European Super League: Die EURO der Heuchler findet gerade statt!

European Super League: Die EURO der Heuchler findet gerade statt!

Es ist schon erstaunlich, wie schnell heutzutage eine mediale Riesenaufregung entsteht. Obwohl, eigentlich ist es eben gerade nicht erstaunlich, jedenfalls dann nicht, wenn es den Fussball betrifft

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von Alex Miescher am 26.4.2021, 06:00 Uhr
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Denn der lebt per definitionem von Unverhältnismässigkeiten: Sei es, was Salär-Exzesse betrifft, absurdes, menschliches Herdenverhalten (Stichwort: Fangewalt), oder, im aktuellen Fall, beim Gezeter über die angeblich kurz vor der Lancierung stehende European Super League!
Da spinnen doch 12 europäische Topklubs (die spinnen, sic!) den Faden der Ökonomie weiter, den ihnen diese Sportart, die Verbände, Vereine, die Agenten, Fans, TV-Stationen, Medienschaffende usw. seit Jahrzehnten vorgewoben haben: Mehr ist mehr. Und wer schreit darob auf und kriegt sich nicht mehr ein? Die selben Akteure! Da verliert sogar die NZZ komplett die Contenance, fleht «Die Superliga darf keine Zukunft haben!» und konzediert anderntags, immer noch völlig aus dem Häuschen: «Der Fussball zerstört sich selbst» was nicht viel schlauer ist, als wenn Fankurven behaupten, dass Fussball ohne Fans nicht stattfinden könne… Wer den Dampfabzug der Hysterie nur kurz einschaltet, weiss doch zweierlei: Erstens muss man mit Ankündigungen gerade in diesem Sport immer vorsichtig umgehen, was bereits dadurch belegt wird, dass dem Projekt nur zwei Tage nach der Lancierung mit grösstem Bohei schon heute die Luft auszugehen scheint. Zweitens gilt es, ökonomische Realitäten zu beachten:
Die UEFA und somit der europäische Berufs-Fussball leben massgeblich von der Champions League und den dort verkauften, medialen Rechten. Dabei geht es natürlich nicht um vorsaisonale Qualifikationsspiele, wie bspw. FC Qarabag gegen Molde FK (wer erinnert sich nicht? 16.9.2020, ein dramatischer Sieg im Elfmeterschiessen brachte die Norweger eine Runde weiter!), nein, es geht vor allem um die Phase ab den Viertelfinals, da fliesst der grosse Reibach. Was ist nun falsch daran, dass jene, die regelmässig dort dabei sind und somit den ganzen Zirkus finanzieren, dass die sich überlegen, ob es an diesem Modell aus ihrer Sicht Optimierungen geben könnte?
Dahinter ein gerüttelt Mass Raffgier zu vermuten und diese anzuprangern, ist völlig legitim – nicht aber, wenn es jene tun, die in irgendeiner Form vom bisherigen, wahnwitzigen Wachstum profitiert haben und nun befürchten, dass ihnen die Felle davon schwimmen. Die Kritik und die Aufforderung zur Verhaltensänderung müsste, wenn schon, an uns alle gehen und nicht nur an Andrea Agnelli und Konsorten: Nicht warten, bis Real-Arsenal zum 12. Mal am TV kommt, nicht dem Göttibuben zum 4. Geburtstag ein original Messi-Leibchen kaufen. Ein Fussballspiel nicht bloss als nette Staffage für einen Aufenthalt in der VIP-Lounge sehen, nicht als Agent das 17-jährige Talent unbedingt bei Juventus auf die Ersatzbank bringen, statt ihm bei Empoli als Stammkraft Spielerfahrung zu gönnen. Wenn sich die Öffentlichkeit, Medien, Trainer, Zuschauerinnen, Eltern wieder für lokale Derbies interessieren, Mädchen zum Fussball schicken und ihnen sogar dabei zujubeln, Berichte über einen Behindertenfussballer schreiben oder lesen UND sich auf ein Halbfinale in der Champions-League zwischen Barcelona und Milan freuen, dann wird, getreu Adam Smith’s unsichtbarer Hand der Ökonomie, alles gut. Ganz ohne Boykottdrohungen, Abgesängen und was der Irrationalitäten mehr in den letzten Tagen aufgetaucht sind. Alles andere ist: Pure Heuchelei.
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