Eine Dokumentation über einen Vergewaltiger? Wohl eher eine Liebes-Schnulze

Eine Dokumentation über einen Vergewaltiger? Wohl eher eine Liebes-Schnulze

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von Stefan Bill am 1.4.2021, 06:09 Uhr
Ausschnitt aus «Die Aufseherin und der Häftling: Liebesflucht aus dem Gefängnis». Quelle: SRF DOK
Ausschnitt aus «Die Aufseherin und der Häftling: Liebesflucht aus dem Gefängnis». Quelle: SRF DOK
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Medienkritik: Die Gefängnisaufseherin Angela Kiko verhalf dem verurteilten Vergewaltiger Hassan Kiko im Februar 2016 zur Flucht aus dem Gefängnis. Nun wurde ein SRF-DOK-Film darüber gedreht. Die Flucht sorgte bereits für negative Schlagzeilen, der Film nun ebenso.

Der Titel des Films verrät eigentlich bereits dessen Inhalt: «Die Aufseherin und der Häftling: Liebesflucht aus dem Gefängnis». Was wie ein Liebesdrama klingt, ist auch wie eines aufgezogen. Der neueste SRF-DOK-Film von Rolando Colla pflanzt einem ein Bild von einem zu Unrecht Verurteilten in den Kopf, der keinen anderen Ausweg als die Flucht aus dem Gefängnis hatte.
Die ersten sieben Minuten des Filmes erläutern zwar die Ausgangslage, die zur Flucht geführt hat. Sie zeigen Ausschnitte aus der Tagesschau, von Talk Täglich und diverse Medienberichte. Dabei wird auch erwähnt, warum Hassan Kiko im Gefängnis sitzt. Nämlich weil er zweimal wegen sexueller Nötigung und einmal wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen verurteilt worden ist. Doch was im Anschluss in fünf Akten erzählt wird, ist Kitsch pur.
Zu hören bekommt der Zuschauer Sätze wie: «Ich liebe ihn sehr. Aber ich bin auch in ihn verliebt. Ich glaube nicht, dass sich das jemals ändern wird» oder «die fünf Wochen zusammen war die schönste Zeit meines Lebens». Auch Szenen, in denen die beiden sich durch die Zellentüre küssen, dürfen natürlich nicht fehlen. Würde man ein Trinkspiel spielen, und jedes Mal einen Schluck nehmen, wenn etwas Schnulziges gesagt oder gezeigt wird, hätte man wohl am nächsten Tag den Kater seines Lebens.

Vom Täter zum Opfer

Doch die Opfer von Hassans Straftaten, die gemäss Angela so «nie stattgefunden haben», werden fast gar nicht erwähnt. Vielmehr macht Hassan sich selbst zum Opfer: «Angela war der einzige Mensch, der an mich geglaubt hat.» Um die Opferrolle zu spielen, bietet sich den beiden auch genügend Gelegenheit. Rund 22 Minuten Redezeit wird ihnen in dem knapp 50-minütigen Film zugestanden. Mit Abstand mehr als allen anderen Protagonisten. In diesen 22 Minuten nennt Angela ihren Hassan einmal selbst einen «verurteilten Vergewaltiger». Das ist dann auch bereits ein von fünf Mal, dass das Wort im Film fällt. Die einzigen kritischen Worte, die man zu hören bekommt, stammen vom Leiter des Limmattaler Gefängnisses, aus dem Hassan Kiko geflohen ist. Der Leiter scheint durch seine Aussagen jedoch vor allem die Schuld für die begangenen Fehler abtreten zu wollen.
Apropos Fehler: Selbst der grösste Fehler, die zwei Personen auf der Flucht begehen können, wird im Film als Hilferuf dargestellt. Die zwei wandten sich aus Geldnöten per Videobotschaft an die Schweizer Strafverfolgungsbehörden in der Hoffnung auf eine «humanitäre Lösung». Das sei der alternative Weg zum «richtig kriminell werden» gewesen, sagt Angela. Dass die Vergewaltigung einer Minderjährigen und die Hilfe zum Ausbruch aus einem Gefängnis bereits «richtig kriminell» ist, hat sie dabei wohl verdrängt.

Kein Happy-End

Aufgrund dieser Videobotschaft konnte die italienische Polizei die beiden schliesslich in Romano di Lombardia verhaften. Daher endet der Film ohne Happy-End. Zwar heirateten die beiden später im Gefängnis, weshalb sie nun seinen Namen trägt, doch Hassan sitzt noch immer. Trotzdem würde er wieder ausbrechen, für die fünf Wochen in Italien. Angela sagt dazu: «Es war wie im Film, aber es war echt!» Nun hat sie auch einen Film bekommen. Und statt einer Dokumentation ist es genau die Liebesschnulze geworden, die sie sich wohl gewünscht hatte.
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