Ist der «Blick» zum Sprachrohr des BAG geworden?

Ist der «Blick» zum Sprachrohr des BAG geworden?

Die Boulevardzeitung hat alles auf die Impfung ausgerichtet. Nun, da diese Strategie nicht mehr überzeugt, wird gemeinsam mit dem BAG an neuen Alternativen geprobt.

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von Sebastian Briellmann am 12.11.2021, 13:30 Uhr
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Für den «Blick», müsste man eigentlich annehmen, gab es diese Woche nicht unbedingt erfreuliche Nachrichten. Die Verantwortlichen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) verkündeten am Dienstag mit ernsten Mienen: «Die hohe Impfquote reicht nicht, um die Fallzahlen zu senken.»
Das passt nicht ganz zur bisherigen Auslegeordnung der Boulevardzeitung. Seit Monaten bewirbt der «Blick» auf all seinen Kanälen die Unabdingbarkeit der Impfung. Sie ist für das Organ so etwas wie der heilige Gral der Pandemiebekämpfung. In gewissen Momenten beschleicht einen das Gefühl, man lese (oder höre) nicht die Journalisten, sondern Bundesrat Alain Berset persönlich, der via «Blick» seine Predigt hält.

Es geht auch noch knalliger

Der Sound ist wohlvertraut. Und er klingt zum Beispiel so: «Nur die Impfung hilft gegen einen Delta-Herbst.» Oder, klassisch boulevardesk: «Schweizerin (59) durch Impfung von Long Covid geheilt.» Wem das alles nicht knallig genug war, oder wen das noch immer nicht von einer Impfung überzeugte, wurde auch in tieferen Gefilden unterschwellig angesprochen: «Zweite Impfung verbessert Spermienqualität.»
Jede Aussage Bersets – etwa auch jene zweifelhafte, dass pro 150 Impfungen eine Hospitalisation verhindert werden könne – wurde ebenso dankend und unkritisch übernommen: «Jede Impfung zählt.»
Und nun soll das alles nicht gut genug sein?
Gemach, gemach. Das BAG empfiehlt natürlich, ganz zur Freude des «Blicks», weiterhin mit voller Inbrunst die Impfung. Sie meinen es auch ernst, wenn sie sagen: Doch, doch, mit der Impfwoche sei man sehr zufrieden. Wirklich? Der «Blick» widerspricht nicht.

2G «nicht ausgeschlossen»

Weil wahrscheinlich nicht sein kann, was nicht sein darf, die Impfung also unbestritten hilft, aber eben nicht genug, um alle Fälle zu verhindern – und weil es dennoch an der Akzeptanz fehlt, dies zu akzeptieren, wird nun eine Taktik angewandt, die verdächtig anmutet: Man spricht so lange von 2G und dass das in der Schweiz kein Thema sein kann, darf, soll – bis irgendwann (und selbstverständlich wiederum mit ernster Miene) bekanntgegeben wird: Leider geht es nicht anders. Der «Blick» schreibt schon heute gerne mit, dass 2G beim BAG dann doch «nicht ganz ausgeschlossen» werden kann. Man glaubt zumindest zu spüren, wohin das führt. Wir haben uns in dieser Pandemie längst daran gewöhnt, dass nie nichts ausgeschlossen werden kann.
Wenn man weiss, dass praktisch alle Vorhaben aus Bersets Departement an den «Blick» weitergegeben werden, überrascht das nicht. Es ist ein kluges Spiel: Das Massenmedium hat «exklusive» Infos und bringt diese an ein grosses Publikum. Dieses wird so sanft vorbereitet auf die Entscheide, die ein paar Tage später Realität werden. Dann hält sich auch das Frustpotenzial in Grenzen. Man kann deshalb schon verstehen, warum die «Weltwoche» auch schon von der «früheren Zeitung ‹Blick›» geschrieben hat.
Berset, BAG, «Blick»: Triple B, kein exzellentes Rating. Da ist einem 3G fast noch lieber.

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