Was darf «man» überhaupt noch sagen? Ein Wort zum Unwort «Jemensch».

Was darf «man» überhaupt noch sagen? Ein Wort zum Unwort «Jemensch».

«Man» wird zu «mensch». «Jemand» wird zu «jemensch». Wo ziehen wir die Grenze? Ab wann wird es lächerlich?

image
von Stefan Bill am 13.4.2021, 11:00 Uhr
Langsam wird es verwirrend. (Bild: Shutterstock)
Langsam wird es verwirrend. (Bild: Shutterstock)
Einige diskutieren noch, ob sie lieber ein Sternchen oder doch lieber eine Lücke sehen würden, andere sehen beim Thema gendergerechte Sprache längst nur noch Sternchen. Und nun hat die Diskussion ein neues Level erreicht, dass selbst mir zuviel des Guten ist: «Jemensch»
«Selbst mir» schreibe ich, weil ich zu jener Generation gehöre, die bereits – zumindest teilweise – mit einer gendergerechten Sprache aufgewachsen ist. Als ich meine Lehre vor rund acht Jahren begann, sprach man bereits von Lernenden. «Lehrlinge» sagte in meinem städtischen Lehrbetrieb bereits fast niemand mehr. Vielleicht liegt das an dem verbindlichen Sprachreglement für gendergerechte Sprache, das der Stadtrat von Zürich bereits 1996 erlassen hat. Als ich aber kürzlich einen Artikel mit der Überschrift: «Wie fühlen sich die Lernenden in der Coronakrise» schrieb, musste ich feststellen, dass bereits dieses Wort einigen Lesern zu weit geht.
Ich hingegen habe dieses Wort unbewusst in meinen Wortschatz aufgenommen. Wurde mir doch auch während meines Kommunikationsstudiums immer wieder die gendergerechte Sprache eingebläut. Schliesslich hat meine Hochschule mitgeholfen den «Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren im Deutschen» der Schweizerischen Bundeskanzlei zu schreiben. Zwar gab es auch unter den Studenten vereinzelt Kritiker dieser Schreib- und nun auch Sprechweisen. Die Kritik wurde aber nicht mehr in der Vorlesung, sondern nur noch beim Feierabendbier unter Gleichgesinnten geäussert. Die Übermacht der Befürworter in unserem Studiengang und die Befürchtung, verurteilt zu werden oder zumindest end- und vor allem sinnlose Debatten führen zu müssen, waren zu gross. Doch nun macht ein neues Phänomen die Runde, das auch mir, als zwangsläufig Angepasstem, gewaltig auf die Nerven geht: Die Umwandlung von «man» zu «mensch» und von «jemand» zu «jemensch». Über diese beiden Begriffe stolpere ich immer häufiger bei meiner Lektüre, die dann meistens umgehend beendet wird.

Wo ist die Grenze?

Ein kurzer Blick in den Duden reicht, um herauszufinden, dass «jemand» vom mittelhochdeutschen Wort «ieman» oder wahlweise aus dem Althochdeutschen «ioman» abstammt, welche beide kurz und ergreifend «Mensch» bedeuten. Das Wort «man» stammt ebenfalls aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet irgendeiner oder jeder beliebige (Mensch).
Wenn das Wort «jemand» also bereits Mensch bedeutet, geht es dann gar nicht um die Bedeutung? Geht es nicht darum, alle Geschlechter miteinzubeziehen? Geht es nur darum, die Kombination aus den Buchstaben M, A und N zu vermeiden, um das Patriarchat mutig zu bekämpfen? Und falls dem so ist, wo zieht man die Grenze?
Wird der Samichlaus oder die Samichläusin – um niemanden auszuschliessen – nun «Menschderindli» verteilen? Hätte ich im vorhergehenden Satz gar nicht «niemanden» sondern «niemenschen» schreiben müssen? Wenn in der Migros die tropischen Steinfrüchte knapp werden, «menschgelt» es dann an «Menschgos»? Und was, wenn die «Menschgelware» zwar bereitstünde, aber die Lastwagen der Speditionsfirma in der Werkstatt sind, weil die Logos nicht gendergerecht waren? Immerhin schreibt der Fahrzeug- und Maschienenbaukonzern MAN die drei Buchstaben sogar gross! Sie sehen, worauf ich hinaus will.
Den Wunsch, die feminine Form besser in die Sprache einzubringen, kann ich nachvollziehen. Dass man sich an einzelne Formen gar gewöhnen kann, habe ich am eigenen Leib erfahren. Doch mittlerweile nehmen die Bemühungen zur Feminisierung der Sprache Formen an, die ich nicht mehr nachvollziehen, geschweige denn lesen kann. Mit solchen Beispielen machen jene, die für die gendergerechte Sprache einstehen, sich selbst und ihre Bewegung lächerlich. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass «mensch» genauso nach maskulinen Pronomen verlangt, wie «man». Da würde «mensch» besser bei den Worten «herrlich» beziehungsweise «dämlich» ansetzen. Diese besitzen nämlich – im Gegensatz zu «man» – eine eindeutige Konnotation.
Manch einer – Verzeihung, «menschch eine*r» aus meinem Studium wird mir wohl nach diesem Artikel die Freundschaft kündigen. Oder heisst es Freund*innenschaft? Doch wenn dadurch im nächsten Winter an den Weihnachtsmärkten keine «gebrannten Menschdeln» verkauft werden, war es mir das wert.

Mehr von diesem Autor

image

10 Fotos für 20 Jahre Swissair-Grounding

Stefan Bill1.10.2021comments

Ähnliche Themen

image

Werner Salzmann: Für eine sichere Schweiz

Nicole RuggleHeute, 12:30comments