Ein riesen Theater: Christian Jenny vor Gericht, weil er Lieder abgeändert hat

Ein riesen Theater: Christian Jenny vor Gericht, weil er Lieder abgeändert hat

Der Sänger, Entertainer und Gemeindepräsident von St.Moritz, Christian Jenny stand am Mittwoch vor Gericht. Das Abändern von alten Liedtexten hat dem Künstler ein Strafrechtsverfahren wegen Urheberrechtsverletzung eingebracht. Das Gericht hat ihn heute freigesprochen.

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von Stefan Bill am 19.5.2021, 16:36 Uhr
Bild: Stefan Bill
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Tatort ist das Zürcher Grossmünster. Tatzeitpunkt: Die Trauerfeier von Pfarrer Ernst Sieber im Jahr 2018. Tatbestand: Das Ändern von Liedtexten ohne Einwilligung. Was absurd klingt, ist für den Präsident von St.Moritz Christian Johannes Jenny zum bitteren Ernst geworden. Weil er bei der Trauerfeier von Pfarrer Sieber eines von dessen Lieblingslieder «Mis Dach isch de Himmel vo Züri» von dem 1982 verstorbenen Werner Wollenberger zum Besten gab, hatte Christian Jott Jenny eine Anzeige am Hals. Genauer: Weil er «vorsätzlich und unrechtmässig ein Werk geändert» haben soll. Dies ohne bei den Erben von Werner Wollenberger um Erlaubnis zu bitten. So steht es zumindest in der 16-seitigen Anklageschrift, von denen 13 Seiten Liedtexte sind.

Die Forderungen des Staatsanwalt

Doch es geht nicht nur um die Trauerfeier. Bei 22 Aufführungen der «Trittligass-Balladen», einem Freiluft-Musiktheater, soll Jenny ebenfalls acht Texte aus dem Musical «Eusi chlii Stadt» von Wollenberger aus dem Jahr 1959 verändert haben. Gemäss Anklageschrift hat er beispielsweise den Anfang eines Textes weggelassen und direkt beim Refrain begonnen, zudem hat er «ev. nicht der ganze Refrain gesungen».
Wenn es nach dem Staatsanwalt ginge, sollte Jenny nun nebst den Urheberrechtsgebühren, die Jenny richtigerweise über die Suisa bezahlt hatte, eine Geldstrafe über 33’300 Franken und eine Busse von 8300 Franken wegen Urheberrechtsverletzung bezahlen. Denn ein Kunstwerk darf man nur abändern, wenn es sich um eine Parodie handelt oder wenn man die Einwilligung des Künstlers oder im diesen Fall die der Erben hat. Die Erben wollten im Vorfeld 20’000 Franken für die Änderung der Werke. Da man sich nicht einig wurde, musste nun das Gericht entscheiden.

Die Verhandlung

So ulkig wie der Fall klingt, war auch die Verhandlung. Bereits bei der Nennung der Personalien sorgte Jenny für einige Schmunzler. Die Richterin nannte ihm einige seiner «Alter Egos», die ihr angegeben wurde. «Die sind heute nicht hier», antwortete Jenny. Als er aufgefordert wurde seinen Lebenslauf darzulegen sagte Jenny nur: «Musikhochschule, Gemeindepräsident. Oder wollen Sie es detaillierter?» Das wollte die Richterin nicht. Dafür wollte sie wissen, was er verdient und welche Ausgaben er hat. Das könnte für die Höhe einer allfälligen Busse eine Rolle spielen. «Es ist immer irgendwie aufgegangen», so die Antwort. Was denn seine Frau verdiene? «Das weiss ich nicht, aber es ist genug.» Vorstrafen habe er ja keine, aber ob es noch laufende Verfahren gegen ihn gebe, so die Richterin? Das gebe es. In Graubünden. «Wegen Fahren mit Fahne», antwortete Jenny. Das tue hier und heute aber nichts zur Sache, hielt die Richterin fest.

«Das Weglassen von Texten als eine Veränderung zu sehen, ist eine interessante Interpretation»

Christian Jenny vor Gericht
Dann befragte sie Jenny zum Fall. Der Vater von drei Kindern gab zu Protokoll, die Texte nicht verändert zu haben. Er könne nur sagen, dass er die Texte aufgeführt hatte. Auch habe er durch die Aufführungen der Liedtexte nichts verdient. «Es war einfach eine Herzensangelegenheit», sagte Jenny. Die Motivation sei gewesen etwas am Leben zu erhalten, das sonst aussterben würde. Daraufhin wollte die Richterin wissen, was der Sinn dahinter sei, einzelne Passagen wegzulassen. Es werde auf der Bühne oft improvisiert, so die Antwort des Beschuldigten. Man lasse etwas weg, beispielsweise weil man es vergessen habe. Das sei ganz normal. «Bei der Gedenkfeier für Pfarrer Sieber beispielsweise musste ich weinen. Daher musste ich einige Strophen weglassen. Das wüsste der Staatsanwalt, wenn er «TeleZüri» geschaut hätte. Das Weglassen als Veränderung zu sehen, ist aber eine interessante Interpretation.» Die Trittligass-Balade sei zudem von Anfang an und von A bis Z als Parodie geplant gewesen, sagte Jenny.
Das liess der Verteidiger der Privatkläger, also des Sohnes von Wollenberger, nicht gelten. Die Parodie unterscheide sich von Kürzungen, denn diese dienen nicht der Kritik. Eine Parodie durch das Weglassen von Strophen gebe es nicht.
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In Anbetracht der vielen Medienschaffenden vor Ort bezeichnete die Richterin den Fall als ein Fall von grossem öffentlichem Interesse. (Bild: Stefan Bill)

Der Entscheid

Die Einzelrichterin hat Jennys Werke allerdings als Parodie anerkannt und ihn für unschuldig erklärt. Das Gericht habe eine Gesamtbetrachtung gemacht und nicht, wie der Staatsanwalt, akribisch die einzelnen Texte miteinander verglichen. Die Texte von Jenny seien klar als Werke zweiter Hand erkennbar und wiesen humoristische Wirkung auf. Jenny wurde für die anwaltlichen Kosten und für das Strafverfahren eine Entschädigung von 25’000 Franken zugesprochen. Wobei die Richterin mit einem Schmunzeln zu bedenken gab, dass Jenny sich einen sehr guten Anwalt genommen habe, der zum Teil Leistungen doppelt verrechnet habe oder zumindest mehrere Anwälte an den Recherchen beteiligt waren. Kurz zusammengefasst: Der Anwalt war sehr teuer. Das müsse man bedenken und Jenny einen Teil selbst übernehmen. «Den teuren Anwalt zahle ich gerne», sagte Jenny nach dem Urteil. Er sei sehr froh, dass das Gericht so entschieden habe. «Es ist ein Urteil für die Freiheit der Kunst und für die Meinungsfreiheit», sagte Jenny abschliessend. Das Urteil ist noch nichts rechtskräftig.

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