Fake News: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Fake News: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Die Impfung gegen Covid-19 wirkt vermutlich über Jahrzehnte. Wobei, Moment: Doch nur einige Jahre. Oder einfach ein Jahr lang. Eher ein halbes. Nein, falsch, nach drei Monaten muss nachgespritzt werden. – Die «Fake News» zum Jahresende widmen wir den so selbstbewussten wie falschen Prognosen.

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von Stefan Millius am 31.12.2021, 13:30 Uhr
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Wissenschaft lernt dazu, sie entwickelt sich. Was heute als richtig gilt, kann morgen als überholt erkannt werden. Das liegt in der Natur der Dinge. Was weniger verständlich ist: Dass man den aktuellen Stand des Wissens als so gut wie sicher oder gar als ganz sicher verkauft und danach etappenweise zurückkrebsen muss – ohne je einzuräumen, wie falsch man einst lag. Oder zu hinterfragen, wie es denn zu einer so falschen Einschätzung kommen konnte. Statt in Zukunft vorsichtiger zu werden, macht der Blätterwald fröhlich weiter.
Diesen Vorwurf kann man keinem einzelnen Zeitungstitel machen, sondern einer ganzen Horde. Tendenziell am schlimmsten gewütet haben 2021 naturgemäss die Zeitungen mit den grössten Buchstaben. Gierig haben sie sich auf jede positive Aussage rund um die Covid-19-Impfstoffe gestürzt und daraus Heilsversprechen gebastelt.
Ein gutes Beispiel dafür ist die deutsche «Bild». So sieht die Kaskade der Schlagzeilen aus:
- 6. Juni 2021: Immunität gegen Corona hält wahrscheinlich Jahrzehnte!
Ein rasantes Verfalldatum. Interessant ist aber, dass das offenbar nicht weiter tragisch ist. Der Artikel «Jahrelanger Schutz nach Impfung» wird eingeführt mit den Worten: «Super Nachrichten aus den USA!» Nanu? Drei Wochen zuvor waren es noch Jahrzehnte gewesen. Was genau ist «super» daran, dass es nun nur noch Jahre sind? Der Impfschutz ist ja gerade implodiert. Wären es auch «Super Nachrichten», wenn irgendwann eine Wirkungsdauer von nur noch einigen Stunden kommuniziert würde?

Ein Schuss «1984»

In der Zusammenstellung wirken die Versprechungen ziemlich peinlich. Deshalb muss man sie auch zusammensuchen. Die ursprüngliche Nachricht gibt es zwar noch in den Tiefen des Internets, aber die Zeitungen selbst gehen gar nicht mehr darauf ein, dass sie noch kurz zuvor etwas ganz anderes erzählt haben. Das Ganze erinnert an George Orwells «1984»: Die Realität wird fortlaufend neu erfunden, indem die Vergangenheit angepasst wird.
Man könnte das endlos weiterziehen. Im Februar 2021 verkündeten mehrere Zeitungen, Geimpfte seien nicht mehr ansteckend. Nicht viel weniger, nicht etwas weniger, nein: Nicht mehr. Dieser Mythos wurde rasch entzaubert. Die Frage ist nur: Warum wird so etwas in der ursprünglichen Schlagzeile so absolut behauptet?
Grandios auch die Jahresleistung der Zeitungen von «CH Media». Diese bieten regelmässigen Leserservice aus der Wissenschaftsredaktion in Form von Fragen und Antworten. Da geht es um Dinge wie «Schützt mich die Doppelimpfung vor XY?» oder «Wie lange reicht der Booster?» etc. In grenzenloser Kompetenz und ausgestattet mit sehr viel Selbstbewusstsein werden diese Fragen beantwortet. Nicht etwa vorsichtig-zurückhaltend formuliert. Leider sind die Antworten regelmässig schon nach wenigen Wochen völlig überholt. Das mag in der Natur der Wissenschaft liegen, aber die Redaktion hält es nicht für nötig, darauf hinzuweisen, wie untauglich die Antworten der letzten Runde im Nachhinein waren. Und vor allem: Müsste man nicht nach der dritten oder vierten Runde vorsichtiger werden mit definitiven Antworten, wenn man mal erkannt hat, dass ihre Haltbarkeit minimal ist?

Als Quelle dient sogar der Verkäufer des Produkts

Möglich sind solche Fehlleistungen nur, weil viele Verlage ein eisernes Gesetz brechen: Sie denken nicht darüber nach, wie vertrauenswürdig die Quelle einer Aussage ist. Wie überraschend ist es beispielsweise, dass der Biontech-Chef findet, man solle doch bitte bei der Impfung lieber früher als später nachlegen – und möglichst oft? Der Mann macht gerade ein Milliardengeschäft, jede seiner Behauptungen ist mit Vorsicht zu geniessen.
Beim «Blick» beispielsweise ist die Chefin von Pfizer Schweiz Dauergast in Form von Interviews, die mit Journalismus so viel zu tun haben wie der einstige «Musenalp-Express». Schlagzeile vor wenigen Tagen: «Booster schützt 25 Mal mehr vor Omikron». Die Dame hat allen Grund, den Booster zu bewerben, sie verkauft ihn ja schliesslich. Selbstverständlich wird ihre exakte Aussage aber nicht hinterfragt. Sollte sich später zeigen, dass es nicht 25 Mal, sondern nur 20, 10 oder 5 Mal mehr sind – oder gar nicht –, dann werden wir das irgendwann ganz nebenbei erfahren. Ohne Verweis auf das vorausgegangene, ziemlich plumpe PR-Interview.
Man kann die eine oder andere Fehleinschätzung in einem laufenden Prozess wie der Coronasituation sicher entschuldigen. Mit welcher abschliessenden Sicherheit aber Versprechen kolportiert werden, die sich später in Luft auflösen, ohne dass man darauf eingeht: Das ist eine neue «Qualität» der Medien.

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