Energieumfrage für Dummies

Energieumfrage für Dummies

Die Schweizerische Energiestiftung fragt, ob die Leute den Strombedarf künftig mit erneuerbaren Energien decken wollen. Und – oh Wunder – fast alle sagen Ja.

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von Alex Reichmuth am 13.4.2021, 13:00 Uhr
Quelle: Shutterstock
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«Schweizer Bevölkerung steht klar hinter Energiewende», titelte der Blick; «Schweizer sind für die Energiewende», war in anderen Zeitungen zu lesen. Vor vier Jahren haben 58 Prozent des Stimmvolks dem Energiegesetz zugestimmt, das im Wesentlichen den Ersatz der Kernenergie durch Alternativstrom vorsieht. Und nun das: Offenbar steht die Bevölkerung mittlerweile sogar fast zu hundert Prozent hinter der Energiestrategie des Bundes.
In einer repräsentativen Umfrage mit 1012 Teilnehmern, beauftragt von der Schweizerischen Energiestiftung (SES), sagten 96 Prozent der Befragten, dass sie künftig Strom aus erneuerbaren Quellen wollen. Immerhin 89,5 Prozent wünschen, dass der Strom aus einheimischen Quellen kommt. Und 93 Prozent sind der Meinung, der Strom solle unter Berücksichtigung des Naturschutzes produziert werden. Die Resultate fanden vor einigen Tagen Widerhall in fast allen Medien.
Kann da noch jemand am riesigen Rückhalt der Energiestrategie im Volk zweifeln? «Die Schweizer Bevölkerung drängt auf die Energiewende», schrieb die SES. Politikerinnen und Politiker sollten dieses «Signal» aus der Bevölkerung ernst nehmen.

Ferien auf den Malediven

Angenommen, der Reiseverband fragt 1012 Schweizerinnen und Schweizer, ob die Befragten gerne Badeferien auf den Malediven hätten. Wie gross wäre die Zustimmung? Wohl auch gegen hundert Prozent. Wer möchte da schon Nein sagen!
Ähnlich ist es mit der Umfrage der SES: Wer möchte schon der Aussage «Der Strom soll aus erneuerbaren Quellen kommen» widersprechen. Wer möchte schon etwas dagegen haben, dass Strom aus einheimischen Quellen kommt. Und wer möchte sich nicht dem Wunsch anschliessen, dass der Strom unter Berücksichtigung des Naturschutzes produziert wird. So gesehen ist es eher erstaunlich, dass nicht hundert Prozent der Befragten einem solchen Wunschprogramm zugestimmt haben.
Entscheidend wäre aber vielmehr, zu wissen, ob die Befragten auch bereit sind, die Kosten für den einheimischen, erneuerbaren, naturnahen Strom zu tragen. Genauso wie der Preis für die Malediven-Ferien zentral wäre.
Doch halt, man kann ja einwenden, dass die Energiestiftung in ihrer Umfrage genau danach gefragt hat, ob die Befragten mehr zu bezahlen bereit wären, um den Ausbau einheimischer erneuerbaren Stromproduktion zu beschleunigen. 78 Prozent stimmten zu. Und im Schnitt (Medianwert) waren die Befragten bereit, 95 Franken pro Jahr mehr zu bezahlen.

95 Franken reichen nie

95 Franken? Man stelle sich vor, die Befragten in der Malediven-Umfrage würden antworten, sie wären bereit, für ihre Ferien 95 Franken zu bezahlen. Man müsste lachen. Das reicht nie.
So ist es auch bei den 95 Franken für die Energiewende. Wenn die Energieversorgung ganz auf einheimischen, erneuerbaren Strom umgestellt werden soll, kann dieser Strom fast nur von inländischen Wind- und Solarkraftwerken kommen. Denn Atom- und Gaskraftwerke wären verboten, da nicht erneuerbar. Auch Stromimporte wären unzulässig, da nicht einheimisch. Doch die Gestehungskosten von Wind- und Solarstrom sind hoch, noch immer. Und weil dieser Strom unzuverlässig anfällt, müsste man ihn irgendwie speichern können. Falls Speicherung technisch überhaupt möglich wäre, dann nur zu horrenden Kosten. Mit anderen Worten: 95 Franken pro Jahr für die gewünschte Energiewende sind geradezu lächerlich wenig. Und wie wichtig der Bevölkerung die Versorgungssicherheit ist, danach hat die SES nicht gefragt.
Im Grund zeigt die Umfrage der Energiestiftung zwei Dinge: Erstens hat die Bevölkerung, wenig erstaunlich, nichts dagegen, erneuerbaren einheimischen Strom angeboten zu bekommen. Zweitens hat sie geradezu naive Vorstellungen, zu welchem Preis dieses Angebot zu haben wäre.

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