Femizide: Statistischer Nonsens?

Femizide: Statistischer Nonsens?

Der Begriff «Femizid» ist derzeit in aller Munde. Dies obwohl er weder im Strafgesetzbuch noch in der Istanbul-Konvention des Europarats auftaucht. Auch das Bundesamt für Statistik verwendet ihn nicht.

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von Nicole Ruggle am 1.11.2021, 19:00 Uhr
Cartoon: Clemens Ottawa
Cartoon: Clemens Ottawa
Laut dem Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen handelt es sich bei einem Femizid um die Tötung von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts. Der Begriff stammt ursprünglich aus Lateinamerika und wurde eingeführt, um dort auf die alarmierende Eskalation äusserst brutaler Morde an Frauen und Mädchen reagieren zu können.
Nicht zu verwechseln ist der Femizid mit dem Intimizid. Dabei handelt es sich – laut Ärzte-Zeitung – um die Tötung des Intimpartners, unabhängig vom Geschlecht.
Der Femizid soll aber statistisch noch viel mehr umfassen; die Website stopfemizid.ch hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, diese Art eines Tötungsdelikts in der Schweiz zu dokumentieren.
Doch ist es wirklich sinnvoll, den Fokus auf die weiblichen Opfer zu legen?

Männer werden häufiger Opfer eines Tötungsdeliktes (vollendet und versucht) als Frauen

Männer werden häufiger Opfer eines Tötungsdeliktes (vollendet und versucht) als Frauen.

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Quelle Zahlen: Bundesamt für Statistik

Müsste man den Fokus nicht viel mehr auch auf männliche Opfer legen? Und welche Motive spielen bei der Tötung von Männern eine Rolle?

Bundesamt für Statistik: Femizid wird nicht verwendet

Um solche Fragen in Zukunft besser beantworten zu können, führt das Bundesamt für Statistik derzeit eine Zusatzerhebung zu Tötungsdelikten durch (Laufzeit: 2019-2024). Ziel dieser Zusatzerhebung sei es, «noch detailliertere Informationen zu den Lebensumständen von Opfern und Tatverdächtigen sowie über die näheren Tatumstände, Motive und Ursachen von Tötungsdelikten zu erhalten».
Den Begriff «Femizid» wird dabei keine Verwendung finden, erklärt das Bundesamt für Statistik auf Nachfrage. Auch werde man in der Zusatzerhebung alle polizeilich registrierten Opfer und Täter berücksichtigen – Frauen und Männer.

«Es ist für Tötungsdelikte an Frauen derzeit nicht vorgesehen, erweiterte Fachbegriffe einzuführen.»

Bundesamt für Statistik

Das Bundesamt stützt sich in seiner Antwort auf eine Stellungnahme des Bundesrates. Dieser hielt bereits letztes Jahr fest, dass der Begriff Femizid weder in der Istanbul-Konvention noch im Strafgesetzbuch erscheine.
Wenn der Begriff Femizid also weder im Strafgesetzbuch noch in der Istanbul-Konvention erscheint und auch vom Bund nicht verwendet wird – warum findet dieser Modebegriff dennoch so breite Verwendung? Ein Blick auf die Schweizer Medienlandschaft genügt, um zu sehen, dass selbst bürgerliche Medien den Begriff inzwischen grosszügig verwenden und weiterverbreiten.

«Der Begriff ‹Femizid› erscheint weder im Strafgesetzbuch noch im Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul–Konvention).»

Auszug aus der Antwort des Bundesrats auf die Interpellation Garobbio Guscetti, 2020

Aber was ist denn nun ein Femizid?

Stellt sich also die Frage: Was genau ist denn nun alles ein Femizid? Die Website stopfemizid.ch, gibt eine Antwort, was von ihr als Femizid erfasst wird.

Wie werden Femizide gezählt?
«Um Gewalt gegen Frauen möglichst umfassend zu dokumentieren, zählen wir nicht nur Femizide in Folge häuslicher Gewalt, sondern auch die Femizide, in denen die Täter keine Beziehung zu den Opfern hatten, Fälle von rassistischen, homo-, transphoben und behindertenfeindlichen Motiven, und solche an Sexarbeiterinnen.»
Und: «Gleichzeitig möchten wir unser Rechercheprojekt so inklusiv wie möglich gestalten. Wir zählen als Femizid also auch, wenn eine Person fälschlicherweise als Frau gelesen wird, aber keine ist. So möchten wir versuchen, nicht binäre Menschen einzuschliessen.»
Und weiter: «Es ist ebenfalls notwendig, anzuerkennen, dass die meisten Opfer von Femiziden trans und cis Frauen, also Frauen, sind.»
Quelle Zitate: Methodik, stopfemizid.ch

Hier tun sich Fragen auf. Entspricht es wirklich der Definition eines Femizids, wenn auch Delikte mit einem homo-, transphoben und behindertenfeindlichen Motiv dazu gezählt werden?
Geht es hier gar darum, die Femizid-Statistik künstlich in die Höhe zu treiben?
Hier tappt der «Nebelspalter» leider im Dunkeln. Trotz mehrfach schriftlicher Nachfrage hat er bis dato keine weiteren Erklärungen zur Methodik von stopfemizid.ch erhalten.

Wer tötet?

Die Definition um die angeblichen Femizide ist also schwammig. Immerhin – zu den Tätern sind Daten vorhanden. So sind laut BfS eine Mehrheit der Täter von Tötungsdelikten ausländische Männer.

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Quelle Zahlen: Bundesamt für Statistik

Sind also Herkunft und Nationalität des Täters ein ausschlaggebender Faktor?
Die Aktivistinnen hinter stopfemizid.ch sehen das offenbar nicht ganz so. So schreiben sie auf ihrer Website, dass traditionelle Geschlechterrollen die Täter prägten, aber weniger die Nationalität, die Herkunft oder der soziale Status.
Und sie sind sich sicher: «Gewalt an Frauen hat System, sie ist Ausdruck einer misogynen Gesellschaft.»

«Traditionelle Geschlechterrollen prägen Täter, weniger deren Nationalität, Herkunft und sozialer Status.»

Zitat aus: stopfemizid.ch

Die Gesellschaft als Ganzes ist also schuld. Und zwischen traditionellen Geschlechterrollen und der Herkunft oder der Nationalität der Täter soll es keinen Kausalzusammenhang geben?
Auch zu diesem Aspekt hätte der «Nebelspalter» von stopfemizid.ch gerne eine Klärung gehabt; allerdings blieb diese bis heute ebenfalls aus.

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