ETH-Rat foutiert sich um wissenschaftlichen Konsens

ETH-Rat foutiert sich um wissenschaftlichen Konsens

Die Wissenschaft ist sich einig: Gentech-Food ist ungefährlich für den Menschen. Dennoch ist der ETH-Rat für die Verlängerung des Gentech-Moratoriums. Während sich die ETH sonst immer an der Meinung der Wissenschaft orientiert, gilt das nun offenbar nicht mehr.

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von Alex Reichmuth am 12.7.2021, 07:00 Uhr
Die Haltung der Wissenschaft spielt keine Rolle mehr - ETH Zürich. Bild: Mediathek VBS
Die Haltung der Wissenschaft spielt keine Rolle mehr - ETH Zürich. Bild: Mediathek VBS
Der Bundesrat will, dass das Gentech-Moratorium für den Anbau gentechnisch veränderter Organismen in der Schweiz bis 2025 verlängert wird. Das hat er dem Parlament vor einigen Tagen beantragt. Vor 16 Jahren hat das Volk an der Urne einem fünfjährigen Moratorium zugestimmt. Es wurde seither von der Regierung und dem Parlament schon dreimal verlängert (Lesen Sie die Recherche hier).
Zur Frage, ob das Gentech-Moratorium vier weitere Jahre gelten soll, hat der Bundesrat im letzten Winter eine Vernehmlassung durchgeführt. Der ETH-Rat, das strategische Führungsorgan des ETH-Bereichs, hat sich dabei für eine Verlängerung des Moratoriums ausgesprochen.

Nationales Forschungsprogramm mit klarem Resultat

Das ist gelinde gesagt erstaunlich. Denn das Moratorium ist primär durch die Angst begründet, dass gentechnisch veränderte Nahrung der Gesundheit schadet. Allerdings konnten solche Gefahren von der Wissenschaft noch nie bestätigt werden.
2012 kam das Nationale Forschungsprogramm (NFP) 59, das der Bund für 12 Millionen Franken gestartet hatte, um die Risiken von Gentech-Food zu erforschen, zu einem klaren Resultat: Gentechnisch veränderte Pflanzen können ohne Schaden für Mensch, Umwelt und die konventionelle Landwirtschaft angebaut werden. Auch die ETH Zürich war am NFP 59 beteiligt.

Die Forscher des Nationalen Forschungsprogramms 59, darunter auch welche der ETH, hatten über tausend Studien zu den Risiken von Gentech-Pflanzen ausgewertet und auch eigene Experimente durchgeführt.


«Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich das herrschende Gentech-Verbot nicht aufrechterhalten», sagte Programmleiter Dirk Dobbelaere. Die Forscher des NFP 59, darunter auch welche der ETH, hatten über tausend Studien zu den Risiken von Gentech-Pflanzen ausgewertet und auch eigene Experimente durchgeführt. Dennoch gilt das Moratorium bis heute.

«Keine begründeten Belege»

2016 kamen die renommierten National Academies of Science, Engineering and Medicine der USA zum gleichen Schluss wie das NFP 59. Das Gremium hatte die gesamte wissenschaftliche Literatur zu den Gefahren der grünen Gentechnik ausgewertet. Es handelte sich um die bis dahin wohl umfassendste Erhebung zu diesem Thema. Sie hätten «keine begründeten Belege dafür gefunden, dass Nahrung, die von Gentech-Pflanzen kommt, weniger sicher ist als Nahrung, die nicht von Gentech-Pflanzen kommt», schrieben die Forscher in ihrem Abschlussbericht.
Es ist also klar: Von Gentech-Nahrung gehen keine Risiken für den Menschen aus. Die wissenschaftliche Debatte ist vorüber. Trotzdem will der ETH-Rat am Moratorium festhalten.

«Die Verlängerung des Moratoriums ermöglicht es, die neuen gentechnischen Verfahren und ihre Auswirkungen noch besser einzuschätzen und insbesondere die gesellschaftliche Diskussion dazu zu fördern.»

ETH-Rat in der Vernehmlassung des Bundes

Seinen Standpunkt begründete er in der Vernehmlassungs-Antwort ziemlich schwammig. Es sei zwar «aus rein wissenschaftlicher Sicht zu den neuen gentechnischen Verfahren vieles bereits bekannt», schrieb der Rat. «Die Verlängerung des Moratoriums ermöglicht es aber, die neuen gentechnischen Verfahren und ihre Auswirkungen noch besser einzuschätzen und insbesondere die gesellschaftliche Diskussion dazu zu fördern.» Mit «neuen Verfahren» ist die sogenannte Genom-Editierung gemeint, von der laut Wissenschaftlern erst recht keine Gefahren ausgeht.

Gentech-Forschung weitgehend vertrieben

Der ETH-Rat schrieb weiter, «dass die Verlängerung des Moratoriums unbedingt genutzt werden muss, um zukunftstaugliche Lösungen zu finden, die den Forschungs- und Innovationsstandort Schweiz nicht beeinträchtigen, insbesondere im Hinblick auf regulative Entwicklungen im Ausland.» Dieser letzte Satz wirkt fast zynisch, hat doch das Gentech-Verbot in der Schweiz und im europäischen Ausland die Forschung zu Gentechnik bereits weitgehend vertrieben.
Schwer verständlich ist der Standpunkt des ETH-Rats vor allem, weil sich die ETH ansonsten immer am wissenschaftlichen Konsens orientiert. Das ist namentlich in der Klimaforschung der Fall. Dort gilt es als wissenschaftlicher Fakt, dass der Klimawandel überwiegend menschgemacht ist und nur eine rasche Reduktion des CO2-Auststoss eine weitere Erwärmung abwenden kann.

Reto Knutti unterzeichnete einen Appell

«Wir wissen inzwischen, dass die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beobachtete Erwärmung grösstenteils durch den Menschen verursacht wird», schrieb etwa ETH-Systembiologe Andreas Fischlin im «Klimablog» der ETH. Und der renommierte ETH-Klimaforscher Reto Knutti unterzeichnete vor der Abstimmung über das CO2-Gesetz einen Appell von Wissenschaftlern für das Gesetz. Die Fakten in der Klimaforschung seien eindeutig, hiess es im Appell.

«Ist es nicht ein Widerspruch, dass der ETH-Rat in Sachen Gefahren der Gentechnik dem wissenschaftlichen Konsens nicht folgt?», wollte der «Nebelspalter» vom ETH-Rat wissen.


Der «Nebelspalter» wollte vom ETH-Rat wissen, warum die ETH offensichtlich mit zwei Ellen misst. «Ist es nicht ein Widerspruch, dass der ETH-Rat in Sachen Gefahren der Gentechnik dem wissenschaftlichen Konsens nicht folgt?», lautete die Frage. Der Rat wiederholte nochmals sein Statement, das er schon in der Vernehmlassung gemacht hatte – und liess die Frage offen. Anscheinend hat er keine Antwort gefunden.

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