Es ist Zeit für die vierte Entschuldigungswelle

Es ist Zeit für die vierte Entschuldigungswelle

Zum Jahresende wird es höchste Zeit für die Mächtigen dieser Welt, sich bei ihren Untertanen zu entschuldigen.

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von Hans Abplanalp am 15.12.2021, 08:00 Uhr
Ramses Morales Izquierdo
Ramses Morales Izquierdo
Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbàn entschuldigte sich bei allen Frauen seines Landes, welche nicht mindestens vier Kinder gebären können wie seine Gattin. Er befahl ihnen, ihren Schlappschwänzen von Männern mitzuteilen, sie sollten sich ihn zum Vorbild nehmen – nur im Bett.
Der russische Präsident Wladimir Putin entschuldigte sich bei den Systemkritischen seines Landes, dass er Alexei Nawalny in ein Straflager ­habe stecken müssen. Dieser sei selber schuld, freiwillig nach Russland zurückgekehrt zu sein.
Der türkische Prä­sident Recep Tayyip Erdogan entschuldigte sich bei den türkischen Männern, dass die Tür­kei erst jetzt aus der Konvention von 2011 zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ausgestiegen sei. Es sei ihm leider nicht früher in den Sinn gekommen, von diesem internationalen Gesetz zurückzutreten, welches jeden Türken in höchstem Grade beleidige.
Chinas Staatspräsident Xi Jinping entschuldigte sich bei den Uiguren, dass er ihre Sprache nicht verstehe und dass in ihrem Wortschatz der harmlose Begriff «Umerziehungslager» leider nicht vorkomme.
Der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko entschuldigte sich bei den syrischen und irakischen Flüchtlingen, dass er sie einfliegen lasse und nach Polen weiterschleuse. Europa habe nichts Besseres verdient.
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro entschuldigte sich bei den 600 000 Toten, welche in seinem Land vielleicht an Covid-19 gestorben seien. Leider habe ihn diese Nachricht viel zu spät erreicht, da er bekanntlich immun sei gegen jegliches Virus.
Der syrische Präsident Baschar al-Assad entschuldigte sich nachträglich bei seiner Bevölkerung, dass er ihr Land in Schutt und Asche gelegt habe. Einen Tag später korrigierte er seine Entschuldigung: Syrien sei nicht ihr Land, sondern sein Land, weshalb er sich nur bei sich selber zu entschuldigen habe.
Ex-Präsident Donald Trump entschuldigte sich bei seinen immer noch zahlreichen Anhängerinnen und Anhängern, dass er nie gelogen habe und ihm nur deshalb vor einem Jahr die Wahl gestohlen worden sei.
Diese vierte Entschuldigungswelle bewies einmal mehr, wie einfühlsam Politiker dieser Welt sind. Männer, die geradestehen für ihre Fehler.
Angela Merkel bestätigt nur die Ausnahme dieser Regel. Denn die entlassene Bundeskanzlerin entschuldigte sich bei der Bevölkerung für einen eigenen Fehler in der Pandemiebekämpfung. Für ihre männlichen Kollegen in der deutschen Politik steht übrigens das Verb «sich entschuldigen» nur im Fremdwörter-Duden.
Und noch ein anderer Fall: Papst Franziskus entschuldigte sich bei allen konservativen Bischöfen und Kardinälen, dass er nach einer Darmoperation noch am Leben sei. Es werde nie wieder geschehen.

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