. Thomas Gottschalk unterhält drei Fernsehnationen einen Abend lang herrlich lakonisch, selbstironisch, aber nie doof.
Er nuschelt jetzt leicht, vergisst auch mal einen Namen und fällt als Gentleman alter Schule komplett aus dem Rahmen der heutigen Zeit. Unterstützt wird er noch einmal von der Schweizerin Michelle Hunziker. Die beweist einmal mehr, dass sie mehr kann als in Killer-Absätzen und Killer-Décolleté eine schöne Figur zu machen (das tut sie aber auch).

Parade des freien Geistes

Die Neuauflage von «Wetten dass..?» katapultiert den Zuschauer zurück in die Achtziger und Neunziger, wo Frauen noch WCs putzten und Männer ihren Bierbauch morgens in die Baggerkabine und abends in die Uniform der Feuerwehr stemmten. Wo Menschen auf die irrwitzigsten Ideen für Wetten kamen und damit Millionen von Zuschauern (auch hinter dem eisernen Vorhang) zeigten, warum eine offene, freie Gesellschaft zu Dingen fähig ist, die nie von oben geplant werden können.
Gottschalk macht weiterhin Witze, gerne über sich selbst, sein Alter und seinen Bauch. Er sei sein ganzes Leben der «Pausenclown» gewesen, sagt er einmal nebenbei und meint das vermutlich ziemlich ernst. Man lacht mit ihm darüber und damit auch über sich selbst und die eigene Rolle in diesem «Trip, den man das Leben nennt», wie Udo Lindenberg, auch ein Passagier in der Zeitkapsel in die Vergangenheit, singt. Und «gendern» muss er auch nicht, weil es «Wetten, dass..?» heisst, wie er frotzelt. Er sei in einem Alter angelangt, da ihn Shitstorms nicht mehr interessierten.

Hochamt des gepflegten Umgangs

Seine Schlagfertigkeit liegt in seinem Blut, perfektioniert habe er sie aber als Ministrant und in einer katholischen Studentenverbindung, wie er einmal sagte. Er trägt immer noch diese gemäss eigenem Bekunden von der Kirche inspirierten «byzanthinischen» Sakkos, diesmal in gold-navyblau mit aufgenähtem Herzjesu-Motiv und ruft einem die eigenen modischen Fehltritte von damals in Erinnerung (etwa das lila-schillernde Gilet aus Naturseide – nein, Fotos gibt es nicht, hoffentlich!). Aber die Weste sitzt akkurat, der unterste Knopf offen, wie es sich gehört, die Schuhe glänzen mit den leicht schütter gewordenen Locken um die Wette (nur die Fliege oder die Krawatte, die hervorragend passen würde, die fehlt, so viel Zeitgeist muss dann offenbar – leider – doch sein). Er verteilt Blumen und Komplimente wie eh und je. Gottschalk mag Menschen, und sie ihn.
Er würde es wohl in Abrede stellen, es so zu meinen, aber in diesen aufgeheizten Zeiten ist genau das Gottschalks Botschaft. Seien wir auch heute respektvoll und zuvorkommend miteinander, gerne etwas selbstironisch – und die Herren vor allem Gentlemen. Dann müssen wir nicht so alt wie Gottschalk (71) werden, um uns nicht mehr um Shitstorms zu kümmern.

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