Empfehlungen der Internationalen Energieagentur: verantwortungslos!

Empfehlungen der Internationalen Energieagentur: verantwortungslos!

Die einflussreiche Organisation rät davon ab, neue Öl- und Gasvorkommen zu erschliessen. Das könnte ins Auge gehen.

image
von Alex Reichmuth am 25.5.2021, 16:00 Uhr
«Grösste Herausforderung der Menschheit» - IEA-Chef Fatih Birol
«Grösste Herausforderung der Menschheit» - IEA-Chef Fatih Birol
Man stelle sich vor: Ein Bauer vernichtet alle Futtervorräte für seine Tiere. Dies, weil ihm ein findiger Berater vorschwärmt, es gebe bald viel besseres Futter. Das sei zwar noch nicht erfunden, aber es werde sicher bald geliefert.
Man würde ein solches Vorgehen als verantwortungslos bezeichnen. Doch ganz ähnlich kommen die jüngsten Empfehlungen der Internationalen Energieagentur (IAE) daher. Die IAE hat letzte Woche quasi das Ende des Zeitalters der fossilen Brennstoffe ausgerufen. Das einflussreiche Gremium ist der Meinung, dass ab sofort keine Investitionen in die Erschliessung neuer Öl- und Gasvorkommen mehr erfolgen sollten. Auch der Bau weiterer Kohlekraftwerke solle sofort eingestellt werden.
Über 80 Prozent der weltweiten Energieversorgung beruhen auf fossilen Brennstoffen. Ohne Öl, Gas und Kohle würde die Welt quasi stillstehen. Verkehr, Industrietätigkeit und Nahrungsmittelproduktion gäbe es kaum mehr. Zwar ist es im Zuge der Klimakampf-Euphorie salonfähig geworden, die fossilen Brennstoffe totzusagen. Doch wer rechnen kann und sieht, wie gross die zu ersetzende Energiemenge ist, glaubt kaum, dass eine Netto-null-Welt bis Mitte des Jahrhunderts erreichbar ist.

Das Fell des Bären schon verkauft

Das ist zwar auch der IEA irgendwie klar. Darum setzt sie auf Durchhalteparolen: Die Hälfte der notwendigen Minderung der globalen CO2-Emissionen müsse durch neue Technologien erreicht werden, die bislang noch nicht marktreif sind. Mit anderen Worten: Hier wird das Fell des Bären verkauft, bevor dieser erlegt ist. Die IEA setzt etwa auf bessere Batterien zur Stromspeicherung, auf die klimaschonende Herstellung von Wasserstoff oder auf die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre. All diese Technologien sind höchstens in Ansätzen erprobt und noch Lichtjahre davon entfernt, im grossen Stil eingesetzt werden zu können. Utopia!

Ohne ausreichend Kohle, Gas und Öl drohen Armut, Hungersnöte und Verteilungskriege.


Was aber, wenn solche Wetten auf die Zukunft nicht aufgehen? Die Erschliessung neuer Öl- und Gasvorkommen dauert viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Wenn jetzt darauf verzichtet wird, Ausschau nach künftigen Fördermöglichkeiten zu halten, kann das ins Auge gehen. Ohne ausreichend Kohle, Gas und Öl drohen Armut, Hungersnöte und Verteilungskriege. Ironie der Geschichte: Noch bis vor wenigen Jahren pochten die IEA-Fachleute jeweils mit Nachdruck auf höhere Investitionen in neue Öl- und Gasfelder - weil ansonsten Versorgungsengpässe drohten.
Die neuen Verlautbarungen der IEA aber tönen wie die von Fridays-for-Future-Aktivisten. Die Bekämpfung des Klimawandels sei «die vielleicht grösste Herausforderung, der die Menschheit jemals gegenüberstand», schwadronierte IEA-Chef Fatih Birol. Die Schrecken der Pest oder der Weltkriege – um nur zwei Beispiele zu nennen – hat er offenbar vergessen. Nötig sei «eine noch nie dagewesene Transformation», so Birol weiter.

Halbierung des Ölpreises

Die IEA erwartet weiter, dass die Nachfrage nach Öl wegen dieser «Transformation» so rasch zurückgeht, dass der Ölpreis bis 2030 auf 35 Dollar pro Fass sinkt - halb soviel wie heute. Darum könnten sich viele Anlagen zur Förderung von Öl und Gas als Fehlinvestition erweisen und für die Investoren zu Verlusten führen. Gewinnbringend Öl fördern, so die IEA, könnten dann nur noch Länder mit einfach erschliessbaren Reserven – insbesondere die Opec-Staaten.

Die IEA erwartet, dass die Nachfrage nach Öl so rasch zurückgeht, dass der Ölpreis bis 2030 auf 35 Dollar pro Fass sinkt - halb soviel wie heute.


Die Internationale Energieagentur, bei der auch die Schweiz Mitglied ist, wurde in den letzten Jahren regelmässig kritisiert, sie unterschätze das Wachstum der erneuerbaren Energien. 2019 bemängelte eine Organisation, in der sich über 170 europäische Pensionskassen und andere institutionelle Investoren zusammengeschlossen hatten, die IEA-Prognosen verleite Geldgeber zu weiteren Investitionen in Öl und Gas statt in alternative Energien. Solche Ermahnungen hat sich die Agentur nun offenbar zu Herzen genommen.

Mehr von diesem Autor

image

Südseeinseln: Wachstum statt Untergang

Ähnliche Themen

image

Ganz der Alte, völlig neu und doch vertraut