Erdogan beleidigt von der Leyen – und die EU lächelt alles weg. Vom Niedergang einer Weltmacht

Erdogan beleidigt von der Leyen – und die EU lächelt alles weg. Vom Niedergang einer Weltmacht

Wer in der Politik ernst genommen werden will, muss ab und zu so tun, als wäre er gefährlich. Die EU kann das nicht

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von Markus Somm am 8.4.2021, 13:43 Uhr
Sesseltanz in Ankara. Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin, findet keinen Stuhl, weil es für sie keinen gibt. Sie muss aufs Sofa. Quelle: Reuters
Sesseltanz in Ankara. Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin, findet keinen Stuhl, weil es für sie keinen gibt. Sie muss aufs Sofa. Quelle: Reuters
Man schritt gemessen in den prächtigen Saal des Präsidentenpalastes in Ankara: Ursula von der Leyen, Kommissionspräsidentin der EU und Charles Michel, der EU-Ratspräsident – also die formell Höchsten der Europäischen Union – und vorneweg natürlich Recep Tayyip Erdogan, der türkische Präsident, der Gastgeber, ein autokratischer, verkappter Islamist, dessen Knigge-Bildung sicher als unterdurchschnittlich anzusehen ist. An der Spitze des Saals standen zwei Sessel bereit, auf der Seite zwei Sofas, und ohne zu Zögern, sondern jovial wies Erdogan Michel den Stuhl zu seiner Rechten zu, den Ehrenplatz, während von der Leyen mitten im Raum stehen blieb, wie bestellt, aber nicht abgeholt. Für sie gab es keinen Sessel. «Ähm», rutschte es ihr heraus, dann schickte sie sich aber in ihr Schicksal und nahm auf dem viel zu langen Sofa Platz, wo sie, die zierliche Frau, noch kleiner und verlorener wirkte, als dies sonst schon der Fall war.

Der Rüpel von Kleinasien

Es war ein diplomatischer Affront sondergleichen, was sich am vergangenen Dienstag in Ankara zutrug. Gewiss, niemand ist überrascht. Erdogan gilt als ausgewiesener Rüpel, aber er ist eben auch ein muslimischer Mann, der sich offensichtlich schwer damit tut, Frauen als gleichgestellte Wesen anzuerkennen. Das liess sich auf dem Youtube-Video, das die Ereignisse aufzeichnete und danach viral ging, gut beobachten: Bereits bei der Begrüssung vor dem Palast benahm sich Erdogan unhöflich: Während er Michel, den Belgier, zutraulich auf die Schulter klopfte, als hätten die beiden das eine oder andere Abenteuer miteinander erlebt – einen Absturz in Brüssel, ein fröhliches Treiben in Istanbul – umfuhr er die Deutsche grossräumig. Zwar verneigte er sich gnädig, aber es schien doch sonderbar. Man spürte eine Mischung von Verachtung und Verklemmtheit. Ein Mann, halb Flegel, halb Feigling.


Was hätte Ursula von der Leyen tun sollen? Immerhin vertrat sie die Europäische Union, 450 Millionen Einwohner, wogegen Erdogan bloss über 82 Millionen Untertanen herrscht, ebenso kam sie nicht als Bittstellerin, sondern im Gegenteil, die Türkei steht vor einem wirtschaftlichen Fiasko und ist dringend auf Hilfe aus der EU angewiesen. Susanne Zumbühl, Lebensstilberaterin mit einer eigenen Firma namens Autentica in Meilen, findet, von der Leyen habe das «souverän gelöst». Angesichts der Tatsache, dass es sich um einen wichtigen Besuch handelte, den man nicht so mir nichts dir nichts beenden konnte, mag das stimmen. Darüber hinaus ist Zumbühl überzeugt, dass von der Leyen dieses Moment der Angst: wo ist nur mein Stuhl? gut «überspielte»: Indem sie herumschaute und «Ähm» räusperte, habe sie Erdogan ausreichend auf seinen Fauxpas hingewiesen.
Wirklich? Stellen wir uns vor, Donald Trump, der ehemalige Präsident der USA, wäre in diesen Saal getreten, und Erdogan hätte sich dieses Spässchen erlaubt. Was wäre geschehen? Die Frage stellen, heisst sie beantworten. Trump wäre schnurstracks umgekehrt und abgereist. Zwischen Washington und Ankara wäre die Eiszeit ausgebrochen, bis Erdogan schluchzend wie ein Kind um Verzeihung gebeten hätte, die ihm noch einige Zeit nicht gewährt worden wäre. Er hätte auf den Knien von Ankara nach Washington rutschen müssen, wäre das möglich gewesen. Und selbstverständlich hätte Trump das verlangt.
Wenn wir allerdings etwas wissen, bei allen legitimen Vorbehalten gegen die unsäglichen Manieren von Trump, dann dies: Nie und nimmer hätte sich Erdogan bei Trump, dem unberechenbaren Grobian, das herausgenommen, nicht bloss weil Trump männlich ist, sondern weil er einen Gorilla der obersten Hubraumklasse darstellt. Erdogan fürchtete Trump. Aber von der Leyen? Heiterkeit bei Erdogan. Und das hat Konsequenzen.

Politik des Dschungels

Wir bleiben Primaten – auch wenn uns die sensiblen Diplomaten dauernd eines andern belehren möchten. Ebenso gibt es böse, machtverliebte, gefährliche Herrscher wie etwa Erdogan, wo gutes Zureden nichts hilft. Wer meint, Ursula von der Leyen habe Erdogan Eindruck gemacht, täuscht sich. Er hat sein Ziel erreicht. Von der Leyen wurde vor der ganzen Weltöffentlichkeit als Leichtgewicht vorgeführt, als Fräulein Harmlos, die sich aufs Sofa setzt, bereit zum Diktat, den Bleistift gespitzt, die Ohren ebenso, um zu hören, was die beiden Herren ihr auftragen. Dieses Bild wird sie so rasch nicht mehr los.
Gemäss Knigge, so erklärt mir Susanne Zumbühl, stand die Frau früher sozial über dem Mann, was sich in verschiedenen Ritualen äusserte, wie sie auch zwischen Männern unterschiedlichen Ranges galten: Die Frau bot dem Mann das Du an – nicht umgekehrt, geradeso wie der Adlige dem Bürgerlichen das Du gewährte. Wer als Handwerker einen Grafen etwa auf der Strasse begleitete, ging links von ihm, genauso wie von einem Mann erwartet wurde, dass er stets die linke Seite wählte, wenn er mit einer Frau auf dem Trottoir spazierte. Mit anderen Worten, auch gemäss Knigge, der in der Türkei zugegebenermassen weniger bekannt ist, wurde von der Leyen spektakulär beleidigt. Allein als Frau hätte sie sich das nie bieten lassen dürfen.
Oft hören wir aus Brüssel, wie nötig die EU sei, um Europas Stellung in der Welt zu behaupten. Nur ein geeintes Europa sei in der Lage, zwischen den Supermächten China und Amerika zu bestehen. Die weltpolitischen Ambitionen der EU sind enorm, und selbst in der Schweiz gibt es manche, die das ernst nehmen, ja begrüssen. Nur so, glauben auch sie, habe Europa eine politische Zukunft.
In der realen Welt ist die EU indessen noch weit davon entfernt, auch nur annähernd etwas wie eine Weltmacht darzustellen, weder eine weiche noch eine harte. Dänemark erhält mehr Respekt.
Und wenn es ein Bild gibt, das aufzeigt, wie die EU ausserhalb Brüssels weltpolitisch wahrgenommen wird, dann wird es dieses Bild aus Ankara bleiben. Es tut jedem feinen Menschen weh: Ursula von der Leyen, die zierliche Frau, die es doch immer gut meint und nie einen Fehler macht, auch nie zu spät kommt und nie zu laut redet – verliert beim Sesseltanz. Was haben die Türken gelacht.

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