Ein Lob den alten Ingenieuren

Ein Lob den alten Ingenieuren

Warum die Wasserkraft die konzentrierteste Form von Sonnenenergie ist und weshalb das früher so erfolgreiche Geschäftsmodell heute trotz Stromknappheit so unter Druck geraten ist.

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von Markus O. Häring am 16.9.2021, 07:00 Uhr
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Am vergangenen Wochenende genossen wir das herrliche Spätsommerwetter mit einer Bergwanderung im hintersten Maggiatal. Mit der Lastseilbahn gelangt man von San Carlo zum Lago di Robiei und dann in einer zweistündigen Wanderung zum 2300 m hoch gelegenen Lago die Cavagnöö. Er gehört nicht zu den grössten, ist aber einer der höchsten Speicherseen der Schweiz. Gestaut wird er durch eine Bogenmauer von 111 m Höhe, gebaut 1968.
Beim Anblick dieser Mauer wird einem erst bewusst, welcher logistischen Höchstleistung es bedurfte, ein solches Bauwerk in einem der unzugänglichsten Gebiete der Alpen zu realisieren. In einem Gebiet, das die höchsten Niederschlagsmengen der Schweiz aufweist und in welchem nur während eines kurzen Sommerhalbjahres gebaut werden kann.
Vor über 50 Jahren wurde hier in intelligenter Art und Weise ein Speicher für Wasserkraft, die konzentrierteste Form von Sonnenenergie, gebaut. Beginnend 1910, dann vor allem ab 1947 bis in die späten 70er Jahre wurden in der Schweiz über 40 Speicherseen gebaut, das Rückgrat der CO2-armen, nachhaltigen und besten Stromversorgung der Welt.
In jener Zeit haben Ingenieure nicht nur die technische Machbarkeit der Wasserkraft geprüft, sondern eben auch ökonomisch gedacht, die Projekte entsprechend optimiert und zur Ausführung gebracht. Entscheidend war, dass die Investoren darin solide Geschäftsmodelle erkannten. Es brauchte bloss Kredite, keine Subventionen. Das erfolgreiche Geschäftsmodell geriet erst in jüngster Zeit unter Druck. Und zwar nicht aufgrund der Technik, sondern durch Überregulierung und staatliche Eingriffe, wie z.B. durch stets höhere Wasserzinsen
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Entwicklung des Wasserzinses seit 1918
Gegenwärtig laufen wir offenen Auges in eine Stromknappheit. Und das in einer Zeit, in welcher die Abhängigkeit und der Bedarf an elektrischem Strom ein Mehrfaches höher ist als dannzumal. Und trotzdem ist kaum jemand bereit zu investieren. Warum konnte es so weit kommen? Weil es in einem überregulierten Energiemarkt keine geschäftlichen Anreize gibt das zu tun. Wo eventuell noch Gewinne winken, werden Wasserzinsen erhöht, wo Verluste zu erwarten sind, werden Subventionen gesprochen. Das grösste Hemmnis ist jedoch nicht die fehlende Gewinnaussicht, sondern dass heute sogar die Technik politisch vorgeschrieben wird und nicht mehr die technisch-ökonomisch beste Lösung zählt.
Es wäre doch damals niemandem in den Sinn gekommen, Solarenergie am Ort der grössten Verdünnung, also direkt aus der Strahlung zu sammeln. Nirgends wird die Kraft der Sonne mehr gebündelt als im natürlichen Wasserkreislauf. Und dann konzentrierten die Ingenieure diese mit Stauseen noch mehr, an Orten wo das Potential dazu am höchsten ist und die Produktion genau reguliert werden kann, also wie zum Beispiel in Robiei.
Diese fundamentalen physikalischen, ökonomischen und – offensichtlich – auch ökologischen Überlegungen scheinen an unseren technischen Hochschulen nicht mehr gelehrt zu werden. Sonst würden dort zum Beispiel nicht CO2-Saugmaschinen bejubelt, die das Treibhaugas aus der Atmosphäre, dem Ort der grössten Verdünnung filtern, statt am Auspuff eines Verbrennungsprozesses. Kläranlagen baut man auch am Ende der Kanalisation und nicht mitten im Ozean.
Den heutigen Energie-Experten in Verwaltung und Politik, sowie allen die an echten Lösungen interessiert sind, kann ich nur eine Wanderung zu einem dieser hochgelegenen Stauseen empfehlen. Unter einer Bogenstaumauer stehend, erhält man erst das Gefühl, wie man für unseren täglichen Wohlstand Energie in der richtigen Grössenordnung und trotzdem sehr umweltschonend bereitstellt. Das verdanken wir fähigen Ingenieuren, mutigen Baufachleuten und weitsichtigen Unternehmern, nicht lautstarken Demonstranten und alleswissenden Systemmodellierern. Zudem erhält man in der grossartigen Bergwelt jeweils eine demütigende, aber erfrischende Lektion, dass wir nicht in der Lage sind, die Kräfte der Natur vollständig zu steuern.

Markus O. Häring ist promovierter Geologe, ehemaliges Mitglied der Eidgenössischen Geologischen Kommission und Vizepräsident des Carnot-Cournot-Netzwerks.

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