Fake News: Strommangel? Ja, der droht. An was es aber ganz sicher mangelt: Fakten

Fake News: Strommangel? Ja, der droht. An was es aber ganz sicher mangelt: Fakten

Der «Tages-Anzeiger» insinuiert, dass die Wirtschaft über Guy Parmelins Warnungen wegen unserer Energiepolitik irritiert sei. Die Beweisführung ist jedoch schmalbrüstig.

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von Sebastian Briellmann am 29.10.2021, 12:30 Uhr
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Es sind markige Worte von Wirtschaftsminister Guy Parmelin, die er in einer Videobotschaft gewählt hat: Wenn es so weitergehe mit unserer Energiepolitik und dagegen keine Massnahmen ergriffen werden, dann drohe der Schweiz – und vor allem den Unternehmen – eine Strommangellage; im schlimmsten Fall gingen überall die Lichter aus. So steht es auch in einer Broschüre von Parmelins Wirtschaftsdepartement.
So viel Ehrlichkeit ruft natürlich den «Tages-Anzeiger» auf den Plan, der zu berichten weiss: «Sommaruga ärgert sich über Parmelins Alarmismus: Die Videobotschaft des Bundespräsidenten stösst nicht nur bei der Energieministerin auf Unverständnis – auch aus der Wirtschaft kommt Kritik.» Geht es um die Haltung Sommarugas, hat der Tagi sicherlich recht. Dass jedoch auch die Wirtschaft sich gegen Parmelin stellt: Das mutet dann doch ziemlich speziell an. Zuletzt haben sich Wirtschaftsführer klar dahingehend geäussert, dass wir tatsächlich ein Problem mit der Versorgungssicherheit haben.
Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder sagte im Talk «Feusi Fédéral» auf dieser Plattform schon vor einem Monat: «Stromausfälle wären für die Industrie eine Katastrophe.» (Sehen Sie hier die ganze Sendung)

Kritik, die sitzt

Für Mäder gehören bei der Energiegewinnung alle Technologien – auch Gaskraftwerke und Nukleartechnologie: «Ich war immer gegen Technologieverbote. Sie sind immer ein falsches Mittel.» Das ist Kritik aus der Wirtschaft, die richtig sitzt.
Die Kritik der Wirtschaft an Guy Parmelin, wie es der Tagi insinuiert, kommt dagegen – und das ist freundlich ausgedrückt – schmalbrüstig daher. Ein einziges Beispiel mit einem einzigen Unternehmer – Andreas Schmidheini, Verwaltungsratspräsident von Varioprint in Heiden – soll das belegen. Er sagt im «Tages-Anzeiger»: Der Ball liege bei der Politik und es sei an ihr, die Stromversorgung mittel- und langfristig zu sichern. Über sein Unternehmen, das Leiterplatten für elektronische Geräte herstellt, sagt er: «Wir halten allein schon wegen der finanziellen Belastung unseren Stromverbrauch möglichst tief, setzen Fotovoltaik ein und streben seit Jahren nach Effizienz.» Weitere massive Einsparungen seien nicht möglich. Müsste man dies tun und weniger arbeiten, dann könne man den «Laden dichtmachen». Mehr sagt er nicht.

Sieht so Sommaruga-Support aus?

Das sind natürlich kritische Worte, aber sie zielen weniger auf die berechtigten Warnungen von Guy Parmelin, sondern, es überrascht nicht, mehr auf jene Kräfte, die die momentane Energiesituation zu verantworten haben, sprich Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die auch jetzt noch nichts von Gaskraftwerken zur Sicherstellung der heimischen Produktion wissen will, geschweige denn – Gott bewahre uns – von Atomkraftwerken, die das Problem elegant lösten.
Nachdem die Wirtschaftsvertreter, das muss auch gesagt sein, lange in Deckung geblieben sind, scheint ihre Meinung nun gefestigter. Mäder etwa legte zuletzt in der «Sonntagszeitung» nach: «Das Risiko einer Stromlücke oder eines Blackout im Winter ist akuter denn je.» Und er betonte erneut, dass auch Atomkraftwerke gegen diese Mangellage eine Option sein müssten.
Das ist aktuell der Tenor der Wirtschaft. Und das entspricht eher dem Wording des Wirtschaftsministers und weniger jenem der Energieministerin. Es braucht schon ungeahnte Vorstellungskraft, um dies als Sommaruga-Support zu verstehen.

Unter der Rubrik «Fake News» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

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