Im goldenen Käfig: Wie Neuseeland Corona bekämpft

Im goldenen Käfig: Wie Neuseeland Corona bekämpft

Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern spricht seit anderthalb Jahren davon, dass man in diesen Pandemiezeiten «nett» zueinander sein soll. Doch bekunden sie und ihre Regierung selber grosse Mühe damit, das vorzuleben. Denn vieles lässt einen an der Covid-Strategie des Inselstaats erschauern.

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von Matthias Stadler am 21.9.2021, 12:30 Uhr
Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern an einer Pressekonferenz zu Corona ende August. (Bild: Keystone)
Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern an einer Pressekonferenz zu Corona ende August. (Bild: Keystone)
Neuseeland machte zu Beginn der Pandemie einiges richtig. Ardern spielte die Trümpfe des abgelegenen Landes aus. Sie schottete die Nation im März 2020 vom Rest der Welt ab, um zu sehen, wie sich dieses neue Virus verhält. Die Bevölkerung schickte sie in einen der weltweit strengsten Lockdowns. Die Bevölkerung zog mit, sie hielt sich ausserordentlich gut an die strengen Vorgaben.
Keine zwei Monate später konnten die «Kiwis» die Früchte ernten. Sie hatten das Virus eliminiert. Mit Ausnahme der geschlossenen Grenzen kehrte Normalität in den Südpazifik zurück. In kaum einem anderen Land konnten die Einwohner während der Pandemie fortan solche Freiheiten geniessen wie in Neuseeland. Auch die Bilanz mit 27 Todesfällen ist einmalig. Zwar mussten wir in Auckland, wo ich bis vor wenigen Monaten lebte, noch drei weitere Male in einen Kurz-Lockdown, doch klappte es mit der Eliminierung jeweils innert weniger Wochen oder sogar Tage. Auch ich als Journalist und kritischem Verfolger der Strategie gab zum Erstaunen meiner Frau zu: Gut gemacht, Jacinda.
Doch seither gibt es vermehrt Risse in diesem vermeintlichen, covidfreien Paradies. So war etwa das Impfprogramm lange Zeit ein Debakel. Die Regierung versprach im vergangenen November, im weltweiten Gedränge um Impfungen stehe man «zuvorderst in der Schlange». Schnell wurde klar, dass das ein leeres Politikerversprechen war. Die grossen Mengen trafen erst Mitte Juli dieses Jahres im Land ein. In der Schweiz war zu diesem Zeitpunkt schon fast die Hälfte der Bevölkerung doppelt geimpft.
Das Problem: Die Eliminierungsstrategie wird so lange verfolgt, bis ein Grossteil der Bevölkerung geimpft ist. Bis dahin gibt es auch bei kleinsten Ausbrüchen radikale Lockdowns, wie etwa Mitte August, als das Land erneut lahmgelegt wurde. Die Metropole Auckland befindet sich auch jetzt noch im Lockdown.
Hinzu kommen weitere Probleme: Auch heute, anderthalb Jahre nach Ausbruch der Pandemie, sitzen noch immer unzählige Neuseeländer im Ausland fest, weil sie keinen Platz in den Isolationshotels ergattern können. Dorthin werden die Rückkehrer gebracht, wenn sie im Land ankommen. Zwei Wochen müssen sie im Zimmer absitzen – egal ob geimpft oder nicht. Die Anzahl Zimmer wird dabei bewusst tief gehalten. Das führt dazu, dass wir faktisch nicht ausreisen können, da kaum Plätze für die Rückkehr vorhanden sind. Wir sitzen also im goldenen Käfig.
Zudem wurden haarsträubende Fälle publik: Ein sterbenskranker Neuseeländer, der in Japan lebte, erhielt lange keine Spezialgenehmigung für ein Isolationszimmer. Er wollte die letzten Tage in seiner Heimat verbringen, die Regierung gab erst klein bei, als die Medien auf den Fall aufmerksam machten. Fälle von Grosseltern, die ihre Enkelkinder seit fast zwei Jahren nicht gesehen haben, sind an der Tagesordnung. Dafür genehmigten die Behörden der australischen Kinderband Wiggles mehrere Zimmer in Isolationshotels.
Sehr «nett» geht die Regierung auch nicht mit Covid-Infizierten um. Wenn es im Land einen Ausbruch des Virus gibt, wird jeder Infizierte, egal, ob 20-jährig oder 70, in ein Quarantänehotel gesteckt, bis er geheilt ist. Wenn während eines Lockdowns Menschen sterben, dürfen nicht einmal die engsten Angehörigen an die Beerdigung. So war es einem Mann Ende August nicht erlaubt, bei der Beisetzung seiner Frau, mit der er 53 Jahre verheiratet war, auf dem Friedhof anwesend zu sein. Ansonsten würde die Polizei gerufen. Nicht sehr «nett», Jacinda.
Natürlich muss man auch sagen, dass Neuseeland im Grossen und Ganzen nach wie vor sehr gut dasteht. Der Einzelne nimmt sich zurück, das Kollektiv ist wichtiger. Vieles wurde richtig gemacht. Doch wenn in einer Demokratie Freiheiten so radikal unterdrückt werden, muss man sich schon fragen, wie lange das die Bevölkerung noch mitträgt. Doch diese scheint sich kaum an den harten Massnahmen zu stören. Kritik wollen viele Neuseeländer nicht hören, vorallem nicht von Ausländern. Eine Mehrheit steht nach wie vor hinter der Regierung. Man habe kaum Tote zu beklagen und lebe hier im Paradies, die ganze Welt sei neidisch auf Neuseelands erfolgreiche Pandemiebekämpfung. Und überhaupt: Wenn es einem nicht passe, wisse man ja, wo die Tür respektive der nächste Flughafen sei.
Man muss sich auch fragen, wie es weitergehen soll. Zwar hat Ardern durchblicken lassen, dass sie im ersten Quartal 2022 die Grenzen teilweise öffnen will und auch die Eliminierungsstrategie nicht ewig weiterverfolgt werden soll. Doch ob es schon bald soweit ist, ist alles andere als in Stein gemeisselt. Wir werden hier in Neuseeland möglicherweise noch eine Weile «nett» zueinander sein.
Matthias Stadler ist freischaffender Ozeanienkorrespondent und lebt im neuseeländischen Wanaka.

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