Faktencheck F-35: Nicht einsatztauglich und zu teuer?

Faktencheck F-35: Nicht einsatztauglich und zu teuer?

Die Tamedia-Blätter kritisieren die Entscheidung des Bundesrates, den Kampfjet F-35 zu kaufen. Er sei viel zu teuer und nicht für einen Einsatz bereit. Stimmt das?

image
von Serkan Abrecht am 13.7.2021, 04:00 Uhr
Gewagte Schlagzeile: Der «Tages-Anzeiger» kritisiert die amerikanischen Flugzeuge. Bild: Screenshot
Gewagte Schlagzeile: Der «Tages-Anzeiger» kritisiert die amerikanischen Flugzeuge. Bild: Screenshot
«In den USA drohen die Kosten für den Tarnkappenjet völlig aus dem Ruder zu laufen», schrieb der «Tagi» vergangene Woche. Die Zeitung zitiert aus einem kürzlich erschienen Bericht des Government Accountability Office (GAO), die unabhängige Rechnungsprüfungsbehörde der USA. Ein Äquivalent zur Eidgenössischen Finanzkontrolle.
Das F-35-Programm führte zu horrenden Mehrkosten, was weltweit bekannt ist (der Nebelspalter berichtete). Doch trotzdem hat Hersteller Lockheed Martin dem Bundesrat das günstigste Angebot unterbreitet. Die Regierung hält fest, dass die Offerte und die darin angebotenen Zahlen verbindlich sind. Heisst: Mehrkosten dürfen keine anfallen, sonst zahlt der Hersteller. Zudem ist die F-35 mit einem Stückpreis von knapp 80 Millionen Dollar beispielsweise 20 Millionen günstiger als der Eurofighter vom europäischen Anbieter Airbus.
Die Schweizer Armee soll in Zukunft mit der F-35 fliegen. Für die Tamedia hingegen ist das Flugzeug nicht tauglich. Hier die grossen Beanstandungen der Zeitung im Faktencheck:

Einsatzfähigkeit

«So waren im Jahr 2020 die F-35 der US-Armee nur zu 54 Prozent voll einsatzfähig – statt der geforderten 72 Prozent.»

Es gibt drei Versionen des Tarnkappenjets von Lockheed Martin: Die F-35A für die Luftwaffe, F-35B für die Marines, F-35C für die Navy. Die Schweiz plant die Beschaffung der F-35A. Der Bericht der GAO unterscheidet zwischen den Faktoren «Mission Capable» (MC) und «Full Mission Capable» (FMC). Bei MC geht es darum, dass ein Flugzeug eine Mission erfolgreich ausführen kann. FMC bezeichnet die Fähigkeit mehrere Missionen hintereinander erfolgreich zu erfüllen. Beim Typ F-35A, den die Schweiz beschaffen möchte, liegt die MC gemäss dem Bericht der GAO bei 71,4 Prozent – also fast bei den geforderten 72 Prozent. Beim Faktor FMC ist er bei 54 Prozent, wie der «Tagi» schreibt.
Wie sieht die Einsatzfähigkeit bei den anderen Jets aus? Bei der ebenfalls evaluierten, Super Hornet liegt die Einsatzfähigkeit (MC), bei 80 Prozent. Beim Eurofighter ist sie gemäss den Aussagen des deutschen Verteidigungsministeriums von 2019 bei 60 Prozent. Obwohl der Eurofighter schon 11 Jahre länger im Dienst ist, schneidet er Punkto Einsatzfähigkeit schlechter ab als die kritisierte F-35A.

Faktencheck: Die Aussage stimmt halb.

image
Schlechtere Einsatzfähigkeit als die F-35: Der Eurofighter von Airbus. Bild: VBS

Finanzierungslücke in Milliardenhöhe

«Das Verteidigungsministerium wird im Jahr 2036 mit einer Finanzierungslücke von sechs Milliarden US-Dollar konfrontiert sein, prognostizieren die Untersuchungsexperten der GAO.»

Tages-Anzeiger – 09. Juli 2021
Gemäss Bundesrat dürfen keine Mehrkosten anfallen Dies werde vertraglich mit dem Hersteller so vereinbart. Auch können die sechs Milliarden Dollar nicht auf die Schweiz umgemünzt werden. Die Prognosen der GAO beziehen sich auf die gesamte geplante F35-Flotte der USA mit 2’500 Flugzeugen.
Die Schweiz plant eine Flottenbeschaffung von 36 Flugzeugen. Aber sollte es tatsächlich zu Nebenkosten in gleichem Ausmass pro Flugzeug kommen, würden sie in der Schweiz bei bem Gesamtaufwand von 15,5 Milliarden Franken Lifecyle-Kosten auf zirka 86 Millionen Franken belaufen.

Faktencheck: Die Aussage stimmt, aber sie hat nichts mit der Schweiz zu tun.

image
Steht ungerechtfertigt in der Kritik. Die F-35. Bild: Lockheed Martin

Abschaffung der F-35

«Der Stabschef der US Air Force, General C. Q. Brown, zieht gemäss der Fachzeitschrift ‘Defense News’ eine Ablösung geplanter F-35 durch einen günstigeren Jet der «Generation 4 plus» in Erwägung.»

Tages-Anzeiger – 09. Juli 2021
Die F-35 gehört zur fünften Kampfjetgeneration (der Nebelspalter berichtete). Die drei anderen von der Schweiz evaluierten Kampfjets Super Hornet, Rafale und Eurofighter gehören der «Generation 4 plus» an. Die Aussage von General C. Q. Brown stammt vom Februar und bezieht sich auf eine Studie der US-Airforce, in der sie den Einsatz von mehreren verschiedenen Kampfjettypen überprüft. Er führt den Vorschlag ins Feld, dass man die Neuentwicklung eines Jets der« Generation 4 plus, oder fünf minus» prüfen könne. Zur F-35 sagte der General dann folgendes:
«Die F-35 ist der Eckpfeiler dessen, was wir anstreben. Jetzt werden wir die F-35 haben, wir bringen sie heraus, und wir werden sie für die Zukunft haben. Der Grund, warum ich mir diese Kampfflugzeugstudie ansehe, ist, dass ich ein besseres Verständnis nicht nur für die F-35 haben möchte, die wir bekommen werden, sondern auch für die anderen Aspekte, die die F-35 ergänzen. Und wenn ich 10 bis 15 Jahre in die Zukunft blicke, möchte ich in der Lage sein zu verstehen, wenn ich versuche, Entscheidungen zu treffen, wie wir als Luftwaffe in 15 Jahren aussehen wollen, mit der F-35 als Eckpfeiler unserer Fähigkeiten.»

Faktencheck: Die Aussage der Tamedia-Blätter stimmt nicht.

image
US-Luftwaffen-General C. Q. Brown. Bild: Wikimedia Commons

Keine Kostengarantie

Mehrkosten: Gemäss der «Sonntagszeitung» und dem «Sonntagsblick» sei der von Lockheed Martin offerierte Gesamtpreis für die F-35 nicht definitiv. Die beiden Zeitungen berichteten, die Preise seien nicht fix, sondern «Schätzungen auf der Grundlage der besten verfügbaren Daten».

SoZ und SoBli – 11. Juli. 2021

Das Verteidigungsdepartement (VBS) veröffentlichte noch am Sonntag eine Richtigstellung. Das VBS beschaffe die Flugzeuge zu denselben Konditionen, welche die USA für sich selbst anwenden, schrieb das Departement. Die USA wiederum wickeln das Geschäft über ihre Foreign Military Sales (FMS) ab. Und zwar mittels eigener Verträge mit der Herstellerfirma Lockheed Martin.
In diesen Verträgen sind die Preise und Konditionen festgelegt und werden streng kontrolliert. Sollten Kostenüberschreitungen auftreten, würde der amerikanische Staat zugunsten der Schweiz die Verbindlichkeit der Preise einfordern.

Faktencheck: Die Aussage ist falsch.


image
Eine Schlagzeile, die vom VBS prompt dementiert wird. Bild: Screenshot «Sonntagszeitung»

Ferngesteuerter Jet

«Will die Schweiz US-Kampfjets kaufen, muss sie über die gesamte Nutzungsdauer amerikanisches Recht akzeptieren. Damit bestimmen die USA, ob geflogen und geschossen wird.»


Die Tamedia-Blätter stützen sich dabei auf Aussagen von anonymen Quellen. Schriftlich gibt es nichts, das diese Behauptung untermauern würde. Tamedia schreibt: «Bereits heute gilt, dass die Schweizer einige Schlüsselgeräte nicht öffnen und analysieren dürfen.»
Dasselbe treffe für gewisse Komponenten der F/A-18-Lenkwaffen Amraam und Sidewinder AIM-9X zu, mit denen im Ernstfall feindliche Jets abgeschossen werden könnten. «Ob und in welchem Falle das tatsächlich getan werden könnte, das wissen die Schweizer Piloten im Gegensatz zu den amerikanischen Kontrollbehörden nicht – jedenfalls nicht mit letzter Gewissheit.»
Tatsächlich kontrollieren die USA – wie auch andere Staaten –, ob ihre Waffen zweckentfremdet werden. Die Systeme der Flugzeuge jedoch arbeiten autonom. Die Datenhoheit hat beim Kauf der F-35A gemäss VBS die Schweiz. Der Hersteller Lockheed Martin bietet ein Netzwerk an, das dem Austausch von Betriebsdaten zwischen allen Ländern mit F-35 für die Wartung dient. «Odin» heisst dieses System.
Die teilnehmenden Staaten können dabei aber genau definieren, welche Daten sie an «Odin» weitergeben wollen und welche nicht. Dies gewährleistet die Datenhoheit.
Dass die Amerikaner darüber entscheiden können, ob die Flugzeuge fliegen und schiessen oder nicht, ist eine Behauptung, für die es keine Beweise gibt.

Faktencheck: Die Aussage ist also falsch.

Mehr von diesem Autor

image

Die Schweiz subventioniert judenfeindliche Schulbücher

Serkan Abrecht12.10.2021comments

Ähnliche Themen