Energiekrise: Grossbritannien bezahlt den Preis für seinen Klimakurs

Energiekrise: Grossbritannien bezahlt den Preis für seinen Klimakurs

Kaum ein Land ist von der Gas- und Stromkrise so stark betroffen wie die britische Insel. Die Probleme der Gastgeber der diesjährigen Klimakonferenz sind massgeblich selbstverschuldet und auf eine verfehlte Klimapolitik zurückzuführen.

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von Alex Reichmuth am 8.11.2021, 05:00 Uhr
Gibt sich gerne als Vorkämpfer für den Klimaschutz: der britische Premier Boris Johnson an der Klimakonferenz in Glasgow. Bild: Keystone
Gibt sich gerne als Vorkämpfer für den Klimaschutz: der britische Premier Boris Johnson an der Klimakonferenz in Glasgow. Bild: Keystone
Grossbritannien im Jahr 2019. Die Regierung stoppte damals die Gewinnung von Öl- und Gas durch sogenanntes Fracking und verhängte ein Moratorium. Anlass für das Verbot waren Erdbeben, die ausgelöst wurden, weil das gas- und ölhaltige Schiefergestein beim Fracking mit hohem Druck aufgebrochen wird. Solange «keine neuen, überzeugenden Beweise» für die Unbedenklichkeit dieser Technologie da seien, werde es keine neuen Projekte mehr geben, verkündete die Regierung.
Hinter dem Verbot stand mehr als nur die Angst vor Erdbeben. Die britischen Umweltschützer bejubelten den Entscheid. «Dieser Sieg ist einer der grössten, den die Klimabewegung je gesehen hat», liess die Klimaschutzorganisation «350.org» verlauten. Die oppositionelle Labour-Partei forderte, Fracking dauerhaft zu verbieten. Noch 2016 hatte die Regierung geplant, dass 2020 an insgesamt 20 Orten Gas mittels der Fracking-Technik gefördert wird. Damit sollte Grossbritannien seine Abhängigkeit von Erdgasimporten verringern.
Konkret gestoppt wurde 2019 die einzige laufende Fracking-Bohrung Preston New Road. Das dortige Gasvorkommen umfasst gemäss dem British Geological Survey bis zu 90 Billionen Kubikmeter und könnte den Gasbedarf der Landes für sage und schreibe tausend Jahre decken.

Gas um 250 Prozent teurer

Grossbritannien im Jahr 2021. Das Land ist Gastgeber der grossen Uno-Klimakonferenz in Glasgow und gibt sich als Vorreiter in Sachen Klimapolitik. Gleichzeitig ächzt die britische Insel unter den immer höher steigenden Gaspreisen. Im September lagen die Grosshandelspreise um satte 250 Prozent höher als zum Jahresanfang. Allein seit August betrug die Preissteigerung 70 Prozent. Auch Strom ist teurer geworden.

Über vierzig Prozent des Stroms in Grossbritannien wird mit Erdgas erzeugt. Für private Heizungen ist Gas die Norm.


Wie auch sonst in Europa sind die britischen Gasspeicher nach einem langen, harten Winter leer. Russland liefert nicht soviel Gas wie erhofft. Die sprunghaft gestiegene Nachfrage in Asien nach dem Ende des Lockdowns sorgt für zusätzliche Knappheit.
Grossbritannien ist von der Gaskrise besonders betroffen. Über vierzig Prozent des Stroms wird hier mit Erdgas erzeugt. Für private Heizungen ist Gas die Norm. Viele Bewohner des Landes fürchten, im nächsten Winter frieren zu müssen. Auch die Lebensmittelindustrie hat Probleme. Denn wegen der hohen Gaspreise haben mehrere Hersteller von Dünger die Produktion eingestellt.

Rückgang der Gasförderung um 60 Prozent

Premierminister Boris Johnson setzt auf Durchhalteparolen. Die Störungen seien nur vorübergehend, beschwichtigte er im September. «Die Marktkräfte werden das sehr schnell ausgleichen, und wir werden alles tun, um zu helfen.» Nur glaubt ihm kaum einer. Es scheint sich jetzt zu rächen, dass Grossbritannien die Gasförderung vernachlässigt und das Fracking verboten hat.
Diese Gasförderung ist in den letzten 20 Jahren um nicht weniger als 60 Prozent zurückgegangen (siehe Grafik). Und es geht weiter in diesem Stil: 2005 wurde das Gasfeld Jackdaw in der Nordsee entdeckt. Ab 2024 wollte der Energiekonzern Shell dort Gas fördern. Doch im Oktober haben die britischen Behörden die Ausbeutung des Gasfelds verboten – aus Umweltschutzgründen.

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Gasproduktion in Grossbritannien. Quelle: DUKES 2021

Bereits zehn Energielieferanten konkurs

Derweil zieht die Energiekrise in Grossbritannien immer weitere Kreise. Im Oktober zählte das Land bereits zehn Gas- und Stromlieferanten, die Konkurs anmelden mussten. Die Versorger machen Verluste, weil sie sich auf dem Markt zu extrem hohen Preisen eindecken müssen, aber diese Kosten nicht an die Verbraucher weitergeben können. Ein Preisdeckel, der von der Regierung verhängt worden ist, verhindert das.
Gleichzeitig will die Regierung keine Unternehmen retten, wie sie klargemacht hat. Schon wird befürchtet, dass bis Ende Jahr von den total 70 Energieversorgern nur noch zehn übrig sein könnten.

Kaum mehr Gasspeicher

Verschärft wird die Energiekrise dadurch, dass Grossbritannien kaum über Gasspeicher verfügt. 2017 beschloss die Regierung, eine wichtige Lagerstätte in der Nordsee aufzugeben. Schon damals gab es Warnungen vor Versorgungsengpässen.

2024 will Boris Johnson die letzten Kohlekraftwerke abschalten. Die Folge ist, dass das Land noch mehr auf Gasstrom angewiesen ist.


Die forcierte Klimapolitik hat die Energiekrise mitverursacht – nicht nur wegen der gestoppten Öl- und Gasförderung: Grossbritannien hat sich in den letzten Jahren weitgehend aus der Produktion von Kohlestrom zurückgezogen. Wegen den hohen Preisen für Emissionszertifikate ist dieser unrentabel geworden. 2024 will Boris Johnson die letzten Kohlekraftwerke abschalten. Die Folge ist, dass das Land noch mehr auf Gasstrom angewiesen ist.
In den letzten Jahren hat Grossbritannien zudem erneuerbare Energie stark gefördert – insbesondere die Windkraft. Doch in diesem Jahr konnte ungewöhnlich wenig Windstrom produziert werden – wegen Flaute. Also braucht man auf der Insel zusätzliches Gas.

«Unpraktische und utopische Klimapolitik»

Im letzten Frühling hat die Internationale Energieagentur, eine mächtige und einflussreiche Organisation, dazu aufgerufen, weltweit auf die weitere Erschliessung von Öl- und Gasvorkommen zu verzichten. Auch der Bau weiterer Kohlekraftwerke solle sofort eingestellt werden (siehe hier). Dabei ist die Welt zu über 80 Prozent von fossilen Brennstoffen abhängig. Grossbritannien weiss nun schon heute, wie die Folgen solcher Empfehlungen aussehen.

«Die unpraktische und utopische Klimapolitik hat zu einem wachsenden Risiko für die britische Gasversorgung und die nationale Sicherheit geführt und Grossbritannien der Gnade Putins Russland ausgeliefert.»

Benny Peiser, Direktor «Net Zero Watch»

Ende Oktober hat Benny Peiser, Direktor der «klimaskeptischen» Plattform «Net Zero Watch» die britische Regierung aufgefordert, die Gasexploration in der Nordsee sofort wieder aufzunehmen und den Förderstopp von Schiefergas aufzuheben. «Die unpraktische und utopische Klimapolitik hat zu einem wachsenden Risiko für die britische Gasversorgung und die nationale Sicherheit geführt und Grossbritannien der Gnade Putins Russland ausgeliefert», schrieb Peiser. «Das war absolut vorhersehbar, und es ist fast zu spät, das Problem kurzfristig zu beheben.»

Kohlekraftwerke wieder am Netz

Doch das Land hat schon reagiert. In den vergangenen Wochen liess es seine Kohlekraftwerke hochfahren. Dabei wollte der Energiekonzern Drax, der das grösste Kohlekraftwerke Grossbritanniens betreibt, dieses Jahr eigentlich von Kohle auf Biomasse umsteigen. Doch jetzt ist der für 2024 geplante Kohleausstieg in Frage gestellt.

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