Fast 1000 Todesfälle weniger als erwartet: Können wir jetzt öffnen?

Fast 1000 Todesfälle weniger als erwartet: Können wir jetzt öffnen?

Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen eine deutliche Untersterblichkeit in diesem Jahr. Die Begründung wirft Fragen auf.

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von Sebastian Briellmann am 31.3.2021, 14:36 Uhr
Das Leben wieder geniessen: Die Menschen wollen nach draussen.
Das Leben wieder geniessen: Die Menschen wollen nach draussen.
Die Risikogruppen in der Schweiz sind immer besser geschützt. Das zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik. Die Untersterblichkeit bei Personen, die über 65 Jahre alt sind, ist seit Februar augenscheinlich. In den Wochen sieben bis elf, also zwischen 15. Februar und 21. März, sind bis jetzt etwa 970 Personen weniger verstorben als im langjährigen Durchschnitt. Es könne, schreiben die Statistiker des Bundes, allerdings noch zu leichten Korrekturen kommen. Die Sterblichkeit bei den unter 64-Jährigen liegt innerhalb der erwarteten Werte.

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Screenshot: Bundesamt für Statistik.

Bemerkenswert ist die Erklärung des Bundesamts für die Untersterblichkeit bei den über 65-Jährigen: «Dies entspricht dem natürlichen Verlauf einer Epidemie. Unter den etwa 8380 Personen im Alter von 65 Jahren und älter, die in der zweiten Welle von Covid-19 mehr als erwartet verstorben sind, waren einzelne vermutlich in so schlechter Gesundheit, dass ihr Leben nur um wenige Wochen verkürzt wurde.»
Das wirft Fragen auf. Vor zwei Wochen haben renommierte Gesundheitsökonomen im Nebelspalter auf die kurze Restlebensdauer von an Corona Verstorbenen hingewiesen (Lesen Sie hier die ganze Geschichte). Die Taskforce dagegen geht in ihrer Kosten-Nutzen-Rechnung von einer Restlebensdauer von sechs Jahren aus. Entsprechend hoch fielen ihre Kosten pro Todesfall aus.

Angst, überall

Auch wenn das Bundesamt für Statistik vorsichtig nur von Einzelnen spricht: Die Rechnung der Taskforce, mit der die Lockdowns massgeblich legitimiert werden, wird dadurch unglaubwürdiger. Wenn die Todesfälle tief bleiben, stellt sich die Frage: Können wir jetzt öffnen?
Konstantin Beck von der Universität Luzern hat sich intensiv mit der Sterblichkeit beschäftigt. Heute sagt er: «Dass wir auch mit einer solchen Untersterblichkeit, einer der tiefsten seit langem, nicht über Öffnungen, sondern über Verschärfungen sprechen: Das ist absolut nicht nachvollziehbar.»

«Jene Kantone, die mit der Impfung für die Risikogruppen durch oder weit vorangeschritten sind, könnten problemlos aufmachen.»

Konstantin Beck, Gesundheitsökonom an der Universität Luzern

Wir seien sowieso gar nicht so schlecht unterwegs, was die Statistik nun zeige, findet Beck: «Die Risikogruppen – über 65-Jährige und vor allem über 80-Jährige – sind nun viel besser geschützt. Auch dank der Impfung. Jene Kantone, die mit der Impfung für die Risikogruppen durch oder weit vorangeschritten sind, könnten problemlos aufmachen.»
Das wird kaum geschehen. Der Bundesrat spricht trotz tiefer Sterblichkeit von der dritten Welle – auch von einer vierten war vorsorglich schon die Rede. Das führt zu Angst und Unsicherheit, wie auch Beck festgestellt hat: «Das Problem ist: Die Menschen haben panische Angst. Weil sie immer schlechte Nachrichten übermittelt bekommen. Es wird immer einen Mutanten am Horizont geben oder ein ganz anderes, gefährliches Virus.» Man spreche von 100 Millionen Virenarten.
Beck fragt rhetorisch: «Wer will da den Überblick behalten?» Die logische Konsequenz wäre der Lockdown für immer, sagt Beck ziemlich resigniert: «Diese Haltung ist des Wahnsinns.» Auch wenn die Statistik Positives aufzeigt. Die Angst bleibt.
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