Es ist woke, gegen Rassismus und Kulturaneignung zu sein

Es ist woke, gegen Rassismus und Kulturaneignung zu sein

Um sich besser als andere zu fühlen, verhalten sich viele Menschen ziemlich eigenartig. Irgendwann wird auch die Polizei ihre Schlüsse daraus ziehen.

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von Markus Melzl am 27.5.2021, 09:00 Uhr
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Den Ausdruck Rassismus verstehen wir so ziemlich alle, bei der Kulturaneignung und der Woke-Bewegung ist es schon etwas komplizierter. Hier der Versuch einer bodenständigen Begriffserklärung. Woke sein ist in etwa das Verhalten der Schneeflöckchen-Generation, welche vollends aus dem Häuschen gerät, wenn nur schon ein Hauch von Ungerechtigkeit gegenüber Minderheiten erahnt wird. Unter solchen Gesichtspunkten ist es bereits brutalster Rassismus, wenn eine Asiaten gefragt wird, ob sie einen Tipp für ein China-Restaurant hätte.
Der urchige Innerschweizer in Luzern darf aber unverhohlen nach dem gemütlichsten Fonduestübli gefragt werden, was ihn natürlich auf keinen Fall stören darf. Tut es natürlich auch nicht, zumal ihm fremd ist, was Rassismus und Kulturaneignung in diesem Kontext bedeutet und beim Ausdruck Woke versteht er eh nur Bahnhof. Oder jene deutsche Politikerin der Grünen, welche als Kind gerne Indianerhäuptling gewesen wäre, um sich dann umgehend zu entschuldigen, weil dies eine bitterböse Kulturaneignung war. Ob sie wirklich davon geträumt hat, als Native American (vulgo Rothaut) durch die Prärie zu reiten, ist in deren Welt nicht von Belang.
Offenbar dürfen nur noch Indianer Federn tragen, nur ein Inuit an der Lebertranflasche nuckeln und mit Blick auf die somalischen Piraten am Horn von Afrika darf kein Knabe mehr den Wunsch äussern, im späteren Berufsleben ein Pirat zu sein. Ob ein japanischer Berufsmusiker überhaupt noch Bach oder Beethoven spielen darf, muss bald hinterfragt werden. Oder doch nicht, weil unsere westeuropäische Kultur für die Woke-Generation sowieso wertlos ist. Etwas Spezielles auch aus Basel. Anstatt der Bevölkerung Waldspaziergänge zu empfehlen, wurden für ein Kunstwerk (!) wohl mehrere Bäume umgehackt und daraus eine Holzarena gezimmert, wo die Woke-Generation sitzend einen lebenden Baum bestaunen kann; echt krass. Und bei unserem nördlichen Nachbarn wollte man in Anbetracht der geschundenen Ausländerseele ein "deutscher Liederabend“ mit dem Sänger Heino verbieten, weil Deutsch in Deutschland nun mal gar nicht geht.

Und wie ist es mit den Männern?

Im australischen Warrnambool verlangte eine Schulrektorin von ihren männlichen Schülern, dass diese sich im Namen des männlichen Geschlechts für Übergriffe auf Frauen zu entschuldigen hätten. Glücklicherweise waren die Eltern dieser Jungs nicht so woke und haben gehörig für Zoff gesorgt, worauf sich die Rektorin ihrerseits entschuldigen musste. Nach dem Urteil gegen den weissen Ex-Polizisten Derek Chauvin in Minneapolis, welcher für die Tötung des Schwarzen Georg Floyd schuldig gesprochen wurde, werden etliche US-amerikanische Polizisten ihre Vorgehensweise neu ausloten in Anbetracht der allgegenwärtigen Rassismusvorwürfe. Soll ein weisser Cop in Gebieten mit einem überwiegenden Bevölkerungsanteil von People of color überhaupt noch einen Afroamerikaner festnehmen oder das Delinquieren eines Lations nicht lieber „übersehen“?
Solche Fragen werden sich stellen und diese haben einen direkten Einfluss auf unsere Sicherheit. Zumindest kann man sich nach einem romantischen Nachtspaziergang durch eine No-go-Area beim Verarzten seiner Blessuren und erleichtert von allen Wertsachen rühmen, mega woke zu sein.
Markus Melzl, ehemaliger Kriminalkommissar und Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt

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