Klimaschutz

Eine deutsche Journalistin rät zur Kriegswirtschaft

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25.04.2023
«Grünes Schrumpfen»: Journalistin und Historikerin Ulrike Herrmann. Bild: Wikipedia
«Grünes Schrumpfen»: Journalistin und Historikerin Ulrike Herrmann. Bild: Wikipedia
Eine Kriegswirtschaft, wie sie Grossbritannien während des Zweiten Weltkriegs hatte. Das empfiehlt Ulrike Herrmann, Autorin des Beststellers «Das Ende Kapitalismus», als weltweites Modell zur Abwendung einer Klimakatastrophe. Das Buch hat grosse Wellen geworfen.
Diese «Überlebenswirtschaft», wie sie Herrmann nennt, ist von Verboten, Verzicht und Rationierung geprägt. Flugreisen sind nicht mehr erlaubt, Autos gibt es kaum noch. Wohnraum wird zugeteilt. Fleisch kommt nur noch selten auf den Teller.
Es gibt in der Welt nach dem Ende des Kapitalismus, wie sie sich Ulrike Herrmann vorstellt, zwar noch private Unternehmen. Doch was und wie viel sie produzieren, wird ihnen vom Staat vorgeschrieben. Jeder Mensch hat ein fixes CO₂-Budget. Konsumiert werden darf nur noch so viel, wie ökologisch verträglich hergestellt werden kann. Wirtschaftliches Wachstum ist nicht mehr möglich.

Was wichtig ist:

«Der Kapitalismus war ausserordentlich segensreich»

Wer solches liest, mag danken, dass Herrmann, die bei der Berliner «Tageszeitung» arbeitet, schlicht eine Sozialistin ist, die den Kapitalismus schon immer abschaffen wollte. Doch damit wird man der Journalistin und Historikerin nicht gerecht. Ihr Buch ist nicht einfach ideologisch verbrämt, sondern vielschichtig.
Es sei keine frohe Botschaft, den Kapitalismus zu beenden, schreibt Herrmann. Denn: «Der Kapitalismus war ausserordentlich segensreich.» Doch jetzt, wo sich die Erde wegen des Menschen erwärme, habe er keine Zukunft.
Aus Herrmanns Buch spricht eine erfrischende Ehrlichkeit. Sie rechnet mit grünen Träumereien ab. Sie zeigt auf, was sogenannter Klimaschutz bedeutet, wenn man ihn wirklich ernst nimmt. Vieles, was die Journalistin schreibt, ist zwar bitter, aber richtig. Und dennoch: Mit ihrem Fazit liegt Herrmann letztlich falsch.
Über den Schrecken des Klimawandels muss man mit Ulrike Herrmann nicht diskutieren. Für sie ist er ein Fakt: «Wissenschaftlich besteht kein Zweifel mehr, dass die Klimakatastrophe extrem bedrohlich ist und die Menschheit sogar auslöschen kann.»

«Unendliches Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich»

In der Vergangenheit seien zwar viele Untergangsszenarien falsch gewesen. Aber diesmal sei es wirklich ernst: «Wenn wir die emittierten Treibhausgase nicht auf netto null reduzieren, geraten wir in eine ‘Heisszeit’, die ganz von selbst dafür sorgt, dass die Wirtschaft schrumpft. In diesem Klimachaos käme es wahrscheinlich zu einem Kampf aller gegen alle, den unsere Demokratie nicht überleben würde.»
Kapitalismus wiederum, so Herrmann, bedinge zwingend Wachstum. «Dieser Wachstumszwang kollidiert mit dem begrenzten Planeten Erde: Unendliches Wachstum ist in einer endlichen Welt nicht möglich.»
«Grünen Wachstums» jedoch, wie es viele Politiker, Wissenschaftler und auch Aktivisten vorgaukelten, sei eine «Illusion». Um das zu belegen, geht Herrmann die verschiedenen Versprechen durch, die in diesem Zusammenhang gemacht werden: Die Abscheidung und Lagerung von CO₂ werde nur in geringem Mass möglich sein. Auch Atomstrom reiche bei weitem nicht, um die fossilen Brennstoffe abzulösen. Wind- und Sonnenenergie wiederum würden unzuverlässig anfallen. Ausreichende Speicher, um Dunkelflauten zu überstehen, seien nicht in Sicht.

«Die technische Effizienz kann das Klimaproblem nicht lösen, weil die eingesparten Rohstoffe prompt genutzt werden, um noch mehr Güter herzustellen und Wachstum zu erzeugen.»

Ulrike Herrmann
Überhaupt könne Ökostrom nicht ansatzweise in den notwendigen Mengen bereitgestellt werden, um etwa die Produktion von Chemikalien, Stahl oder Beton aufrechtzuerhalten. «Ökostrom ist teuer, nicht billig. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass ‘die Sonne keine Rechnung schickt’», schreibt Herrmann.

«Es ist radikales Energiesparen angesagt»

Falsch seien aber auch die Versprechen, Wachstum könne sich vom Material- und Energieverbrauch entkoppeln. Zwar gebe es Effizienzgewinne, diese würden aber durch eine Ausweitung des Konsums sofort zunichtegemacht. «Die technische Effizienz kann das Klimaproblem nicht lösen, weil die eingesparten Rohstoffe prompt genutzt werden, um noch mehr Güter herzustellen und Wachstum zu erzeugen.»
Um die Welt vor der Klimahölle zu retten, bleibe darum nur eine geordnete Beendigung des Kapitalismus und «grünes Schrumpfen»: «Es ist radikales Energiesparen angesagt», so Ulrike Herrmann. Deutschland etwa müsse mit der halben Wirtschaftsleistung auskommen – mit so viel wie 1978. «Niemand litt damals darunter, dass es Erdbeeren und Spargel nur im Frühsommer gab, und keine Kiwis aus Neuseeland eingeflogen wurden.»
Die Autorin beruhigt: «Kein Mensch würde hungern, und das Leben wäre weiterhin schön.» Alle hätten mehr Zeit, «die wesentlichen Dinge des Lebens zu geniessen».
Allerdings, und das ist sich Herrmann bewusst, sei der Ausstieg aus dem Kapitalismus kein einfacher. «Eine schrumpfende Wirtschaft endet schnell im Chaos.» Zudem gebe es ein grundsätzliches Problem: «Die Wirtschaft kann nur klimaneutral werden, wenn sie schrumpft, aber genau dieses Schrumpfen würde es fast unmöglich machen, den grünen Umbau zu finanzieren.» Die Autorin stellt fest: «Für diesen Übergang hat die Degrowth-Bewegung keine Lösung.»

Eine Kriegswirtschaft in Friedenszeiten ist eine Illusion

Wie der Übergang zu einer Kriegswirtschaft wie in Grossbritannien ab 1939 konkret erfolgen soll, dafür hat Herrmann allerdings auch keine Lösung. Zumindest wird diese aus dem Buch nicht klar. Die Autorin spricht von einer «Planwirtschaft, die damals bemerkenswert gut funktionierte», die sich aber «fundamental» von Sozialismus unterscheide. Es sei in Grossbritannien zwar rationiert worden, aber es habe keinen Mangel gegeben. «Die Rationierungsprogramme waren so beliebt, weil jeder Brite genau das Gleiche bekam.»

Das Werk von Ulrike Herrmann wirkt desillusionierend – und das zurecht: Wer meint, dass die Welt bis in wenigen Jahrzehnten das Netto-null-Ziel ohne wesentlichen Verzicht erreichen kann, ist gutgläubig.

Ulrike Herrmann ahnt, dass ihre Empfehlung toter Buchstabe bleiben wird: «Eine ‘Überlebenswirtschaft’ scheint derzeit politisch nicht durchsetzbar’», konstatiert sie am Ende ihres Buches. Man muss es deutlicher formulieren: Eine Kriegswirtschaft in Friedenszeiten durchzusetzen – in denen wir trotz Klimawandel immer noch leben –, ist eine Illusion.
Ansonsten wirkt das Werk von Ulrike Herrmann desillusionierend – und das zurecht: Wer meint, dass die Welt bis in wenigen Jahrzehnten das Netto-null-Ziel ohne wesentlichen Verzicht erreichen kann, ist gutgläubig. Es wird nicht gelingen, die Wirtschaft bis 2050 zu dekarbonisieren und gleichzeitig den Wohlstand zu bewahren oder gar noch auszubauen. Das Gerede von einer «Energiewende», die uns alle reicher macht, ist nutzloses Geschwätz.

Weniger Ressourcenbedarf trotz Wirtschaftswachstum

Weil gleichzeitig das ‘grüne Schrumpfen’, das Herrmann propagiert, kaum durchsetzbar ist – zumindest nicht auf demokratische Art –, bleibt für diejenigen, die uneingeschränkt an die Klimakatastrophe glauben, wenig Hoffnung: Die Welt wird wohl bald untergehen.
Alle anderen tun gut daran, weiterhin auf den Kapitalismus zu setzen. Denn Ulrike Herrmann wischt in ihrem Buch das sogenannte «qualitative Wachstum» voreilig beiseite: Die Wirtschaft kann tatsächlich auch gedeihen, wenn der Verbrauch an Ressourcen und Energie stagniert – oder sogar abnimmt.
Offenbar kennt Ulrike Herrmann das Buch «Mehr aus weniger» von Andrew McAfee nicht. Darin belegt der amerikanische Ökonom im Detail, wie sich die Wirtschaftsleistung und die Ressourcenverbrauch in den letzten Jahren immer mehr entkoppelt haben.
McAfee Andrew
McAfee zeigt anhand einschlägiger Daten, dass dieser Verbrauch in den USA seit etwa der Jahrtausendwende sogar rückläufig ist, trotz rasantem Wachstum. So wird heute in Amerika deutlich weniger Aluminium, Nickel, Kupfer und Stahl verbraucht. Auch der Bedarf an Kunstdünger und Wasser ist rückläufig. Ebenso wird weniger Zement, Sand, Kies oder Holz eingesetzt. Seit 2008 nimmt in Amerika sogar der Energieverbrauch ab – absolut, wohlverstanden.

Qualitatives Wachstum bald auch in Schwellenländern?

«Es findet eine grosse Kehrtwende unserer aus dem Industriezeitalter stammenden Angewohnheiten statt», hält Andrew McAfee fest. Schwellenländer, insbesondere Indien und China, seien wahrscheinlich noch nicht in die Phase der Dematerialisierung eingetreten. «Aber ich sage jetzt schon voraus, dass auch sie in nicht allzu ferner Zukunft mehr aus weniger machen werden, was zumindest manche Rohstoffe angeht.»
Noch gibt es also keinen Grund, das Ende des Kapitalismus auszurufen.
Ulrike Herrmann: «Das Ende des Kapitalismus», Kiepenheuer & Witsch, 2022
Andrew McAfee: «Mehr aus weniger», DVA, 2020
Herrmann Buchcover

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