Ein Schulbeispiel für die Corona-Panikmache

Ein Schulbeispiel für die Corona-Panikmache

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von Stefan Millius am 8.4.2021, 20:56 Uhr
Indigene am Amazonas. (Bild: Pixabay)
Indigene am Amazonas. (Bild: Pixabay)
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Brasilien steht vor der Apokalypse, und die Welt ist als nächstes dran. Grund: Eine Coronamutation. Das ist die These in einem Artikel des «Tagesanzeiger». Ein Arzt hat für uns den Text gelesen – und vergeblich nach harten Fakten und Zahlen gesucht.

In Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas, wütet die Coronamutation P1. Sie ist viel ansteckender als das Original, trifft auch Menschen, die bereits früher an Covid-19 erkrankt waren und rafft selbst Junge dahin. P1 ist Ausgangspunkt für weitere Mutationen und damit eine Gefahr für die ganze Menschheit.
Das alles steht in einem Artikel des «Tagesanzeiger» (kostenpflichtig) mit 21’607 Anschlägen. Bei dieser Länge fragt man sich unwillkürlich: Ist das noch ein Zeitungstext oder bereits ein Bewerbungsschreiben für eine Stelle bei der «Republik»?

Totengräber und trauernde Mutter

Allerdings kann auch in viel Text wenig Information stecken. Wir lernen in der Reportage zwar viele Leute kennen: Einen völlig überlasteten Totengräber, ein 35-jähriges Wunder aus der Welt der Wissenschaft, eine trauernde Mutter und so weiter. Aber auf diesem langen Weg sind dem Reporter erstaunlich wenig harte Zahlen begegnet.
Das fällt nicht nur einem medizinischen Laien auf. Stephan Rietiker, Arzt und Unternehmer, hat für den «Nebenspalter» den Artikel gelesen. Rietiker betreibt die Plattform «InsideCorona», die medizinische Experten und Unternehmer verbinden will und beschäftigt sich seit langem mit dem Virus. Sein generelles Urteil über den Zeitungstext ist eindeutig:

«Das ist eine unsachliche Panikmache ohne einen Hauch von Wissenschaftlichkeit.»

Stephan Rietiker
Die wenigen Zahlen, die sich im Artikel finden, lassen sich durch offizielle Quellen bestätigen. Nur werden sie überhaupt nicht eingeordnet. Rietiker legt die Defizite aus: «Es fehlen detaillierte Angaben zur Dichte der Bevölkerung, dem Wohnraum, den sanitären Verhältnissen, dem generellen Seuchenstatus in der Region, der Ernährung, den Vorerkrankungen und so weiter, ohne die medizinisch relevante Aussagen nicht möglich sind.»

Bilder statt Fakten

Dennoch dürfte bei vielen Tagi-Lesern Angst aufgekommen sein, eben gerade, weil der Text auf Stimmung statt auf Fakten setzt. Und auf Superlative. «Die Mutante P1 befällt Brasilien, für das Land brechen die schlimmsten Tage dieser Pandemie an», heisst es da. Der Forscher, der über die Lage berichtet, «sieht mitgenommen aus, die Augen weit aufgerissen, die Stimme hastig.» Eine Aussage wie die, dass P1 viel ansteckender ist und auch scheinbar Immune attackiert, kommt von einem einzelnen Forscher, der laut dem Artikel mal kurz einen Fresszettel aus der Hosentasche nimmt und von dort abliest.
Dem Mediziner Rietiker kommt das bekannt vor. «Der Autor lehnt sich an das Narrativ unserer Behörden an, wonach P1 virulenter und damit automatisch gefährlicher sei als die ursprüngliche Variante, was nicht zutrifft.» Die Ansteckungsrate könne durchaus höher sein, eine Aussage über die Gefährlichkeit der Mutation sei das aber nicht.

«Es gibt bis heute keine einzige wissenschaftlich untermauerte Studie, die belegt, dass die COVID-Virusmutanten wirklich gefährlicher sind als das ursprüngliche Virus, zum Teil ist sogar das Gegenteil beobachtet worden.»

Stefan Rietiker
Dafür spricht für den Arzt und Unternehmer auch, dass Viren kein Interesse daran haben, ihren Wirt zu zerstören und sich damit die eigene Grundlage für die Existenz zu rauben.

«Politiker sind Banditen»

Doch unterm Strich bleibt nach der Lektüre nur die schiere Panik. Eine dem Journalisten willkommene zusätzliche Note trägt der Umstand bei, dass am Amazonas der indigene Teil der Bevölkerung stark vertreten ist. Der leidet besonders unter P1 und – laut dem «Tagesanzeiger» – unter dem Versuch der Politik, diese Gefahr zu verschweigen. Der Reporter der Zeitung hat sogar den Betreiber eines Fitnesscenters aufgegabelt, der ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift «Brasiliens Politiker sind Banditen.» Das sei «eine passende Botschaft», schreibt der Journalist und ist dabei die Objektivität in Person.
«Ich zweifle keinen Moment daran, dass sich in Brasilien eine menschliche Tragödie abspielt, wie wir das am Anfang der Pandemie gerade in Oberitalien und vereinzelt auch in den USA erlebt haben», sagt Stephan Rietiker. Hier würden aber wichtige Faktoren wie die näheren Lebensumstände der dortigen Bevölkerung einfach ausgeblendet, «was glaubwürdige Rückschlüsse auf die Schweiz nicht zulässt.» Genau das aber versucht der «Tagesanzeiger» mit dem Artikel: Eine Gefahr heraufzubeschwören, die von Brasilien aus auf dem Weg zu uns ist.

Nichts Überprüfbares

Inzwischen hat der «Tagesanzeiger» mit einem weiteren Artikel über P1 nachgedoppelt – in einem Interview mit einem Epidemiologen. Aber auch hier heisst es, sobald es um konkrete Zahlen geht: Diese lassen sich entweder aus irgendwelchen Gründen nicht erheben oder aber der brasilianische Staat unterdrückt sie aktiv.
Immerhin fällt das Wort «Banditen» diesmal nicht.
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