Ein Mittelfinger – und eine Spurensuche

Ein Mittelfinger – und eine Spurensuche

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von Stefan Millius am 2.4.2021, 19:03 Uhr
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Was will eine Nationalrätin genau sagen, wenn sie auf einen Medienbericht nicht mit Worten, sondern mit einem ausgestreckten Mittelfinger reagiert? Es ist ein Rätsel. Denn es gibt viele mögliche Deutungen – aber welche stimmt?

Die SP-Frau Samira Marti wurde Ende 2018 in den Nationalrat gewählt. Pardon, nicht ganz korrekt: Sie wurde von ihrer Vorgängerin Susanne Leutenegger Oberholzer strategisch geschickt ins Bundeshaus reingelassen, indem diese ein knappes Jahr vor den Neuwahlen zu Martis Gunsten zurücktrat und ihr so 2019 die problemlose Wiederwahl als Bisherige ermöglichte.

Sklaven und Verschwörer

Aber wie auch immer: Nun darf die 27-Jährige aus Liestal – ausgerechnet Liestal! – jedenfalls im Nationalrat wirbeln. Jüngst tat sie das mit einem Vorstoss, mit dem sie den Bundesrat nötigen wollte, sich historisches Wissen über die Sklaverei anzueignen. Was sehr wichtig ist, weil die Sklaverei ein aktuell in der Schweiz schwer verbreitetes Problem ist. In einem zweiten Vorstoss regte Samira Marti an, Anlaufstellen zum Thema «Verschwörungsthesen» anzubieten. Auch das ist eine gute Idee. Geschlossene Restaurants, offene Verschwörungs-Anlaufstellen: Nur so kommt ein Land vorwärts.
Mit diesen zwei Aktionen schaffte es die Baselbieterin in die Auswahl des «Nebelspalter» für die acht sonderbarsten Vorstösse der letzten Session. Gleich zwei Platzierungen bei 246 Bundesparlamentariern: Das muss man erst einmal schaffen. Marti war sichtlich gerührt ob so viel Ehre, gleichzeitig aber enttäuscht, dass es dennoch nur ein Bild von ihr in die Zeitung schaffte. Sie lieferte umgehend eines nach:
Der Service Public der Nationalrätin kam bei der notorisch bildschwachen Redaktion gut an, gleichzeitig eröffnete er Fragen. Was genau hat der ausgestreckte Mittelfinger zu bedeuten? War es nur eine Art spastische Zuckung? Oder ist er gar eine versteckte Botschaft?

Grosser Bruder?

Die erste Vermutung: Marti setzte auf Gebärdensprache, weil Twitter zu wenig Zeichen erlaubt, um beispielsweise – was sehr viel mehr Sinn gemacht hätte – einfach zu erklären, was ihre kuriosen Vorstösse denn nun eigentlich genau sollten. Im deutschsprachigen Raum nutzen Gehörlose den ausgestreckten Mittelfinger allerdings nicht. Anders als in Japan, wo man damit «grosser Bruder» sagt. Aber als den sieht die SP-Nationalrätin den «Nebelspalter» vermutlich nicht.
Vielleicht ist die Frau aber auch einfach geschichtsaffin? Denn die Geste geht schon auf das antike Griechenland zurück, wo damit ein «erigierter Penis im Sinn einer sexuell konnotierten Drohung» gemeint war, wie Wikipedia weiss. Auch das scheint eher unwahrscheinlich: Eine Penisdrohgebärde einer SP-Frau? Ausgerechnet?

Stricher oder Johnny Cash?

Es gibt auch eine weitere historische Herleitung: Im alten Rom sollen sich Strichjungen potenziellen Kunden zu erkennen gegeben haben, indem sie sich mit dem Mittelfinger durch die Haare fuhren. Auch das scheint in Bezug auf Samira Marti keine ganz schlüssige Erklärung. Sie ist schliesslich keine Römerin und alt schon gar nicht.
Oder wollte sie etwa einfach nur zeigen, dass sie Fan von Johnny Cash ist? Bevor der die Geste 1969 bei einem Konzert einsetzte und ein Pressefotograf abdrückte, kannte man sie im deutschsprachigen Raum nämlich kaum. Aber Cash starb, als die Nationalrätin gerade mal neun Jahre alt war. Und überhaupt: Darf eine Sozialdemokratin «Cash» cool finden?

Deutschland ist strenger

Sicher ist nur: Würde Samira Marti im deutschen Bundestag statt im Schweizer Nationalrat sitzen, dürfte ihr der Mittelfinger nicht so locker sitzen. Unsere nördlichen Nachbarn interpretieren den sogenannten «Stinkefinger» juristisch als Beleidigung. Diese muss sich nicht mal gegen eine Person richten. Wer beispielsweise einer Überwachungskamera den Mittelfinger zeigt, kann bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe kassieren. Zwar kann man eine Kamera nicht beleidigen, aber den Menschen, der «dahinter» sitzt.
In der Schweiz gilt das nicht, strafrechtlich droht der Nationalrätin also nichts. Und beleidigt ist beim «Nebelspalter» sowieso niemand. Die Redaktion sieht es eher pragmatisch: Solange Samira Marti mit ausgestrecktem Mittelfinger posiert, schreibt sie immerhin keine Vorstösse.
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