Fake News: Ein Adventskalender für Gutmenschen

Fake News: Ein Adventskalender für Gutmenschen

Auf der Facebook-Seite von SRF News werden Leser in der Adventszeit täglich mit einer «guten Nachricht» optimistisch gestimmt. Die Auswahl der Redaktion sieht aus wie die Zusammenarbeit eines Umweltverbands und einer Gewerkschaft unter Mitwirkung eines Feministinnenkollektivs.

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von Stefan Millius am 17.12.2021, 13:30 Uhr
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Es ist ja eine schöne Idee, gerade in Coronazeiten: Statt nur News, die oft genug wenig erfreulich sind, präsentiert SRF News auf Facebook bis zum 24. Dezember täglich eine frohe Botschaft: «Good News», durchnummeriert von 1 bis 24.
Wie sich bereits Mitte Dezember zeigt, ist die Auswahl allerdings ziemlich einseitig ausgefallen. Was SRF News für positiv hält, kann man auch ganz anders sehen. Oder es sind nicht einmal echte News, sondern einfach ein Signal in die Richtung, die man bei SRF als «richtig» definiert.

Adieu, Lego-Männli

Am 2. Dezember beispielsweise frohlockte der Adventskalender, dass der Spielzeughersteller Lego neuerdings auf die Geschlechtszuordnung bei seinen Produkten verzichtet. Man konnte zuvor schon nicht behaupten, dass Lego-Figuren übermässig realistische Nachbildungen von echten Personen sind. Fortan sind sie aber wenigstens politisch korrekt.
Eine UNO-Konvention zum Schutz von Tieren und Pflanzen vor dem Aussterben schaffte es an Tag 11 in den Kalender. Konventionen: Das sind die Dinger, die Staaten unterschreiben, um ein Zeichen zu setzen und sich danach nicht mehr weiter um die Angelegenheit zu kümmern. Ausgestorben wird weiter, aber die Repräsentanten von 200 Nationen können immerhin mit gutem Gewissen einschlafen.
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Bilder: SRF News / Facebook

Zweifelhaftes Experiment gelobt

«Island schaltet auf die 4-Tage-Woche um», meldete das Adventskalender-Törchen am 12. Dezember. Nur noch 35 Stunden arbeiten bei gleichem Lohn und dennoch keinerlei Einbusse bei der Produktivität: SRF News war in Jubelstimmung. Die NZZ machte sich gleichzeitig die Mühe, das Experiment zu hinterfragen, das dem Beschluss vorausgegangen war. Experten zweifeln dort die Aussagekraft der Ergebnisse an. Weil die Teilnehmer gewusst hatten, um was es geht und dass sie unter Beobachtung stehen, könnten sie sich schlicht in dieser Phase bei der Arbeit mehr Mühe gegeben haben.
Frauen unter 25 Jahren verhüten in Frankreich ab 2022 kostenlos: Das machte am 3. Dezember gute Laune bei SRF News. Die staatliche Krankenversicherung übernimmt die Ausgaben künftig. Wobei kostenlos ein grosses Wort ist: Die Beitragszahler müssen für diese Massnahme 21 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich aufwerfen. Solche Auswirkungen auf den einzelnen Bürger und sein Portemonnaie interessieren SRF News nicht, es ist der gute Wille, der zählt. Eine Rolle spielt es sowieso nicht: Die Krankenversicherung in Frankreich hat allein 2020 ein Defizit von 30 Milliarden Franken erlitten.
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Bilder: SRF News / Facebook

Nachtwächterin, Gratistickets, ABBA

Und was wartet sonst noch so an guten Nachrichten, die die Welt bewegten? Nach über 700 Jahren fasst sich Lausanne endlich ein Herz und setzt eine Frau auf den symbolträchtigen Posten der städtischen Nachtwache. Immer mehr «Velofahrende» (Originalschreibweise) tragen einen Helm. Die EU verschenkt 60'000 Interrail-Tickets an Jugendliche, um sie für die Coronamassnahmen zu «entschädigen». Und ABBA legt nach 40 Jahren ein neues Album auf. Die Welt ist schön!
Dabei hätte es durchaus echte positive Meldungen gegeben im Dezember, wenn man schon heillos subjektiv ist bei der Auswahl. Der rekordschnelle Rücktritt des österreichischen Bundeskanzlers und Coronascharfmachers Alexander Schallenberg: Sehr schön. Die Roaminggebühren in der EU fallen für weitere zehn Jahre weg: Der Konsument freut sich. Der Bundesrat wehrt sich gegen das Tabakwerbeverbot: Endlich mal ein Signal in Richtung Freiheit. Und so mancher wird sich auch die Hände reiben, weil in der Migros bald Alkohol verkauft wird.
Das alles meldete SRF News zwar, hielt es aber nicht für adventskalenderwürdig. Es geht einfach nicht in die gewünschte Richtung, weil es weder der Umwelt nützt noch die Arbeitgeber schädigt oder wenigstens Genderaktivisten befriedigt.
Aber man muss mit wenig zufrieden sein. Gemessen an der Haltung von SRF ist es nur schon erstaunlich, dass es Schlagzeilen wie die Zulassung des Covid-19-Impfstoffs für Kinder oder die Einführung der 2G-Regel bei Eishockeyspielen nicht in den Adventskalender geschafft haben. Oder dass Neuseeland rauchfrei werden will: Das hätte es bei der verbotskulturfreudigen Redaktion von SRF News eindeutig in die Liste schaffen müssen.

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